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Medizin ist weiblich, der Ärztemangel männlich.
 
Gesundheitspolitik 27. Jänner 2014

ÖÄK-Symposium: Medizin wird weiblich

Herausforderungen und Chancen dieser Entwicklung waren Themen des 6. Internationalen Symposiums der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK).

Der Frauenanteil an der heimischen Ärzteschaft sei allein zwischen 2001 und 2011 von 38 auf 45 Prozent gestiegen, sagte ÖÄK-Präsident Artur Wechselberger. Mehr als die Hälfte aller Spitalsärzte und ein Drittel aller niedergelassenen Ärzte seien weiblich. Auch in Deutschland zeichne sich dieser Trend ab, erklärte die erste Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KÄV) Thüringen, Annette Rommel.

Die Zahlen der österreichischen Medizinuniversitäten sprächen eine deutliche Sprache: Nach einem kontinuierlichen Anstieg in den vergangenen 30 Jahren seien mittlerweile rund 63 Prozent der Medizin-Absolventen weiblich, woran sich Prognosen zufolge auch bis etwa 2030 nichts ändern werde, sagte ÖÄK-Präsident Wechselberger in seinem Vortrag. Gleichzeitig sei die Gruppe der Ärzte, die in absehbarer Zeit pensionsbedingt ausfallen, überwiegend männlich.

Um die medizinische Versorgung aufrechtzuerhalten, müssten also immer mehr Ärztinnen die Arbeit ihrer männlichen Vorgänger übernehmen, und zwar in allen Bereichen. Allerdings würden Medizinerinnen ihre Fachrichtung deutlich öfter nach dem Kriterium der Work-Life-Balance wählen. Dementsprechend konzentrierten sie sich stark auf die Allgemeinmedizin und bestimmte Fachrichtungen wie Gynäkologie, Dermatologie oder Radiologie, während sich nur wenige angehende Ärztinnen für die chirurgischen Fächer interessierten. "Es ist daher hoch an der Zeit, die Arbeitsbedingungen sowohl von niedergelassenen als auch von Spitalsärzten an die Bedürfnisse der nachfolgenden Generation, insbesondere der Frauen, anzupassen", erklärte ÖÄK-Präsident Wechselberger.

Gesundheitssystem in Österreich überreguliert und starr - Wirtschaft wäre längst am Ende

Allerdings stehe das überregulierte Gesundheitssystem in all seiner Starrheit den Anforderungen entgegen, die nicht nur die Frauen, sondern die gesamte nachkommende Ärztegeneration stellten. "Wäre die Wirtschaft ähnlich rigiden Bedingungen unterworfen, wären viele Unternehmen längst von der Bildfläche verschwunden", sagte Wechselberger. Daher müssten etwa Krankenanstaltenträger Teilzeitarbeit sowie betriebliche Kinderbetreuung ermöglichen und Wiedereinsteigerinnen unterstützen. Auch im Kassensystem müssten flexiblere Formen ärztlicher Zusammenarbeit endlich möglich sein.

Zudem müsse man Medizinstudentinnen verstärkt motivieren, auch "typische Männerfächer" anzustreben. Ebenso wichtig sei die gezielte Förderung von Kolleginnen in ihrer akademischen Laufbahn, "denn auch in Forschung und Lehre droht eine Schere aufzugehen": Deutlich weniger Medizinstudentinnen als -studenten könnten sich eine wissenschaftliche Karriere vorstellen. Zwar seien fast zwei Drittel aller Turnus- und Assistenzärzte weiblich, aber nicht einmal jedes fünfte Primariat (19 Prozent) werde von einer Frau geführt.

"Wenn also flächendeckende hochqualitative Gesundheitsversorgung und Spitzenmedizin in Österreich aufrechterhalten werden sollen, wird die Sozialversicherung genauso wenig um Flexibilisierung herumkommen wie die Krankenanstaltenträger", stellte Wechselberger klar.

Denn eines müsse allen Akteuren bewusst sein: "Das Bedürfnis, auch Zeit für Familie und Regeneration zu haben, ist kein weibliches Spezifikum. Von flexibleren Arbeitsmodellen in der Medizin würden beide Geschlechter profitieren", betonte der ÖÄK-Präsident. 

Immer mehr Frauen studieren Medizin

Ähnlich wie in Österreich seien auch in Deutschland knapp zwei Drittel (64 Prozent) der Medizinstudenten weiblich, erklärte die Vorsitzende der KÄV Thüringen, Annette Rommel. Die Gründe dafür lägen sowohl im gesamtgesellschaftlichen Bereich, wie z.B. der intensiven Förderung studierender Frauen in DDR-Zeiten, als auch im individuellen. So gingen Studentinnen strukturierter an ihre Aufgaben heran und hätten dank besseren Notendurchschnitts Vorteile im Numerus-clausus-System deutscher Universitäten.

"Dazu kommt aber auch, dass sich bei Frauen eine gewisse klischeehafte Vorstellung vom Arztberuf offenbar stärker verfestigt hat als bei Männern", so Rommel. Das Medizinstudium sei für Frauen jedenfalls deutlich attraktiver als viele andere Studiengänge, wobei die Fächerpräferenzen sich mit jenen in Österreich weitgehend deckten. Es zeichne sich daher ebenfalls ein Mangel an weiblichem Nachwuchs in den chirurgischen Fächern ab. Das liege in Deutschland allerdings auch an der geringen Zahl an Studienplätzen.

Frauen machen andere Medizin als Männer

"Frauen machen andere Medizin als Männer", so laute die Feststellung des Deutschen Ärztinnenbundes, mit der Rommel aufhorchen ließ. Demnach komme auch im Arbeitsfeld Medizin die bei Frauen generell stärker ausgeprägte Fähigkeit, in Teams zu arbeiten und Netzwerke zu bilden, zum Tragen. Zudem belegten Untersuchungen, dass sich weibliche Ärzte mehr Zeit für Gespräche nehmen, den psychosozialen Kontext ihrer Patienten stärker in die medizinische Betreuung einfließen lassen und eher präventivmedizinische Maßnahmen setzen.

Eine Studie der Universitätsklinik Bad Homburg an der Saar habe zudem ergeben, dass die teilnehmenden Ärztinnen keine geschlechtsspezifischen Unterschiede in der medikamentösen Behandlung von Patienten mit chronischer Herzschwäche machten, während ihre männlichen Kollegen die Medikamente bei weiblichen Patienten meist zu gering dosierten.

Der Ärztemangel ist männlich

Mit dem Schlagwort "die Medizin ist weiblich, der Ärztemangel männlich" beschrieb die erste Vorsitzende der Thüringer KÄV eine Vielfalt an Problemen, die auch Österreich betreffen: mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie in allen ärztlichen Tätigkeitsfeldern, gläserne Decken in akademischen Hierarchien und letzlich auch ein Mangel an weiblichen Standesvertretern. Auch die Lösungsansätze beziehungsweise bzw. politischen Forderungen deckten sich vielfach mit jenen der österreichischen Standesvertretung.

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