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Abb. 1: 23-jähriger Patient mit ausgedehnten Zahnschädigungen infolge dauerhaften und übermäßigen Konsums eines säurehaltigen Softdrinks (bis zu 3 l pro Tag).

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Abb. 2: Intraorale Aufnahme der palatinalen Flächen
einer 35-jährigen Patientin mit Bulimia nervosa.

 

Abb. 3: Ausgangssituation bei einem 23-jährigen Patienten: Oberkieferzähne mit ausgeprägten generalisierten Biokorrosionen infolge dauerhaften und übermäßigen Konsums säurehaltiger Softdrinks.

Abb. 4: Nach der Abformung am Patienten werden im zahntechnischen
Labor schalenförmige Versorgungen aus CAD/CAM-gefertigtem Hochleistungspolymer hergestellt und auf der Zahnhartsubstanz verklebt. Die Zähne müssen dafür nicht zusätzlich abgeschliffen werden

© Edelhoff (5)

Abb. 5: Situation aus Abb. 3 nach non-invasiver Versorgung mit adhäsiv befestigten schalenförmigen Restaurationen zur Wiederherstellung der Funktion und Ästhetik sowie zum Schutz der Dentinwunde.

 
Zahnheilkunde 27. Juni 2016

Verschleiß im Zeitraffer

Biokorrosion an den Zähnen ist eigentlich eine typische Alterserscheinung. Bulimie und Reflux und der Konsum von Softdrinks können diesen Prozess allerdings erheblich beschleunigen.

Der Zahn der Zeit nagt auch am Gebiss. Je älter wir werden, desto größer ist der mechanische Verschleiß. Doch auch jüngere Patienten und sogar Kinder sind schon betroffen, z.B. durch übermäßigen Konsum säurehaltiger Getränke.

Die Anzahl der Patienten mit einem fortgeschrittenen Zahnhartsubstanzverlust wird sich in den nächsten Jahren weiter vergrößern. Ursachen hierfür ergeben sich hauptsächlich aus der Bevölkerungsentwicklung, die den Anteil älterer Menschen in unserer Gesellschaft stetig wachsen lässt. Angesichts des gestiegenen Gesundheitsbewusstseins und der verbesserten zahnärztlichen Vorsorge werden Menschen auch im hohen Alter immer häufiger noch eine funktionsfähige natürliche Restbezahnung aufweisen. Der damit verlängerte mastikatorische Belastungszeitraum findet seinen Ausdruck in einer Zunahme des funktionsbedingten Verschleißes natürlicher Zähne.

Physiologischer Verschleiß

Dieser gewöhnliche physiologische Verschleiß durch mastikatorische Zahnkontakte wird als Attrition bezeichnet. Er kann durch extrinsische Faktoren wie parafunktionelle Belastungen (z. B. Malokklusion oder Bruxismus) sowie chemische Prozesse (z. B. extrinsische oder/und intrinsische Belastungen durch Säuren) erheblich beschleunigt werden. Solche zusätzlichen abrasiven und biokorrosiven Prozesse können für sich alleine wie auch kombiniert schon frühzeitig gravierende funktionelle sowie ästhetische Probleme nach sich ziehen.

Als wesentliche extrinsische Faktoren werden eine übermäßige Aufnahme säurehaltiger Getränke oder/und Lebensmittel (Abb. 1) gesehen, als intrinsische Faktoren Bulimia nervosa oder gastroösophagealer Reflux angegeben (Abb. 2). Häufig lassen sich erste Anzeichen für diese Erkrankungen in der Mundhöhle erkennen, wodurch dem behandelnden Zahnarzt eine besondere Rolle in der Früherkennung und Prävention zukommt. Zunehmend sind jüngere Menschen und auch bereits Kinder von diesen Problemen betroffen.

Ursachen dentaler Biokorrosion

Biokorrosiver Zahnverschleiß ist definiert als ein chemisch-mechanischer Prozess, der einen kumulativen Verlust der Zahnhartsubstanz verursacht und nicht bakteriell bedingt ist. Es gibt sehr unterschiedliche Ursachen für dentale Biokorrosion. Um in einem Gespräch mit dem Patienten mögliche Ursachen zu identifizieren, ist die Kenntnis der verschiedenen ätiologischen Faktoren eine wichtige Voraussetzung.

Patientenspezifische Faktoren

Patientenspezifische Faktoren umfassen eine Prädisposition zur Biokorrosion, Reflux oder regelmäßiges Übergeben, Ess- und Trinkgewohnheiten, Medikamente und Ernährung wie auch die Mundhygiene. Der Speichel wirkt gewöhnlich durch seine Pufferkapazität einer Säureeinwirkung in der Mundhöhle entgegen. Verringert sich der Speichelfluss infolge von Dauerstress, systemischen Erkrankungen wie Sjögren-Syndrom oder als Nebenwirkung von Medikamenten wie Bluthochdruckhemmer und/oder Antidepressiva, werden diese Puffermöglichkeiten reduziert und eine Demineralisierung der Zahnhartsubstanz verstärkt.

Eine weitere Ursache kann der durch Reflux oder regelmäßiges Übergeben bedingte Säureangriff durch die Magensäure (pH-Wert zwischen 1 und 4) sein. Diese intrinsischen Säureangriffe können z. B. durch eine gastroösophageale Refluxkrankheit, Anorexia nervosa oder Bulimia nervosa ausgelöst werden.

Bei Ess- und Trinkgewohnheiten handelt es sich dagegen um extrinsische Einflüsse. Die Ausprägung hängt sehr stark von der Menge der pro Tag aufgenommen biokorrosiv wirkenden Lebensmittel ab. Entscheidend sind dabei auch der Säuregehalt der Nahrung sowie die Kontaktzeiten mit der Zahnhartsubstanz. Eine lange Kontaktperiode ist schlechter als eine kurze. Säurehaltige Medikamente wie Acetylsalicylsäure oder Vitamin C (Ascorbinsäure) können beim längeren Verbleib in der Mundhöhle direkt biokorrosiv wirken. Andere Medikamente können dagegen durch systemische Nebenwirkungen den Speichelfluss reduzieren (s. o.) und somit indirekt Biokorrosion fördern.

Zudem beeinflussen Mundhygienegewohnheiten den biokorrosiven Zahnverschleiß. Nach einem Säureangriff ist die Zahnoberfläche über eine kurze Zeitperiode aufgeweicht und damit leicht verwundbar gegenüber mechanischen Einwirkungen wie der Reinigung mit einer manuellen oder elektrischen Zahnbürste. Nach einem extrinsischen oder intrinsischen Säureangriff sollte daher zunächst eine gewisse Zeit abgewartet werden (mindestens eine halbe Stunde), damit der Speichel genügend Zeit hat, die demineralisierte Zahnoberfläche wieder zu remineralisieren. Erst dann sollte eine Zahnbürste zum Einsatz kommen.

Ernährungsbedingte Faktoren

Sie werden durch die Zusammensetzung der Nahrungsmittel bestimmt. Milch und Joghurt gelten z. B. wegen des hohen Kalziumanteils als wenig gefährdend, auch wenn sie Früchte enthalten können. Reine Fruchtsäfte, Softdrinks oder Energydrinks entfalten demgegenüber häufig eine sehr starke biokorrosive Wirkung. Auch Weine können einen pH-Wert von 4 unterschreiten.

Relativ selten kommen berufliche Gründe für einen biokorrosiven Zahnverschleiß vor, z. B. bei Sommeliers oder Profisportlern (z. B. Schwimmer).

Diagnose

Durch den biokorrosiv bedingten Verlust von Zahnschmelz kann es z. T. zu erheblichen morphologischen Veränderungen der Zähne kommen, die sich in ästhetischen und funktionellen Einschränkungen widerspiegeln (Abb. 1, Abb. 2). Bestehen die biokorrosiven Einflüsse weiter, können auch die unter dem Zahnschmelz liegenden Dentinbereiche (Zahnbein) freigelegt werden (siehe Abb. 1, Abb. 2, Abb. 3). Die Patienten klagen in diesem Stadium nicht nur über ästhetische und funktionelle Beeinträchtigungen, sondern auch häufig über eine erhöhte Empfindlichkeit an den betroffenen Zähnen bei thermischen und chemischen Reizen. Die Klassifizierung des Schweregrades kann anhand einer Gradeinteilung erfolgen (Tab. 1).

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Biokorrosion verhindern/stoppen

Präventive Maßnahmen dienen dazu, die Ursache der Biokorrosion auszuschalten und eine weitere Progression der Läsionen zu verhindern. Hierzu sind regelmäßige zahnärztliche Screenings notwendig, um frühzeitige Zeichen eines biokorrosiven Zahnverschleißes zu identifizieren. Falls dieser erkannt wird, sollten durch gezielte Befragung des Patienten alle möglichen Ursachen eruiert und u. U. interdisziplinär behandelt werden. Beim V. a. intrinsische Faktoren wie Essstörungen oder gastroösophagealen Reflux ist eine interdisziplinäre Therapie mit einem Spezialisten erforderlich.

Bei extrinsischen Ursachen sind folgende Maßnahmen empfehlenswert:

• Reduzierte Aufnahme von identifizierten biokorrosiven Nahrungsmitteln und Getränken.

• Nur kurze Kontaktzeiten mit den biokorrosiven Produkten zulassen.

• Wechsel zu weniger biokorrosiv wirksamen Nahrungsmitteln, z. B. mit Kalzium angereicherte Getränke und Nahrungsmittel, Wasser und Milch.

Zusätzlich kann von zahnärztlicher Seite eine Versiegelung der exponierten Dentinanteile mit fluoridhaltigen Polymeren vorgenommen werden. Damit kann für einen bestimmten Zeitraum eine deutliche Reduzierung der Zahnüberempfindlichkeiten erreicht werden.

Restaurative Maßnahmen

Restaurative Maßnahmen haben das Ziel, neben der dauerhaften Beseitigung von Symptomen, z. B. Überempfindlichkeiten, die Zahnmorphologie für eine angemessene Funktion und Ästhetik des Kauorgans wiederherzustellen.

Wesentliche Behandlungsziele sind neben der Ausschaltung biokorrosionsfördernder Einflüsse die ästhetische und funktionelle Rehabilitation sowie die Rekonstruktion der Biomechanik betroffener Zähne. Zudem sollte durch die restaurativen Maßnahmen einem weiteren pathologischen Verschleiß entgegengewirkt und exponierte Dentinanteile dauerhaft geschützt werden.

Die Falldarstellung eines 23-jährigen Patienten zeigt die heutigen Möglichkeiten einer non-invasiven prothetischen Rehabilitation einer vorwiegend durch Biokorrosion zerstörten Zahnhartsubstanz unter Einsatz adhäsiv befestigter zahnfarbener Restaurationen (siehe Abb. 3, Abb. 4, Abb. 5).

Diskussion

Der Zahnhartsubstanzverlust ohne Beteiligung von Mikroorganismen ist multifaktoriell und gekennzeichnet durch chemo-mechanische Prozesse. Die Lokalisation und Morphologie einer biokorrosiven Läsion gibt in vielen Fällen Aufschluss über deren Ursache. Palatinale Korrosionen treten meist bei intrinsischer, labiale Erosionen eher bei extrinsischer Ätiologie auf. Biokorrosiv veränderte Zahnoberflächen haben eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber mechanischen Belastungen. Des Weiteren führen mechanische Mundhygienemaßnahmen während oder direkt nach Säureexposition zu erhöhten Verlustraten an Zahnhartsubstanz.

Bei Patienten mit Bulimia nervosa oder Anorexia nervosa sind die primär chemischen Prozesse der Biokorrosion meist überlagert durch physiologische und pathologische Prozesse, sodass eine Kombination der drei Faktoren in Betracht gezogen werden und die Therapie entsprechend ausgerichtet werden muss. Die Prävalenz von Bulimia nervosa mit häufigem Erbrechen ist bei 18- bis 35-jährigen Frauen in den westlichen Industriestaaten relativ hoch (5 %), mit steigender Tendenz. Die Progression der Defekte nimmt unter gleichen Rahmenbedingungen noch einmal erheblich zu, wenn in hohem Maße Dentin, mit einem im Vergleich zum Zahnschmelz um den Faktor fünf geringeren Härtegrad, exponiert wird. Somit kommt dem ärztlichen und zahnärztlichen Team nicht nur bei der Behandlung dieser dentalen Problematik, sondern auch bei der Früherkennung und beim Monitoring eine besonders wichtige Aufgabe zu.

Literatur beim Autor

Korrespondenz: Prof. Dr. Daniel Edelhoff Klinikdirektor der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik Ludwig Maximilians Universität München

Der ungekürzte Originalartikel „Biokorrosion an den Zähnen“ ist erschienen in MMW 8/2016, DOI 10.1007/s15006-016-8151-y © Springer Verlag

Fazit für die Praxis

• Dentale Biokorrosion ist ein chemisch-mechanischer Prozess, der einen kumulativen Verlust der Zahnhartsubstanz verursacht und nicht bakteriell bedingt ist.

• Grundsätzlich werden extrinsische von intrinsischen Faktoren unterschieden.

• Die Zahnhartsubstanzverluste führen im fortgeschrittenen Stadium zu Überempfindlichkeiten und beeinträchtigen die Kaufunktion, Phonetik und Ästhetik.

• Präventive Maßnahmen dienen dazu, die Ursache der Biokorrosion auszuschalten und eine weitere Progression der Läsionen zu verhindern.

• Im weit fortgeschrittenen Stadium kann eine Wiederherstellung der Kaufunktion und der Ästhetik durch restaurative Maßnahmen indiziert sein.

Daniel Edelhoff , Zahnarzt 7/8/2016

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