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Die Internationalen kieferorthopädischen Tagung stieß auch heuer auf reges Publikumsinteresse.
 
Zahnheilkunde 1. April 2016

Kitzbühel im Zeichen des Kiefers

Beschleunigung von Zahnbewegungen, neue chirurgische Techniken, offener Biss, Klasse III Fälle sowie Zahnerosionen und Strahlenschutz waren Themen der 45. Internationalen KFO-Tagung.

Neue Wege zu gehen ist eine gute Idee, aber immer mit dem Wohl des Patienten im Blick, darin waren sich Referenten wie Teilnehmer, einig.

„Wir fliegen auf den Mond, aber wir schaffen es nicht, die Zähne noch schneller zu bewegen. Jede Behandlung dauert nach wie vor 1-2 Jahre“, so Prof. Ravindra Nanda, BDS, MDS, PhD. Nach Nanda sprechen einige Gründe dafür, warum schneller behandelt werden sollte. Allen voran das Kariesrisiko, welches zu reduzieren, auch nach PD Dr. Rengin Attin eine der größten Herausforderungen bei kieferorthopädischen Behandlungen ist. Dazu komme, dass kürzere Behandlungszeiten komfortabler für den Patienten sind und auch der ökonomische Aspekt spricht dafür.

Fehler vermeiden

Die einfachste Möglichkeit, wie man schneller das Behandlungsziel erreichen könne, sei, die Nebenwirkungen, die der Behandler während der Therapie selber induziert, von vorne herein zu reduzieren, dazu gehören etwa Torque- und Verankerungsverlust oder Angulationsprobleme" , sagt Nanda. „Dann brauche ich auch keine Zeit, Fehler zu korrigieren, die ich erst gar nicht gemacht habe.“ Die chirurgischen Methoden wie monokortikale Perforationen oder Kortikotomie wirken nur kurzfristig, maximal ein paar Monate lang. Fotomodulation, Laser, Ultraschall und Vibrationsgeräte seien zwar interessante nichtinvasive Methoden, zeigen aber in klinischen Studien keine Effekte im Sinne der Beschleunigung und wirken eher retentionsunterstützend, so der Experte. „Schneller geht es, in dem man weniger Fehler macht und die Konsultationsintervalle erhöht. Wirksame Pharmaka sind aufgrund der Nebenwirkungen nicht indiziert.“

Mit 2 Bögen um 1 Jahr schneller

Prof. Dr. Hasegawa Shin hingegen geht die Beschleunigung mit seinem ganz eigenen Konzept an. „Ich komme mit nur einem Bogenwechsel insgesamt aus“, so der Experte. In der Initialphase verwende er einen NiTi-Bogen, doch für die zweite Phase einen 0.18x0.22 ‚Gummetal-Bogen‘. Dank dessen besonderer Eigenschaften verkürze sich die Behandlungsdauer um ein Jahr.

Offener Biss und Klasse III

Die Frage des Tempos ist bei weitem nicht die einzige Herausforderung, die den Kieferorthopäden in der Praxis gegenübersteht. Ein offener Biss und die Behandlung von Klasse III-Fällen beschäftigen unter anderem Prof. Dr. Nazan Kücükkeles. Sie stellte verschiedene Behandlungskonzepte vor, bei denen der Fokus auf einer Intrusion der Molaren liegt. Zur Vorbehandlung seien Apparaturen wie Tongue Crib, Spikes und auch logopädische Therapien unerlässlich.

Ein anderes Problem, welches Dr. Heinz Winsauer bei der präoperativen Vorbehandlung von Kl III OP-Fällen thematisierte, ist das der Dekompensation von rückgekippten unteren Frontzähnen sowie das der proklinierten oberen Frontzähne. Wenn es gelingt, bei diesen erfolgreich präoperativ eine ausreichende Dekompensation durchzuführen, sind die OP-Ergebnisse stabiler.

Auf neue chirurgische Erkenntnisse bei der Behandlung der Kl III wies auch Prim. Dr. Albino Triaca hin. Die Distraktion etwa, sei nicht nur eine Alternative zu den konventionellen Operationen, sondern eigne sich neben der Unterkieferrand-Osteotomie besonders zur Behandlung von konkaven und konvexen Gesichtsprofilen.

Doch neben den medizinischen Ergebnissen, wie der Langzeitstabilität u. ä. m., steht heute für die Behandler auch die Zufriedenheit der Patienten im Fokus. Über 1000 Patienten mit Osteotomien wurden postoperativ, wie Prof. Lisen Vivienne Espeland Dr. odont. PhD. berichtete, an der Universität von Oslo nachuntersucht. Dabei wurden auch der subjektive Eindruck der Patienten und ihre Zufriedenheit erfasst.

Vorbeugen statt Rezidive

Da der offene Biss eine starke Rezidivneigung habe, sei eine konsequente Nachbetreuung dieser Patientengruppe sehr wichtig. „Ich empfehle 9 bis 12 Monate einen Positioner zu tragen und nach jedem Essen drei Mal am Tag 15 Minuten Kaugummi zu kauen“, so Kücükkeles.

Aufklärung und praxistaugliche Methoden standen auch bei Prof. Dr. Thomas Attin, der zu Abrasionen, Erosionen und vertikaler Bisshebung referierte, im Mittelpunkt. „Es kann bis zu 4 Stunden dauern, bis die Zähne wieder dieselbe Härte haben, wie vor einem Säureangriff.“ Verdünnung der Säfte habe fast keinen Effekt beim PH-Wert gezeigt. Eines der wenigen Getränke außer Wasser, welches nicht erosiv wirke, sei Hohes C mit Kalzium. „Wenn man zum Beispiel ein Joghurtdressing anstelle von Essigdressing für den Salat nimmt, neutralisiert das Kalzium im Joghurt die Säure im Salat und man hat in der Folge auch keinen negativen Effekt“, erklärt Attin.

Segen oder Schaden

Bildgebende Verfahren sind aus der heutigen medizinischen Diagnostik nicht mehr wegzudenken. „Doch da wir in der Kieferorthopädie viele junge Patienten haben, muss es uns bewusst sein, dass Kinder viel strahlenempfindlicher sind, als Erwachsene“, so Univ.-Prof. Dr. Erich Sorantin. „Organe mit einem höheren Zellturnover haben eine höhere Strahlenempfindlichkeit. Das bedeutet, bei Kleinkindern bis etwa zum 2. Lebensjahr sind rotes Knochenmark und Gehirn sehr strahlenempfindlich, die Gonaden dagegen weniger empfindlich“. „Die Malignominduktion ist heute die am meisten gefürchtete Spätfolge“, warnt Sorantin. In einer kürzlich veröffentlichten Publikation, die auf der Nachverfolgung von 11 Mio. Patienten basiert, wurde ihm zufolge das Malignomrisiko pro Computertomographie ohne pädiatrische Dosisadaption wie folgt beziffert: eine Leukämie oder ein Hirntumor pro 3-4 Schädelcomputertomographien bzw. eine Leukämie oder ein solider Tumor pro 8-9 Computertomographien der Körperstamms. Dabei gäbe es einfache Maßnahmen, mit denen die Strahlenbelastung fast immer um 40-60% reduziert werden könne: mit den richtigen Geräteeinstellungen. „Fünfzig Prozent der Geräte sind falsch eingestellt.“ Das Diagnosefenster sei nur so groß zu wählen, wie notwendig und man solle sich überlegen, ob man die Aufnahme für eine Weiterbehandlung wirklich brauche. „Zeitmangel und Überlastung sind die häufigsten Gründe für schlechte Bilder!“ Das muss nicht sein.

Quelle: 45. Internationale Kieferorthopädische Fortbildungstagung vom 5. bis 12. März 2016 in Kitzbühel

Andreas und Veenu Scheiderbauer, Zahnarzt 4/2016

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