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Eine wirksame Parodontalbehandlung könnte auch der die Vorbeugung von Krebserkrankungen dienen.
 
Zahnheilkunde 1. April 2016

Erst Parodontitis, dann Lungenkarzinom?

Eine Parodontitis, vor allem wenn sie in massivem Zahnausfall resultiert, scheint mit einem erhöhten Krebsrisiko einherzugehen. Das gilt besonders für Krebserkrankungen, die auch durch Rauchen begünstigt werden.

Die systemischen Entzündungsprozesse und Veränderungen im Immunsystem, die mit einer Parodontitis einhergehen, stehen in dringendem Verdacht, auch das Risiko, an Krebs zu erkranken, zu erhöhen. Das gilt ganz besonders für Krebserkrankungen, die auch durch Rauchen begünstigt werden.

Bei einer Parodontitis bleibt das entzündliche Geschehen nicht auf die Mundhöhle beschränkt. Durch die veränderte bakterielle Besiedelung im Mund werden auch systemische Entzündungsprozesse und Veränderungen im Immunsystem angestoßen. Sie sind vermutlich verantwortlich dafür, dass Menschen mit Parodontitis ein erhöhtes Risiko haben, eine Atherosklerose zu entwickeln oder einen Schlaganfall zu erleiden. Sie könnten darüber hinaus aber auch die Entstehung von Krebs begünstigen. Ein solcher Zusammenhang wurde schon in mehreren prospektiven Kohortenstudien gesehen und wird jetzt durch 26-Jahres-Daten der Health Professionals Follow-up Study (HPFS) erhärtet.

Um die Effekte der Parodontitis von denjenigen des Rauchens, einem Hauptrisikofaktor für die Parodontitis, trennen zu können, wurden nur Männer ausgewertet, die nie geraucht hatten. Die 19.933 Nichtraucher waren bei Studieneinschluss zwischen 40 und 75 Jahre alt, eine Parodontitis war damals bei 9,7% bekannt. An einer fortgeschrittenen Parodontitis, bei der definitionsgemäß weniger als 17 Zähne verblieben, litten 3% der Teilnehmer.

Mehr tabakassoziierte Krebserkrankungen

Im Vergleich zu Männern mit gesundem Zahnhalteapparat lag die Krebsrate bei Parodontitis um 13% und bei fortgeschrittener Parodontitis um 44% höher. Die häufigsten Tumoren in dieser Kohorte (von Nichtrauchern!), nämlich Karzinome der Prostata und des Kolorektums sowie Melanome, waren davon allerdings nicht betroffen. Die Assoziation war vielmehr auf Krebserkrankungen beschränkt, für die Rauchen ein etablierter Risikofaktor ist. Karzinome in Lunge, Blase, Oropharynx, Ösophagus, Niere, Magen und Leber traten bei Männern mit Parodontitis um 33% häufiger auf. Bei massivem Zahnverlust infolge der Parodontitis war das Risiko für einen tabakassoziierten Krebs sogar auf das 2,5-fache gesteigert. Die stärksten Risikozunahmen im Zusammenhang mit einer fortgeschrittenen Parodontitis wurden – allerdings basierend auf wenigen Fällen – für Blasen-, Speiseröhren- und Kopf-Hals-Tumoren festgestellt, diese Erkrankungen waren fünf- bis sechsmal so häufig wie bei Männern mit gesundem Parodontium.

Immunreaktionen als Auslöser?

Die „wahre Herausforderung“ besteht laut den Studienautoren um Dominique S. Michaud (Tufts University School of Medicine, Boston) nun darin, die Kausalität des beobachteten Zusammenhangs zu bewerten. Die Tatsache, dass alle Untersuchungen zu diesem Thema in großen prospektiven Kohorten eine solche Assoziation ergeben hätten, spreche aber deutlich dafür, dass die Parodontitis den Krebs fördert – und nicht umgekehrt. Aufgrund der systemischen und immunologischen Auswirkungen einer Parodontitis sei dies auch biologisch plausibel.

Da nur tabakassoziierte Krebserkrankungen vermehrt auftraten, könnte die Parodontitis ähnlich wie das Rauchen über Veränderungen des Immunstatus wirken, vermuten Michaud und Kollegen. Zusätzlich sei allerdings auch denkbar, dass bestimmte genetische Konstellationen sowohl für die Parodontitis als auch für diese Karzinome anfällig machten.

Originalstudie: Michaud DS et al. Periodontal disease and risk of all cancers among male never smokers: an updated analysis of the Health Professionals Follow-up Study. Ann Oncol 2016

springerzahnmedizin.de, Zahnarzt 4/2016

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