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Der diesjährige Fachkongress der ÖGP fand vom 5. bis 7. Juni in Kitzbühel statt
 
Zahnheilkunde 27. Juni 2014

Volkskrankheit Parodontitis: „Umfassende Maßnahmen nötig“

Im Fokus der 22. Parodontologie Experten Tage paroknowledge© in Kitzbühel standen sowohl neue Behandlungskonzepte als auch interdisziplinäre Strategien im Krankheitsmanagement.

In Österreich leiden mehr als 45% der Bevölkerung an Parodontitis. Allerdings wird diese Volkskrankheit ebenso wie ihre Auswirkungen auf die Allgemeingesundheit von Patienten und Zahnärzten noch immer unterschätzt. Dieser Umstand macht ein Umdenken dringend notwendig: Am Fachkongress der Österreichischen Gesellschaft für Parodontologie (ÖGP) präsentierten heimische und internationale Experten daher verschiedene, umfassende Behandlungskonzepte der Parodontitis.

„Den 45% Parodontitis-Betroffener stehen etwa 1% der Zahnärzteschaft als qualifizierte Spezialisten für Parodontologie gegenüber“, warnte ÖGP Präsident Dr. Werner Lill. „Insbesondere die Auswirkungen auf die Allgemeingesundheit werden unterschätzt.“ Ein Problem liegt laut Dr. Corinna Bruckmann designierte ÖGP Generalsekretärin & Wissenschaftliche Leiterin der Tagung in dem Umstand, dass Parodontitis in weiten Kreisen noch immer als Parodontose verharmlost wird: „Parodontitis ist in der zweiten Lebenshälfte die häufigste Ursache für Zahnverlust“. Es müsse überdies klar sein, dass diese Erkrankung nicht isoliert betrachtet werden darf.

Die Entzündung im Mund sei nicht nur auf die betroffenen Zahnfleischtaschen beschränkt, sondern eine Belastung für den gesamten Organismus. „Es gibt eindeutige Zusammenhänge zwischen Parodontitis und kardiovaskulären Erkrankungen sowie der Verschlechterung der Diabeteseinstellung“, erklärt Bruckmann. „Das sind eklatant wichtige Themen, die nur auf den ersten Blick nichts mit Parodontitis zu tun haben.“

Zusammenarbeit mit Allgemeinmedizinern mangelhaft

Die Auswirkungen, welche die Parodontitis auf den Gesundheitsstatus der Betroffenen hat, werden leider immer noch vernachlässigt, wie Dr. Andreas Fuchs-Martschitz, ÖGP Generalsekretär & Kongressleiter, bestätigt. „Als Praktiker beschäftigt mich seit vielen Jahren massiv die Tatsache, dass seit rund 15 Jahren die Zusammenhänge zwischen Parodontitis und Herzinfarkten, Schlaganfällen, geringen Geburtsgewichten oder Frühgeburten – also eine Fülle von teilweise lebensbedrohlichen Erkrankungen – bekannt sind, und das Gesundheitswesen keine Kenntnis davon nimmt bzw. keine Konsequenzen daraus zieht.“

Laut Fuchs-Martschitz sollten speziell Allgemeinmediziner diesen Tatsachen mehr Bedeutung beimessen, und als Konsequenz daraus die Zusammenarbeit mit den Zahnärzten suchen. „Dass dies seit mehr als 15 Jahren im Gesundheitswesen noch immer nicht in irgendeiner Form Beachtung findet, finde ich persönlich mehr als traurig.“

„Ganzheitliches“ Behandlungskonzept

Dieses „ganzheitliche“ Parodontologie-Behandlungskonzept stand auch im Zentrum der Vorträge von Prof. Dr. Peter Eickholz, Leiter der Parodontologie Abteilung der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt am Main und Präsident der deutschen Gesellschaft für Parodontologie: Das Schwerpunktthema „Parodontologie von A-Z in Frankfurt am Main“ von Eickholz und seinem Team, ist sowohl für Zahnärzte als auch für Assistentinnen ausgerichtet und dreht sich um mehrere Aspekte: „Zuallererst geht es darum, wie diese Patienten in der Praxis als solche überhaupt erkannt werden, erst danach kann eine adäquate Therapie eingeleitet werden.“ Die Behandlung schließe nicht nur die Anleitung zum sorgfältigeren Zähneputzen oder eine professionelle Mundhygiene ein, sondern eine tiefergreifende, teilweise den Lebensstil der Patienten beeinflussende Behandlung. Dabei gelte es, Risikofaktoren zu beachten und diese zu verändern, wie z.B. das Rauchen aufzugeben.

Das Umfeld des Patienten miteinbeziehen

Laut Bruckmann greift die bloße Frage, mit welcher Medizin die Patienten versorgt oder behandelt werden, zu kurz. „Wie sehe ich den Patienten in seinem gesamten Umfeld und wie helfe ich ihm, angesichts einer chronischen Erkrankung, die festgestellt wurde, auf Lebenszeit damit zurecht zu kommen, sobald wir de Parodontitis stabilisieren und akute Zustände heilen konnten.“ Es müsse klar sein, dass es sich hierbei nicht um eine „One-Visit-Bezieh-ung“ zwischen Arzt und Parodontitis erkranktem Patienten handle, sondern dass die Erkrankten regelmäßig nachbetreut werden müssen. In diesem Sinne reichte das zahnärztliche Programm des Kongresses von operativen Zugängen, die ein Teil der Therapie sein können, über medikamentöse Zugänge, diagnostische Finessen – z.B. die Darstellung von Keimen im Mundraum – bis hin zur Langzeitbetreuung dieser Patienten. Bei den Assistentinnen standen Themen wie , Instruktion, Motivation und Information des Patienten im Mittelpunkt.

Ein wichtiger Grund, warum so viele Menschen an Parodontitis leiden, liegt laut Dr. Lill auch in dem Umstand, dass die Parodontologie von den Sozialversicherungsträgern ein wenig als „Stiefkind“ betrachtet würden. „Mit der parodontalen Grunduntersuchung haben wir eine sehr einfache Möglichkeit, Parodontitis in einem nicht sehr aufwendigen Screening-Verfahren zu erkennen. Das ist ein Schnelltest, der in weniger als 10 Minuten einen aussagekräftigen Parodontal-Status des Patienten diagnostiziert“, erklärt Lill. „Es gibt zwar in den Honorarrichtlinien der Zahnärztekammer einen dafür festgelegten Empfehlungs-Richtsatz von 33,00 €, der aber mit dem Patienten privat abzurechnen ist. Auch eine in weiterer Folge notwendige Behandlung und Therapie muss vom Patienten selbst getragen werden.“

Weitere „offene Baustellen“

Des Weiteren hinke Österreich bei der Ausbildung der Prophylaxe-Assistentinnen bzw. der sogenannten Dental-Hygienikerinnen (die es in Österreich vom Gesetz her noch nicht gibt, in Deutschland und der Schweiz aber bereits etabliert ist) hinterher. „Nicht förderlich für die Gesamtsituation ist auch die Tatsache, dass wir 2012 den einzigen Lehrstuhl für Parodontologie den es 10 Jahre lang auf der Medizinischen Universität Wien gab, verloren haben, weil der dem budgetären Rotstift geopfert wurde“, kritisierte Lill. „Damit hat diese Fachrichtung auch den universitären Stellenwert verloren, der ihr angesichts der vorliegenden Zahlen und Fakten zusteht.“

Quelle. Pressegespräch im Rahmen von paroknowledge© 2014

ÖGP: Mitgliedschaft nun auch für Assistentinnen

Die Österreichische Gesellschaft für Parodontologie (ÖGP), als Zweigverein der ÖGZMK (Österreichische Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde), ist mit mehr als 500 Mitgliedern Österreichs größte zahnärztliche Fachgesellschaft. Als achtgrößtes Vollmitglied der European Federation of Periodontology (EFP) ist sie Teil des europäischen Parodontologie-Netzwerkes, bestehend aus 29 nationalen Landesgesellschaften mit insgesamt über 11.000 Mitgliedern. Zu den Zielen und Aufgaben der Gesellschaft zählen das Umsetzen von parodontalprophylaktischen Maßnahmen, die Fortbildung von Zahnärzten auf dem Gebiet der Parodontalbehandlung und die Förderung wissenschaftlicher Forschung auf dem Gebiet der Parodontologie. Die Ausbildung der zahnärztlichen Assistentinnen und Prophylaxe-Assistentinnen (PAss) wurde auf langjähriges Betreiben der ÖGP Anfang 2013 gesetzlich verankert und abgesichert. Seit Mitte 2013 bietet die ÖGP dieser Berufsgruppe die Möglichkeit einer Mitgliedschaft, mit der kostenlose Weiter- und Fortbildungsveranstaltungen der ÖGP verbunden sind.

I. Schlager, Zahnarzt 7-8/2014

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