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Muss nicht immer „tiefer gelegt“ werden: der Hoden.
 
Urologie 29. Juli 2015

Sofortige OP bei erworbenem Hodenhochstand nicht nötig

„Wait and see“-Methode bringt keine Nachteile bei einseitigem Hodenhochstand.

Wird bei Knaben ein erworbener Hodenhochstand erkannt, muss nicht gleich der Chirurg aktiv werden. Eine rasche Orchidopexie verbessert die Fruchtbarkeit nicht unbedingt.

Bei kongenitalem Maldescensus testis wird bekanntlich noch vor Ende des ersten Lebensjahres eine Operation empfohlen, wenn die Hoden bis dahin nicht von allein oder mithilfe einer Hormontherapie ihre natürliche Lage gefunden haben. Damit soll die Fruchtbarkeit verbessert und das Krebsrisiko gesenkt werden. Noch keinen klaren Konsens gibt es jedoch bei der Frage, welche Therapiestrategien am besten sind, wenn sich ein Hodenhochstand erst im Laufe der Entwicklung einstellt.

Einige Urologen plädieren dann ebenfalls für eine schnelle Orchidopexie, andere wollen erst einmal abwarten, ob sich die Hoden bis zur Pubertät wieder ins Skrotum zurückziehen. Ein solches „Wait-and-see-Protokoll“ wird inzwischen in den Niederlanden empfohlen, berichten Evelyn van der Plas und Mitarbeiter von der Erasmus-Universität in Rotterdam.

Jeder zweite Hoden steigt spontan ab

Ob „wait and see“ tatsächlich keine Nachteile bringt, haben die Pädiater anhand einer Analyse bei 128 jungen Männern geprüft, bei denen zwischen 1982 und 2009 ein erworbener Hodenhochstand festgestellt wurde. Die Männer waren bei der Datenanalyse im Schnitt rund 28 Jahre alt. Bei 65 von ihnen hatten sich die Ärzte zuvor fürs Abwarten entschieden. Eine OP sollte bei ihnen nur erfolgen, wenn die Hoden bis zum Tannerstadium P2G2 nicht wieder abgestiegen waren – das war bei rund der Hälfte der Fall. Bei 15 der damaligen Knaben mit „wait and see“ wurde ein beidseitiger Hodenhochstand beobachtet, auch hier kam es bei etwa der Hälfte zu einem spontanen Abstieg. Wurde operiert, so erfolgte dieser Eingriff im Schnitt im Alter von 13,2 Jahren.

Keine signifikanten Unterschiede

Bei 63 Männern hatten sich die Ärzte für eine Orchidopexie unmittelbar nach der Diagnose entschieden. Wurden nun die Männer mit einstigem unilateralem Hodenhochstand verglichen, so gab es kaum signifikante Unterschiede bei der Hodenfunktion zwischen denen mit sofortiger Orchidopexie und denjenigen mit abwartender Strategie: Das Hodenvolumen war vergleichbar (8,6 versus 9,3 ml), ebenso die Spermienkonzentration (20 versus 22 Mio/ml) und auch die Konzentration von Hormonen wie LH, FSH und Testosteron. Mit sieben versus vier Vaterschaften konnten die Männer in der Gruppe mit abwartender Strategie etwas mehr Kinder zeugen, dafür trat eine Oligozoospermie bei ihnen etwas häufiger auf (38 versus 27 %), und eine Asthenospermie war doppelt so oft zu beobachten (22 versus 11 %). All diese Unterschiede waren jedoch nicht signifikant. Statistisch belastbar waren in der Gruppe mit abwartender Strategie die Inhibin-B-Werte erhöht (161 versus 134 ng/l), dafür war die Progressivmotilität geringer (45,0 versus 47,5 %). Doch daraus lässt sich nach Angaben der Studienautoren um van der Plas wenig schließen.

Insgesamt reduzierte Fertilität

Die Ergebnisse der Untersuchungen deuteten vielmehr auf eine insgesamt reduzierte Fertilität der Männer mit Hodenhochstand, und daran scheine auch die frühe OP nichts zu ändern, so das Resümee der Pädiater. Aus diesem Grund sei hier wohl eine konservative Vorgehensweise zu empfehlen.

Etwas anders sieht die Situation möglicherweise bei jenen Männern aus, die einen beidseitigen Hodenhochstand haben (n = 29). Bei ihnen sprechen einige Fruchtbarkeitsparameter für eine rasche Orchidopexie: So gab es bei den 14 sofort Operierten mehr Vaterschaften (6 versus 1), die Spermienkonzentration war höher (22 versus 8 Mio/ml), ebenso die Progressivmotilität (45 versus 25 %). Entsprechend war der Anteil mit Asthenospermie geringer (23 versus 57 %). Statistisch belastbar waren die Unterschiede jedoch nicht, denn dafür war wohl auch die Zahl der Teilnehmer viel zu klein.

 

Originalpublikation: Van der Plas EM et al. Acquired undescended testes and fertility potential: is orchiopexy at diagnosis better than awaiting spontaneous descent? Andrology 2015, online 17. Juni

springermedizin.de, Ärzte Woche 28/2015

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