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Urologie 21. Juli 2015

Tröpfchenweiser Verlust an Lebensqualität

Österreichischer Patientenbericht zur Blasengesundheit 2015 zeigt große Hemmschwelle für Arztbesuch.

Eine Million Österreicher sind davon betroffen – die Inkontinenz. Trotz der hohen Prävalenz ist sie hierzulande ein Tabuthema, weshalb ein Großteil aus falschem Schamgefühl still darunter leidet. Anlässlich der heurigen Welt-Kontinenz-Woche berichten Experten über den aktuellen Österreichischen Patientenbericht zur Blasengesundheit.

Inkontinenz ist eine Volkskrankheit, mit der Österreich nicht allein da steht: In Europa sind etwa 17 Prozent der Menschen von diesem Problem betroffen, und bei den über 75-Jährigen steigt der Anteil sogar auf 30–40 Prozent ( Milsom I et al., BJU Int 2001;87(9)760-6 ). „Rund eine Million Österreicher ist von Inkontinenz betroffen“, sagt Prof. Dr. Max Wunderlich, Präsident der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ). Der Leidensdruck dieser Menschen ist enorm.

Dennoch wird kaum Hilfe gesucht. Nur rund ein Drittel spricht darüber. „Der unfreiwillige Verlust von Harn oder Stuhl wird als persönlicher Makel empfunden, die Tabuisierung führt zum sozialen Rückzug. Man teilt sich niemandem mit, weder der eigenen Familie noch Freunden, kaum jemals den Ärzten“, sagt Wunderlich. So wird das Problem zum heimlichen Leiden und ein normales Leben ist kaum möglich. Die gute Nachricht: „Für jede Form der Blasen- und Darmschwäche gibt es Hilfe, Linderung und oft Heilung.“

Ergebnisse der Blasenstudie 2015

Die Blasenstudie wurde im Mai 2015 durchgeführt. Astellas Pharma und die MKÖ initiierten gemeinsam mit Unterstützung des Gallup Instituts die Umfrage mit dem Ziel, den österreichischen Inkontinenzpatienten eine Stimme zu geben, mit der sie ihre subjektiv erlebten Wünsche, Bedürfnisse und Probleme in Bezug auf ihr Leiden artikulieren können. Durch eine anonymisierte Patientenumfrage, die bundesweit durchgeführt wurde, sollen die Anliegen der 448 teilnehmenden Patienten eruiert und Optimierungspotenziale im österreichischen Gesundheitssystem erhoben werden.

Die aktuelle Umfrage zeigt, dass bei 34 Prozent der Personen, die bereits in ärztlicher Behandlung waren, eine Beckenbodenschwäche als Ursache für die Harninkontinenz diagnostiziert wurde. Auch diverse Blasenerkrankungen sowie psychische Belastungen sind hauptverantwortlich für die Symptomatik. Zu den meist genannten Beschwerden zählen: Der häufige Gang zur Toilette, die ständige Störung der Nachtruhe um Harn zu lassen und ungewollter Harnverlust beim Sport, Lachen oder Heben.

Ein regelmäßiges Beckenbodentraining gegen Harninkontinenz ist bei 32 Prozent der Befragten eine empfohlene Behandlungsmethode, auch medikamentöse Behandlung (23 Prozent) und Naturheilmittel (Tees, Kräuter etc.) sind durchaus empfohlene Behandlungsansätze. 37 Prozent haben jedoch keine der genannten Behandlungsmethoden verordnet bekommen.

Zwei Drittel waren nie beim Arzt

41 Prozent der Betroffenen berichteten, dass sie seit zwei Jahren oder weniger an Harninkontinenz leiden, bei 20 Prozent sind sogar mehr als 10 Jahre vergangen, seit die ersten Blasenprobleme aufgetreten sind. Knapp 70 Prozent der Studienteilnehmer haben angegeben, in Bezug auf ihre Harninkontinenz noch nie in ärztlicher Behandlung gewesen zu sein. Bei den Personen, die schon eine Behandlung in Anspruch genommen haben, ist zu erkennen, dass mit zunehmendem Alter der Prozentsatz steigt.

Bei der Zufriedenheit mit der aktuellen Therapie sind sich die Befragten uneinig. Gut 40 Prozent haben die Erfahrung gemacht, dass die Therapie zumindest einigermaßen gewirkt hat, ein Fünftel berichtet von guter Therapieeffizienz. Ebenso viele gaben jedoch an, dass die Therapie kaum oder gar nicht gewirkt hat.

Bei der Frage nach der Zufriedenheit mit der medikamentösen Behandlung zeigt sich ein ernüchterndes Bild. Personen, die eine medikamentöse Behandlung erhielten, sind mit dieser nur mäßig zufrieden. Die Erwartungshaltung an eine optimale Therapie geht eindeutig in Richtung gute Wirksamkeit, d. h. spürbares Nachlassen der Beschwerden (73 Prozent). Für knapp 50 Prozent soll sie auch einfach in der Anwendung sein. 45 Prozent wünschen sich einen raschen Wirkeintritt. Für ein geringes Nebenwirkungsprofil, wie zum Beispiel Mundtrockenheit, plädieren knapp 40 Prozent der Befragten.

Rund 54 Prozent der Befragten beziehen die relevanten Informationen zu ihrer Erkrankung aus dem Internet, so die Umfrage zur Blasengesundheit 2015. Der Facharzt oder Spezialist wird von 42 Prozent der befragten Patienten als zusätzliche Informationsquelle herangezogen, während Fachlektüre, Zeitungsartikel bzw. -berichte sowie Freunde und Angehörige eher wenig als Wissensquelle herangezogen werden.

Die Studie zeigt, dass 44 Prozent der Menschen eine merkliche Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität erleben. Fast 80 Prozent waren in den letzten drei Monaten aufgrund ihrer Harninkontinenz zumindest zeitweise in ihren üblichen Aktivitäten eingeschränkt. Die primäre Belastung in Zusammenhang mit den Beschwerden besteht darin, im Vorfeld von Unternehmungen Überlegungen und Planungen in Bezug auf die nächstgelegenen Toiletten anstellen zu müssen. Auch ist Betroffenen ihre Harninkontinenz peinlich, weil seitens der Öffentlichkeit wenig Verständnis dafür besteht.

Dringende Wünsche

„Harninkontinenz führt auch zu sozialem Rückzug und Beziehungsverlusten. Die Erkrankung erfährt eine starke gesellschaftliche Stigmatisierung. Oft folgt die Depression dem stillen Leiden“, sagt Wunderlich. Die Wünsche, die Betroffene an Verantwortungsträger richten würden, gehen primär in Richtung effiziente und umfassende Aufklärungsarbeit, die sich sowohl auf Präventivmaßnahmen, Ursachen des Beschwerdebildes als auch Behandlungsmöglichkeiten bezieht. Darüber hinaus besteht der Wunsch, dass die Aufklärung durch Bereitstellen von Informationsmaterial entsprechend unterstützt werden sollte. Eine wirksame Medikation mit möglichst wenigen Nebenwirkungen ist für Patienten ein weiteres großes Anliegen.

Quelle:

Pressekonferenz „Harninkontinenz – Alles unter Kontrolle?“ 23. Juni, Wien

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