zur Navigation zum Inhalt
© IMAGNO/Helmut Baar / picture alliance
Thomas Bernhard mit seinen Mäzenen Gerhard und Maja Lampersberg am Tonhof in Maria Saal, Weihnachten 1957/58. Bernhard ist mittellos und geht vermutlich eine sexuelle Beziehung mit Frau Lampersberg ein.

Thomas Bernhard

 

„Er ist immer abgeblitzt“

Thomas Bernhard. Der Schreiber von Weltrang wäre beruflich eine „tolle Herausforderung“ gewesen, sagt der Psychiater Herwig Oberlerchner. Stattdessen hat er ein Buch über Bernhard geschrieben – über einen Mann, für den Psychiater „Teufel“ und „Lustmörder“ waren.

Meine Bernhard-Erinnerung setzt mit der BurgtheaterInszenierung von „Heldenplatz“ ein. Ein präzise in Worte gefasster Hass auf das verdrängte nationalsozialistische Erbe. Woher kam der?

Oberlerchner: Ein Motiv, warum er den „Heldenplatz“ so geschrieben hat, war, dass er mit dem nationalsozialistischen Regime auf zwei ganz unangenehme Arten in Kontakt gekommen ist. Zum einen war er in einer nationalsozialistischen Erziehungsanstalt im thüringischen Saalfeld, in die er 1941 als 10-Jähriger gesteckt wurde. Dazu muss man wissen: Thomas Bernhard und seine Familie dachten, dass es nach Saalfelden in Salzburg gehen soll. Erst im Zug hörte er, dass er nach Deutschland fährt, da war der Bub völlig außer sich und aufgelöst. In Saalfeld erlebte er schwarze Pädagogik hautnah, er wurde gedemütigt, er war Bettnässer, sein Leintuch wurde öffentlich präsentiert, er bekam kein Frühstück. Das zweite traumatische Erlebnis war der Aufenthalt in einem Salzburger Internat. Dort besuchte er die Schule und war ebenfalls mit dem Nationalsozialismus pur konfrontiert. Er erlebte die Schrecken des Krieges, die Bombenabwürfe über Salzburg, es war überhaupt kein Unterricht mehr möglich, täglich gab es Alarm, er musste in einem Luftschutzkeller Zuflucht suchen und wurde dort – angeblich – zweimal ohnmächtig. Er wurde herausgetragen, weil er zu wenig Luft bekam. Er wollte zu seiner Musiklehrerin gehen und stand vor ihrem zerbombten Haus. Er trat auf eine abgerissene Kinderhand. Er hat Unglaubliches erlebt.

Was war die allererste Spur zu Bernhards Vita?

Oberlerchner: Die erste Spur war der Tonhof. Das ist ein ehemaliges Gerichtsgebäude und ein Kultur- und Veranstaltungszentrum in Maria Saal bei Klagenfurt. Im Jahr 1954 übernahm das Ehepaar Lampersberg den Hof, den sie als Hochzeitsgeschenk bekommen haben. Das waren wohlhabende Leute und Kunstmäzene. Von 1957 bis 1960 hat der Thomas Bernhard dort gelebt und auch in der Wohnung der Lampersbergs in Wien.

Über die Veranstaltungen dort, über den Peter Turrini, der über seine Beziehung zu Bernhard erzählt hat, und über den Roman „Holzfällen“ bin ich wieder mit dem Autor Thomas Bernhard in Berührung gekommen. Ich hatte ihn ja eigentlich schon abgehakt gehabt als nicht verstehbar, als unlesbar, als unzumutbar. Schlecht beraten habe ich nämlich als erstes zu seinem Roman „Gehen“ gegriffen. „Gehen“ ist harte Kost, wenn man Thomas Bernhard noch nicht gelesen hat. Ich habe das Buch verschreckt weggelegt, als ich gemerkt habe, dass das nichts für mich ist.

Haben Sie Bernhard persönlich getroffen?

Oberlerchner: Leider nicht, obwohl es – ich bin Jahrgang 64 – möglich gewesen wäre. Aber nach seinem Streit mit den Lampersbergs ist er meines Wissens nach durch Kärnten nur mehr durchgefahren.

Wirklich schlau wird man aus den TV-Interviews nicht. Die Kulturjournalistin Krista Fleischmann, der man vorgeworfen hat, Bernhard zu umschmeicheln, hat sich damit gerechtfertigt, dass man sonst gar nichts aus ihm herausbekommen hätte, er wollte bewundert werden. Was ist ihr Eindruck?

Oberlerchner: In den langen Interviews mit Krista Fleischmann nähert sich Bernhard dem an, was wir in der Psychoanalyse als freies Assoziieren bezeichnen. Er sagt unvorbereitet, was ihm gerade durch den Kopf geht, das ist eine gute Methode, um an das Unbewusste heranzukommen. Wenn ich ihn so schwadronieren und vor sich hin schimpfen höre, tritt der Affekt der Wut massiv hervor. Nicht umsonst gibt es ein Buch, in dem Bernhards abwertende Zitate zusammengefasst sind (Bernhard für Boshafte, Insel Verl., 2014).

Wütend war er nicht zuletzt auf die damaligen Ärzte.

Oberlerchner: Ärzte, Psychiater, Haushälterinnen, Frauen generell – es gibt viele Feindbilder. Ich habe nicht den Eindruck, dass es besonders viele Zitate gegen Ärzte gibt, im Vergleich zu anderen Berufsgruppen. In Bernhards Monologen schwingen unverarbeitete Geschichten mit, die permanent hochkochen.

Den Ärzten wirft er fehlende Empathie vor. Würde er heute bessere Erfahrungen machen?

Oberlerchner: Aufgrund der Erfahrungen, die er schon als 17- bis 18-Jähriger in der Lungenheilanstalt gemacht hat – er war zwei Jahre fast ohne Unterbrechung in Lungenheilstätten, in Sanatorien, im Krankenhaus untergebracht –, wurde ihm den Kontakt zu Krankenhäusern und Ärzten vergällt. Andererseits hatte er einen sehr guten Internisten, seinen noch lebenden Halbbruder Peter Fabjan in Gmunden, der hat ihn kompetent und einfühlend begleitet. Thomas Bernhard hat selbst geschrieben, dass er eigentlich einen sehr guten Arzt gehabt hat, leider hat er es ihm nie gesagt. Und ich glaube, dass der Peter Fabjan eine gelungene Gratwanderung mit ihm gemacht hat. Er hat ihn medikamentös begleitet, laufend untersucht, aber nichts Übertriebenes gemacht. Ich bin überzeugt davon, dass er noch heute nicht bereit wäre, zu einem Psychiater oder Psychotherapeuten zu gehen, aber er würde zweifelsohne bessere Erfahrungen mit Kollegen machen. Wir sind heute, was Psychosomatik betrifft, bestens geschult, wir reden auch mit rein organisch körperlich Kranken über seelische Probleme, über Belastungen, und denken daran, dass körperliche Symptome auch Ausdruck einer Depression sein könnten.

Es gibt die These: ohne Leiden kein Romanschriftsteller. Wahr oder falsch?

Oberlerchner: Er wurde von seinem Großvater indoktriniert, dass Leiden Kreativität verursacht und die Behandlung einer Erkrankung die Kreativität minimiere. Das ist ein Irrglaube. Ich würde genau das Gegenteil sagen: dass Menschen, die psychisch krank sind und Hilfe annehmen, länger und intensiver kreativ bleiben. Bernhard hat sich, und das bewundere ich so sehr an ihm, übers Schreiben und über seine Kunst ein Ventil verschafft, um das, was in ihm, in dieser belasteten Biografie, an Wunden gerissen wurde, zu lindern. Schreiben war sein Weg, sein Leid zu externalisieren, nach außen abzugeben. Das wäre auch das Ziel einer Psychotherapie, das, was in mir ist, auszuleben, auszusprechen und auszudrücken, und im Kontakt mit einem Therapeuten zu besprechen. Das hat er zwar nicht gehabt, aber er hat seinen Schmerz, seine Verzweiflung seine Traurigkeit ausgespien. Aber dieses Rausschreien ist verhallt, es gab kein wirkliches Gegenüber.

Es gibt auch keine Liebe in seinen Romanen.

Oberlerchner: Aber eine Sehnsucht nach einem Gegenüber, nach Kontakt, Liebe und Anerkennung. Aber diese Biografie hat einfach die Persönlichkeit geformt, seine Persönlichkeit ist zutiefst irritiert worden. Umso erstaunlicher ist es, dass er sein Leben ganz gut hingekriegt hat. Und ein paar Liebesbeziehungen hat er ja gehabt.

Bernhard galt ja als impotent. Hatte er doch Geliebte?

Oberlerchner: Er dürfte eine gewisse Aura gehabt haben. Es gibt in einigen Quellen von Zeitgenossen Hinweise, dass Frauen sich in ihn verliebt hatten, mit ihm in engerem Kontakt standen. Wie weit das gegangen ist, bleibt offen. Ich denke halt, dass er durch die einzunehmenden Medikamente, durch seine chronische Herz- und Lungenerkrankung solche Beziehungen nicht ausleben konnte. Die andere Hypothese ist: Wer solche Sozialisationsbedingungen erlebt hat, der kann keine reife Sexualität entwickeln.

Für jeden Psychiater eine Herausforderung – hätten Sie ihn gern behandelt?

Oberlerchner: Ja, er wäre wirklich eine tolle Herausforderung gewesen, man hätte ja mit all diesen Themen, die er in seinen autobiografischen Romanen als Material anbietet, viele intensive Stunden verbringen können. Es ist bedauerlich, dass er einmal, auf die Psychoanalyse angesprochen, gesagt hat, den Freud schätze er sehr, das sei ein guter Schriftsteller, aber Psychoanalyse halte er für etwas Blödsinniges. Über die Psychiater schimpft er nur, das seien die tatsächlichen Teufel unserer Zeit und dem Lustmörder nahe, aber er scheint ja auch ohne Psychiater und ohne Psychopharmaka ausgekommen zu sein. Mit seiner Geschichte war es auch fast unmöglich, sich vertrauensvoll an jemanden zu wenden.

Er ist in seiner Bedürftigkeit und seiner Sehnsucht nach Liebe immer abgeblitzt. Deswegen ist es ihm auch später nicht mehr gelungen, sich an irgendjemanden um Hilfe zu wenden oder um Unterstützung zu bitten. Er ist gezwungen gewesen, alleine durchzukommen.

Sie berichten von seinem Suizidversuch mit acht Jahren. Ist das nicht ungewöhnlich früh?

Oberlerchner: Das ist ungewöhnlich früh, wir kennen depressive Verstimmungen und Suizidalität in diesem Alter. Er beschreibt das selbst erschütternd, seine Verzweiflungszustände, während denen er, wenn er alleine war, nur noch vor sich hin schreien konnte, so traurig bedrückt muss der Bursche gewesen sein, so haltlos und ohne Unterstützung.

Gab es auch schöne Zeiten in Bernhards Jugend?

Oberlerchner: Er kam schon mit fünf Jahren in die Schule. Damals hatte er diese Lehrerin, die Marianne Müllner, die sich als junge Pädagogin engagiert hat und ihm sehr viel gegeben hat. Da folgt eine Phase von zwei, drei Jahren, in der glücklich ist, wo es gut läuft.

War er später am Tonhof glücklich?

Oberlerchner: Das ist schwer zu sagen. Am Anfang hatte er eine intensive Freundschaft mit dem Herrn Lampersberg gehabt, er hat ihm auch ein Buch gewidmet („In Hora Mortis“, Anm.), seinem einzigen und wahren Freund. Dann kommt es zu Streitigkeiten.

1957/ 58 ist er arm, er hat kein Geld, er ist wirtschaftlich von den Lampersbergs abhängig. Aber er ist in der Natur, er wird gefördert, er kann erste Bücher und Gedichtbände veröffentlichen. Seine Theaterstücke, die am Tonhof aufgeführt werden, sind sehr gut besucht. Das wird seinem Geltungsbedürfnis gutgetan haben.

Unterstützt wurde er auch von seiner Lebensgefährtin, der deutlich älteren Hedwig Stavianicek, aber er hatte kein eigenes Einkommen. Wobei es nicht ganz klar ist, wie nah die Beziehung zur Frau Lampersberg war, da weiß man wenig darüber, und ich denke, dass da der Mantel des Schweigens drüber gebreitet wurde, aber das war wohl eine sehr enge, vielleicht auch sexuelle Beziehung.

Es gab eben keine sozialen Medien, die Gerüchte über eine Affäre in die Welt gesetzt hätten.

Oberlerchner: Ist ja auch gut so, es soll ja auch etwas offenbleiben.

Wie wird Thomas Bernhard heute in Kärnten gesehen?

Oberlerchner: Interessanterweise ist Thomas Bernhard vor einigen Jahren in aller Munde gewesen, als der Stefan Petzner den Jörg Haider als seinen Lebensmenschen bezeichnet hat. Und der Begriff Lebensmensch geht auf den Thomas Bernhard zurück, weil er gesagt hat, dass die Hedwig Stavianicek sein Lebensmensch, sein Lebensmittelpunkt war, aus diesem Menschen bezog er seine ganze Kraft, sie gab ihm Halt, er brauche nur an sie denken, dann sei die Welt in Ordnung. Bernhard spricht Menschen mit seiner Sprache und seiner Form noch heute sehr an, seine Lyrik wird leider kaum wahrgenommen.

Prim. Mag. Dr. Herwig Oberlerchner, MAS, ist an der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Klagenfurt am Wörthersee tätig.

 

Die ersten Lebensmonate verbrachte er in einem Kinderheim, wo man ihn nicht aus dem Bett nehmen durfte und er typische Symptome von Hospitalismus zeigte. Danach kam die Trennung von wichtigen Bezugspersonen, dann die schwarze Pädagogik in den Erziehungsheimen, die überforderte und gewalttätige Mutter, der (abweisende und) abwesende Vater. Bernhard hatte alle psychosozialen Risikofaktoren, sagt der Kärntner Psychiater Oberlerchner.

Thomas Bernhard

© IMAGNO / Votava / picture alliance

Mit Herwig Oberlerchner hat Martin Křenek-Burger gesprochen

, Ärzte Woche 7/2017

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben