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Mir war klar: Es geht vorbei

Österreich hat das erste Match bei der Euro verloren. Gegen Ungarn. Ich fühle mich depressiv und leer. Vielleicht werde ich mich überhaupt nicht mehr für Fußball interessieren. Doch auch wenn ich für einige Tage ein Stimmungstief durchmache, kann nicht von einer ernsthaften Depression die Rede sein.

Eine Depression muss laut ICD 10 mindestens zwei Wochen anhalten. Die nächsten Spiele könnten mich quasi heilen. Alaba und Kollegen könnten mein Antidepressivum werden, mein Depressivum sind sie ja bereits. Fußballer lösen Depressionen aus, haben aber selbst keine. Depressionen haben die Anderen. Depressionen haben im Sport nichts verloren. Wer im Sportgeschäft depressiv ist, ist schwach. Und im Sport muss man stark sein. Sinn des Sports ist es stärker zu sein oder schneller oder weiter zu kommen. Depressive haben meist das Gefühl sie kommen nicht weiter, sehen keine Perspektive wohin es gehen könnte. Und fühlen sich oftmals als Versager. Im Sport geht das nicht. Vielleicht zeigen sich Depressionen deshalb beim Sportler manchmal mit einer anderen Symptomatik als in der Allgemeinbevölkerung. Nicht selten wird die affektive Störung über den Körper ausgedrückt. Verlängerte Regenerationszeiten oder eine erhöhte Verletzungsanfälligkeit können Zeichen sein. Einer Depression beim Sportler geht nicht selten eine Verletzung voraus. Niederlagenserien oder Probleme mit den Trainern oder der Mannschaft können ebenfalls ursächlich für eine Depression sein. Außerdem treten bei Sportlern nicht selten nach der Karriere depressive Verstimmungen auf die sich zu schweren Depressionen entwickeln können. Natürlich kann sich eine Depression beim Sportler auch genau so zeigen wie man sie vom „Normalbürger“ kennt, mit einer anhaltenden Antriebsverminderung, Freudlosigkeit, Lustlosigkeit, Schlafstörungen und einer depressiven Stimmungslage. Der Unterschied zwischen dem Normalbürger und dem Sportler ist folgender: der Athlet wird sich mit geringerer Wahrscheinlichkeit in Behandlung begeben – das wissen wir aus entsprechenden Untersuchungen. Denn psychische Erkrankungen sind im Sportgeschäft ein Tabu. Daher fällt es schwer sich seinem Hausarzt, dem Teamarzt oder gar einem Psychiater anzuvertrauen. Aus diesem Grund braucht es Ärzte die um dieses Tabu wissen und es brechen. Indem sie über psychische Beschwerden sprechen, nicht nur mit dem Sportler sondern auch mit seinem Trainer mit seiner Familie und seinen Freunden. Aufklärung und Information in sachlicher und diskreter Weise kann helfen beim Sportler und dessen Umfeld ein Bewusstsein über psychische Erkrankungen zu erzeugen. Mit dem Ziel, dass sich mehr Sportler in professionelle Behandlung begeben. Denn psychische Erkrankungen sind behandelbar. Meist mit einfacheren Mitteln als meine „EURO-Depression“ in die mich die Nationalmannschaft nach dem Ungarnspiel gestürzt hat. Denn ein Sieg gegen Portugal lässt sich nicht so einfach verordnen.

Wolfgang Pennwieser, Ärzte Woche 25/2016

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