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Instrument der Konservativen

Nachgefragt bei Dr. Lorenz Nigst, Institut für Orientalistik der Universität Wien.

Welche Folgen hat die Pathologisierung von Masturbation auf die zweifelnden Muslime? Wie stellt sich das Bild aus den Fragestellungen im Internet dar?

Nigst:Zunächst geht es um einen bestimmten Diskurs. Mit Blick auf die Folgen wichtig ist dabei vor allem, dass Masturbation als Thema nicht im „luftleeren“ Raum vorkommt. So ist diesem Diskurs zufolge die, angeblich immer häufiger auftretende, Masturbation ein Indiz dafür, dass gesellschaftlich eine Menge falsch läuft. Kurz: Es scheint um Probleme zu gehen oder um Dinge, die von manchen als Probleme empfunden werden. Das kann die Unleistbarkeit einer Heirat und damit eines „natürlichen“ Sexuallebens sein – nicht zuletzt geht es aber nachdrücklich auch um abgelehnte soziokulturelle Veränderungen aufgrund „westlicher“ Einflüsse. Es geht also um einen Abgrenzungsdiskurs, der von einigen mit Vehemenz geführt wird. Als solcher erfindet er nicht nur bestimmte Formen von angeblicher „Authentizität“, sondern versucht zudem, die eigene Vision von Gesellschaft als von der Natur bzw. vom Schöpfergott gewollt darzustellen. Demgegenüber wird der „Westen“ als ein Ort von Schmutz begriffen. Unter anderem deutlich betroffen hiervon sind emanzipatorische Bewegungen, deren Ziele als zugleich gegen die Religion und die Ordnung der Natur gerichtet und deswegen krank (machend) dargestellt werden. Das kann nicht ohne Folgen bleiben.

Lässt sich in den Kommentaren zu Köln auf arabischen Internetseiten eine Tendenz feststellen?

Nigst: Ein kursorischer Blick auf Kommentare in arabischsprachigen Medien legt nahe, dass viele Leute sehr betroffen sind von diesen Geschehnissen. Aber auch „Köln“ ist eine Projektionsfläche. Viele Leute sind sichtlich bewegt, dass europäische Länder wie Deutschland oder Österreich Menschen in Not helfen – und die Vorstellung, dass der „Dank“ für die ausgestreckte Hand in Ereignissen wie denen von Köln besteht, ist für viele unfassbar. So heißt es immer wieder, dass etwa Deutschland eine Menschlichkeit vorleben würde, die man als den „Werten des Islam“ entsprechend empfindet und die man sich als Muslim anstatt schöner Worte auch von „islamischen Staaten“ wünschte. Manche empfinden also das Agieren „nicht-islamischer“ europäischer Länder „islamischer“ als jenes der sogenannten „islamische Welt“! Es finden sich aber durchaus auch Kommentare, die die Vorfälle einer „westlichen“ Liederlichkeit zuschreiben, eine Folge davon, dass der „Westen“ allerlei „Unmoral“ als „persönliche Freiheit“ betrachte.

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