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Psychiatrie und Psychotherapie 21. September 2015

Dunkle Henne und schwarzes Ei

Zieht die Gothic-Szene depressive Jugendliche an oder werden sie aufgrund des Umgangs schwermütig?

Die „Goths“ scheinen anfälliger für Depressionen und selbstverletzendes Verhalten zu sein. Wissenschaftler vermuten, dass dies an dem Phänomen der sozialen Ansteckung liegen könnte. Eine Studie ging dem nun nach.

Schwarze Kleidung, weiße Gesichter, düstere Musik – allein das Erscheinungsbild von Anhängern der Gothic-Kultur wirkt für Außenstehende bedrückend. Für die „Goths“ ist dies nicht selten Ausdrucksweise ihrer inneren Gefühls- und Gedankenwelt. Aus medizinischer Sicht stellt sich die Frage: Sind Jugendliche, die sich der Gothic-Szene zuwenden, besonders gefährdet, eine Depression oder selbstverletzendes Verhalten zu entwickeln? Oder sind diese Jugendlichen von Grund auf anfälliger für Depressionen und schließen sich deshalb dieser Bewegung an – eine Frage im Sinne des Henne-Ei-Problems.

In einer aktuellen prospektiven Studie war das Risiko für Jugendliche, die sich stark mit der Gothic-Szene identifizierten, im Studienverlauf an einer Depression zu erkranken, tatsächlich mehr als dreimal so hoch wie für Gleichaltrige ohne diese Neigung (nicht-adjustierte Odds Ratio, OR:3,67). Auch fügten sich die Gothic-Anhänger deutlich häufiger Selbstverletzungen zu (nicht-adjustierte OR: 5,14). Jugendliche, die sich nur bedingt mit der Gothic-Szene identifizieren konnten, erkrankten ebenfalls eher an einer Depression, allerdings war ihr Risiko nur 1,6-fach höher. Nach Ansicht der Studienautoren um Lucy Bowes von der Universität in Oxford deutet dieser Befund auf eine Dosis-Wirkungs-Beziehung hin. Sprich, je stärker sich Jugendliche der Gothic-Szene zugehörig fühlen, desto eher entwickeln sie eine Depression. Dieser Zusammenhang blieb auch nach Adjustierung auf potenzielle Störfaktoren wie Depression bei der Mutter, Mobbing oder depressive Verstimmungen in der Vergangenheit bestehen (adjustierte OR von 1,29 bzw. 1,33 für Depression bzw. selbstverletzendes Verhalten mit jeder höheren Identifizierungsstufe „gar nicht“, „nur etwas“, „etwas“, „mehr als etwas“, „sehr stark“).

Soziale Selektion möglich

Insgesamt fanden sich bei 105 (6 %) der 1.841 Jugendlichen, die mit 15 Jahren nichts mit der Gothic-Szene zu tun hatten, im Alter von 18 Jahren Symptome einer Depression; 10 % fügten sich absichtlich Verletzungen zu. Unter den 154 Gothic-Anhängern waren in diesem Alter 28 (18 %) von depressiven Verstimmungen betroffen; mehr als ein Drittel (37 %) verletzte sich selbst.

Für die Studienautoren ist dieser Befund ein Hinweis dafür, dass Anhänger der Gothic-Kultur anfälliger für Depressionen und selbstverletzendes Verhalten sein könnten. Eine soziale Selektion – nämlich dass Jugendliche mit psychosozialen Problemen von Subkulturen wie der Gothic-Szene besonders angezogen werden – sei jedoch nicht auszuschließen, räumen sie ein. So waren Gothic-Anhänger auch eher von Mobbing, depressiven Verstimmungen usw. betroffen. Dennoch würde das Depressionsrisiko für die Szeneangehörigen auch nach Adjustierung auf psychosoziale Faktoren erhöht bleiben, sagen die Wissenschaftler.

Stigmatisierung

Eine mögliche Erklärung für die erhöhte Anfälligkeit sehen Bowes und Kollegen in dem Phänomen der sozialen Ansteckung. Das gemeinsame Grübeln, Hören von Gothic-Musik und aktive Diskussionen über Selbstverletzung als emotionale Bewältigungsstrategie – all das könnte auf die Jugendlichen ansteckend wirken und die Entstehung von Depressionen und selbstverletzendem Verhalten fördern. Die Identifizierung als Goth könnte aber auch Ausdruck einer gesellschaftlichen Stigmatisierung sein, womöglich fühlen sich die Jugendlichen aufgrund ihrer psychosozialen Probleme isoliert und ausgegrenzt. Die Studienergebnisse lassen laut Autoren trotzdem den Schluss nicht zu, dass die Zugehörigkeit zur Gothic-Szene per se das Depressionsrisiko für Jugendliche erhöht, zumal es sich um eine durchaus heterogene Bewegung handelt. Vielleicht wäre es aber sinnvoll, bei jugendlichen Gothic-Anhängern verstärkt auf Risikofaktoren für Depression und selbstverletzendes Verhalten zu achten.

Originalpublikation: Bowes L et al. Risk of depression and self-harm in teenagers identifying with goth subculture: a longitudinal cohort study. Lancet Psychiatry 2015; 2: 793–800

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