zur Navigation zum Inhalt
Wenn das Feuer des hohen Engagements zu stark brennt, kann es schnell ausbrennen...
 
Psychiatrie und Psychotherapie 14. September 2015

Mit der Kraft am Ende

Ursachen, Verlauf und mögliche Auswege aus der Erschöpfung

Das beinahe schon als Modebegriff gebräuchliche „Burn-out“ umfasst eine Summe von Symptomen, die durch eine körperliche, geistige und seelische Erschöpfung verursacht werden. Hervorgerufen wird diese durch starke – meist berufliche – Frustration. Gefährdet sind vor allem hoch engagierte Mitarbeiter, die nicht die erwartete Anerkennung erhalten. Burn-out-Betroffene können Symptome einer Depression zeigen. Die wahre Ursache ihrer Beschwerden erkennen sie oft nicht.

Wie verbreitet „Burn-out“ in unserer Gesellschaft tatsächlich ist, lässt sich nicht genau ermitteln. Nach dem aktuellen internationalen Diagnoseschema ICD-10 stellt „Burn-out“ keine Krankheit im eigentlichen Sinn dar, sondern „nur“ einen von zahlreichen Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen. Auch äußert sich die völlige Erschöpfung im Verlauf auf vielerlei Weise, etwa durch Schlafstörungen, Niedergeschlagenheit oder auch durch Aggression und Zynismus.

Typischer Verlauf

Das „Burn-out“-Syndrom verläuft in verschiedenen Phasen, die jeweils ihre eigenen Anzeichen haben. Am Anfang steht das „Brennen“, also ein hohes Maß an Engagement und selbst verursachtem Stress, was sich zum Beispiel in freiwilligen, unbezahlten Überstunden zeigt. Nicht umsonst wurde das Burn-out-Syndrom zuerst bei Angehörigen von Pflegeberufen beschrieben, die oft viel Idealismus mitbringen. Wenn die erhoffte Anerkennung in Form von Lob, Beförderung oder Gehaltserhöhung jedoch langfristig ausbleibt, „brennt“ der Betroffene „aus“. Frustration und Erschöpfung zeigen sich in psychosomatischen Beschwerden wie Schlafstörungen, Kopf- oder Magenschmerzen. Das Engagement schwindet, die Betroffenen fühlen sich ausgebeutet und erledigen am Arbeitsplatz nur noch das Nötigste; ein Zustand, der auch „innere Kündigung“ genannt wird. Gleichzeitig treten emotionale Kälte und Distanz an die Stelle von Mitgefühl. In diesem Stadium suchen die Betroffenen einen Schuldigen. Das können sie selbst sein, aber auch ihre Kollegen oder die Gesellschaft an sich. Je nachdem reagieren sie niedergeschlagen oder aggressiv. Die Erschöpfung lässt die Burn-out-Betroffenen zunehmend Termine vergessen und Fehler machen. Ein so weit „Ausgebrannter“ kann sich nicht mehr allein helfen: Denn er wehrt sich vehement gegen Veränderungen.

Ursachen

Anfällig für das Burn-out-Syndrom sind Personen, die ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung haben. Das sind einerseits ehrgeizige, idealistische Menschen, andererseits Menschen mit geringem Selbstwertgefühl. Werden ihre Erwartungen nach Anerkennung nicht im erhofften Maß erfüllt, kommt es zur Frustration und zum „Ausbrennen“. Ein Burn-out-Syndrom kann auch entstehen, wenn ein Lebensziel nicht erreicht wird oder aber, wenn es zwar erreicht wird, dies aber nicht so glücklich macht wie erhofft. Wer sich selbst für einen außergewöhnlichen Menschen hält, kann dieses Selbstbild nur schwer aufgeben und wird bis an die Grenzen seiner Kraft gehen, um es aufrecht zu erhalten. Dazu gehört auch der Anspruch, stets alles perfekt zu erledigen, es allen recht zu machen und keine Hilfe von anderen anzunehmen. Diesen Menschen fällt es schwer, „nein“ zu sagen, sowohl zu anderen als auch zu sich selbst.

Manche Lebensumstände begünstigen das Entstehen eines Burn-out-Syndroms. Arbeitsüberlastung und fehlende Anerkennung, aber auch Unterforderung, etwa durch monotone Tätigkeiten ohne die Möglichkeit, eigene Ideen einzubringen, zählen ebenso dazu, wie die permanente Blockierung des persönlichen Engagements durch bürokratische Vorgaben. Ob ein Burn-out entsteht, hängt auch stark davon ab, wie der Betroffene seine Situation bewertet.

Diagnose

Auch wenn keine einheitliche Definition für „Burn Out“ existiert – der Arzt stellt das Symptombild der Erschöpfung nach einem ausführlichen Gespräch mit dem Patienten und schließt außerdem ähnliche Erkrankungen wie Depression sowie körperliche Leiden aus.

Der Weg hinaus

In frühen Phasen des Burn-outs können äußere Veränderungen wie ein neuer Chef oder ein neuer Arbeitsplatz noch einer weiteren Verschlimmerung entgegenwirken. Im fortgeschrittenen Stadium brauchen Betroffene professionelle Hilfe. Das Burnout-Syndrom ist eine ernste Gesundheitsstörung, die unbehandelt bis zur Invalidität führen kann. Die therapeutischen Ansätze richten sich nach dem Stadium und nach den individuellen Auslösern. Wesentlich ist die Einsicht des Betroffenen, dass überhaupt eine gesundheitsbeeinträchtigende Störung besteht.

Voraussetzung für psychotherapeutische Maßnahmen ist zunächst die körperliche Erholung. Dabei helfen Entspannungstechniken wie autogenes Training oder progressive Muskelrelaxation nach Jacobson. Sport, eine ausgewogene Ernährung, genügend Schlaf, bewusste Mittagspausen von mindestens einer halben Stunde, zusammenhängende Urlaube von möglichst drei Wochen und der Verzicht auf Genussgifte tragen ebenfalls dazu bei.

In der Psychotherapie sind die Denkstrukturen des Burnout-Patienten der Kern des Geschehens. Ein Ziel ist die Steigerung des Selbstwertgefühls, damit der Patient unabhängiger von der Anerkennung anderer wird – denn das Bedürfnis nach Anerkennung ist es ja, was ihn bis ans Ende seiner Kräfte gehen lässt. Viele Betroffene müssen wieder lernen, ihre eigenen Bedürfnisse beziehungsweise körperliche Warnsignale wie Verspannungen überhaupt wahrzunehmen.

Burn-out und Depression

In einigen Phasen können Burn-out-Betroffene depressive Symptome zeigen, wie Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Schlafstörungen oder Gedanken an Selbsttötung. In diesen Fällen können Antidepressiva angezeigt sein. Das Burn-out-Syndrom muss jedoch klar von einer Depression abgegrenzt werden. Bei der Behandlung eines Depressiven geht es nicht nur darum, seine Stimmung aufzuhellen, sondern auch, seine Antriebslosigkeit zu bekämpfen. Daher wirken viele Antidepressiva antriebssteigernd, was bei Burnout-Patienten unerwünscht ist. Denn der „Ausgebrannte“ wird gerade von seinem starken inneren Antrieb in die Erschöpfung getrieben.

Der Burn-out-Betroffene als Kollege

Da dem Burn-out-Betroffenen oft die Einsicht in seine Krankheit fehlt, können aufmerksame Kollegen vielleicht das Gespräch mit ihm suchen. Etwa wenn er die Mittagspause grundsätzlich durcharbeitet und jeden Tag länger bleibt. Chefs sollten eingreifen, wenn ein Mitarbeiter massiv Überstunden anhäuft und Urlaubstage verfallen lässt. Doch oft machen sich „ausbrennende“ Mitarbeiter bei der Belegschaft je nach Burnout-Phase auf verschiedene Weise unbeliebt: in der Frühphase durch ihren Perfektionismus, später durch ihren Zynismus und ihren Widerwillen gegen die Arbeit, der sich in langen Pausen und häufigem Fehlen zeigt. Der ausbrennende Kollege wird reizbar und intolerant, die Zahl seiner Fehler – die die anderen ausbügeln müssen – steigt.

Firmen und Betriebe können die Persönlichkeitsmerkmale ihrer Angestellten, also die „inneren“ Ursachen für das Burn-out-Syndrom, natürlich nicht ändern. Sie können aber Rahmenbedingungen schaffen, die ihre Mitarbeiter vor der völligen Verausgabung schützen. Dazu gehört etwa ein wertschätzender Führungsstil.

Der Burn-out-Betroffene in der Apotheke

Die völlige Erschöpfung bei Burn-out zieht den Körper in Mitleidenschaft. Das äußert sich in Schlafstörungen, Rücken- und/oder Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden oder häufigen Infekten – was den „Ausgebrannten“ in die Apotheke führt. Wer bei jeder noch so starken Erkältung Mittel kauft, um „den Tag zu überstehen, weil ohne mich in der Firma nichts läuft“, ist vielleicht Burn-out-gefährdet. Gerade Stammkunden geben auch beim normalen Smalltalk Hinweise: „Auf Wiedersehen und ein schönes Wochenende, das Wetter soll ja herrlich werden!“ – „Ach, ich werde das Wochenende doch mal wieder durcharbeiten.“ Da sollte der Apotheker hellhörig werden und auf ein mögliches Problem hinweisen und – fachliche Unterstützung empfehlen!

Springer-gup.de

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben