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Aggression und die Reaktion darauf: Amoktaten werden meist von Menschen verübt, die nicht psychisch krank sind.
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Wie nach jedem Gewaltexzess spekuliert man in Graz über die Motive des Täters.

 

Warum? Fragt sich die ganze Welt

Die Rolle von Medien, Polizei und Psychiatern nach der Amoktat von Graz sollte kritisch hinterfragt werden.

Die Grazer Tragödie zwingt zur Auseinandersetzung mit dem scheinbar Unbegreiflichen. Viele blocken jetzt ab. Doch, sagt der Sozialpädagoge Niemeyer, zum Verstehen, zum Fragen nach den Motiven, gebe es keine Alternative. Psychiaterin Rados erklärt: Amoktäter sind meist nicht psychisch krank, sondern erschreckend normal.

Sondersendung. Der ORF-Reporter in der Grazer Innenstadt wehrt sich tapfer gegen den Umstand, dass es über die Opfer der Amokfahrt wenig bis nichts und über die Motivlage des Todes-Fahrers gar nichts Neues zu sagen gibt. Kein Wunder: Der vorangegangene Live-Einstieg ist gerade 30 Minuten her. Die Zeitungen titeln am Tag danach „Graz, eine Stadt im Ausnahmezustand“ (Der Standard, 23.6.) oder „Sie lebt, er ist tot: nach der Heirat“ ( www.heute.at ). Was man halt so schreibt, wenn einem die Begriffe ausgehen.

Ein aktuelles Medium kann über eine Amoktat nicht nicht berichten oder diese gleichsam prominent ignorieren. Das käme einer Bankrott-Erklärung gleich. Heikel wird es aber, wenn aufgrund der nur spärlich fließenden Informationen der Behörden über die Motivlage des mutmaßlichen Täters spekuliert wird und in der Hektik nicht mehr zwischen psychisch belastet und psychisch krank unterschieden wird.

Was ist passiert? Der steirische Landessicherheitsdirektor Josef Klamminger hatte kurz nach der Amokfahrt „eine Psychose mit Ausgangspunkt im Familienleben“ diagnostiziert, die bei dem mutmaßlichen Täter vorliege. Prim. Dr. Christa Rados, Vorstand der Psychiatrie am LKH Villach: „Dass jemand nach einer derartig extremen Tat unter Maximal-Stress steht und nicht ruhig seine Aussage machen kann, ist nachvollziehbar. Der erste Eindruck kann daher täuschen. Die Diagnose einer psychischen Erkrankung obliegt Fachleuten und benötigt viel Zeit und Sorgfalt. Hier sind forensische Psychiater gefordert. Dass Gewaltdelikte primär psychisch Kranken zugeschrieben werden, ist ein leider sehr verbreitetes Vorurteil. Sie werden jedoch ebenso häufig, in absoluten Zahlen sogar weit häufiger, von psychisch Gesunden begangen.“ Im aktuellen Fall wurde der mutmaßliche Amokfahrer vom Haftrichter nicht für unzurechnungsfähig erklärt und zumindest vorerst nicht in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.

Die Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (ÖGPP), deren designierte Präsidentin Rados ist, fordert in einer Aussendung einen besonnen Umgang mit so einem Ereignis: Die Erforschung der Motivlage eines Amokläufers erfordere eine umfangreiche Untersuchung des Werdegangs, des aktuellen Zustandsbildes, verschiedener körperlicher und psychopathologischer Parameter, und das sei das Spezialgebiet von forensischen Psychiatern. Diagnostische Mutmaßungen, die trotz unzureichender Erkenntnislage über die Medien transportiert werden seien unseriös, sagt Rados.

Spekulationen führen zu Missverständnissen, Verwirrung und Verunsicherung und entspringen im besten Fall dem nachvollziehbaren Erklärungsbedürfnis bei besonderen Gewalttaten. Rados wird deutlicher: Natürlich seien Parallelen zu vergleichbaren Gewaltexzessen herstellbar, welche dann von befragten Experten für vorschnelle Erklärungsmodelle benutzt werden, aber gerade bei Amoktaten gebe es dermaßen viele Unterschiedlichkeiten – „Amoklauf ist nicht gleich Amoklauf“ –, dass sich allgemeine Rückschüsse auf Täterprofile schlich von selbst verbieten würden. „Aber natürlich finden sich immer Kollegen, auch aus den eigenen Reihen, die sich vor Spekulationen nicht scheuen, um die medialen Bedürfnisse zu befriedigen.“

Ähnlich wie ein Suizid könne auch ein Amoklauf Nachfolge-Taten begünstigen. Wichtig sei es wie bei Suizidfällen, über die in Österreich nur sehr verhalten berichtet wird, auch bei Amoktaten die Sensationslust nicht zu schüren, sondern zu dämpfen – und auf die Opfer hinzuweisen..“ Wichtig sei es wie bei Suizidfällen, über die in Österreich nur sehr verhalten berichtet wird, auch bei Amoktaten die Sensationslust nicht zu schüren, sondern zu dämpfen und auf die Situation der Opfer hinzuweisen.

Für die Opfer und deren Angehörige sei es nämlich äußerst kränkend, wenn die Berichte in den Medien sich zu sehr auf den Täter konzentriere, sagt Rados. Dies könne eine sekundäre Traumatisierung darstellen. „Da wandelt der Berichterstatter auf einem schmalen Grat. Trotz des Wunsches nach Diskretion: Vielen Opfern – und dazu gehören auch die Zeugen des Ereignisses – tut es nicht gut, wenn die Situation des Täters allzu sehr im Vordergrund steht.

Andererseits darf die Öffentlichkeit den Blick nicht von den Tätern abwenden, so wie es beim Amoklauf von Erfurt 2002 zum Teil geschehen ist. Damals erschoss der 19-jährige Robert Steinhäuser am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt elf Lehrer eine Referendarin, eine Sekretärin, zwei Schüler und einen Polizisten. Anschließend tötete er sich selbst. Vier Tage nach dem Amoklauf, wartete die Bild-Zeitung mit Ermittlererkenntnissen auf, denen zufolge das Dämonische in der kühl und langfristig geplanten Tathandlung daran deutlich werde, dass der Täter schon Monate vor der Tat ‚abtauchte‘ und beispielsweise „nicht mehr in Kneipen (ging)“, um „ja nicht in eine Schlägerei oder ähnliches verwickelt zu werden“ und „so zu riskieren, dass man die Waffen beschlagnahmt“. Das schreibt Prof. Dr. Christian Niemeyer von der TU Dresden, in seinem Artikel „Vom Verfall des Verstehens“ im Fachblatt Sozial Extra 3/2015 (DOI 10.1007/s12054-015-0033-5). Am 2. Mai 2002 präsentierte die Bild das Kinderfoto eines „blonden, netten“ Robert S., verbunden mit der suggestiven Frage: „Steckte da schon das Böse in ihm?“ Keine Frage, sondern eine Feststellung traf der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl: „In den Augen des Amokfahrers habe ich ein Stück der Hölle gesehen“ ( kurier.at ). Am gleichen Tag erläuterte Herbert Kremp, der langjährige Chefredakteur der Welt, in der Berliner Morgenpost unter dem Titel „Vom Bösen will keiner reden“, warum letzteres zu tun sehr wohl geboten sei. Andernfalls nämlich, so Kremp, müsse Eltern, Verwandte, Freunde oder Computerspiele, Filme, Musik oder gar den Leistungsdruck, verantwortlich sprechen, übersähe aber das im Täter gründende „Böse als Prinzip“. Niemeyer, rückblickend: „Etwas sprachlos verharrte ich vor diesem Text und wollte nicht glauben, was da geschrieben stand.“

Die damalige CDU-Vorsitzende Angela Merkel erließ eine Art „Verstehensverbot“, denn: „Wer das Unverständliche verstehbar und das Unerklärbare erklärbar machen möchte, der muss aufpassen, dass er sich nicht – zumindest unterschwellig – auf die Seite des Täters stellt.“ Dem hält Niemeyer die „Alternativlosigkeit des Verstehens“ entgegen.

Aufgabe der Experten sei es auch nicht, entsetzt zu sein. Gemünzt ist das auf den Amokforscher Herbert Scheithauer, der 2008 seinem „Entsetzen“ über Erfurt Ausdruck verlieh: über die Zahl der Todesopfer, über die lange Tatplanung und das Waffenarsenal des Täters. Niemeyer: „Sind dies die primären Parameter eines Psychologen? Oder müsste er nicht von Haus aus nach anderem fragen, nach den Motiven beispielsweise.“

Das erfordert eine selten gewordene Tugend: Geduld. Der Psychiater Dietmar Bayer wurde auf Radio Steiermark, zur Amokfahrt befragt: „Es gibt viele Ursachen für so eine Tat und man soll nicht voreilig urteilen. Man soll eine fachärztliche Untersuchung durchführen, den psychiatrischen Befund erstellen lassen.“ Und dann? „Dann werden wir aufgeklärt.“

Martin Burger, Ärzte Woche 27/2015

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