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Österreichs konzeptlose Suchttherapie

Neben Österreich haben nur noch zwei EU-Länder keinen nationalen Suchtplan. 

Im Rahmen des 5.Internationalen Suchtsymposiums am Grundlsee kritisierte Univ.-Prof. Dr. Gabriele Fischer, Leiterin der Drogenambulanz, Suchtforschung und Suchttherapie an der MedUni Wien, das Fehlen eines nationalen Suchtplans für Österreich. Dadurch gibt es bis heute kaum zuverlässiges Datenmaterial zur Häufigkeit von Drogenmissbrauch und -abhängigkeiten. Zuverlässige Fakten sind aber die Voraussetzung für evidenzbasierte und qualitätsgesicherte Therapiekonzepte, die dieses  Land dringend benötigt, um „individuelles Leid und hohe gesellschaftliche Kosten“ gleichermaßen zu reduzieren. Die Kosten werden vor allem durch indirekte Ausgaben verursacht. Eine nicht erfolgreich stabilisierte Suchterkrankung führt zu hohen indirekten Kosten wie verfrühte Beschäftigungslosigkeit, erschwerte Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess, im Fall der Abhängigkeit von illegalen Substanzen zu hohen Kosten der Exekutive und des Justizsystems und zudem meist zu chronischen zusätzlichen somatischen Erkrankungen mit assoziierten Gesundheitskosten.

Fischer präsentierte am Suchtsymposium auch die Ergebnisse einer aktuellen Studie, in der sie mit ihrem Forschungsteam die Sustanzmissbrauchsmuster von Studierenden analysiert hat. Über 38 % der Studierenden rauchen regelmäßig, knapp ein Drittel der Männer und ein Fünftel der Frauen zeigen Zeichen einer Alkoholabhängigkeit mit Abklärungsbedarf. Cannabis wird von rund 19 % der Studierenden konsumiert, von rund 10 % davon sogar täglich. Während zudem 6 % zu Benzodiazepinen –  zum  Beruhigen oder als Schlafmittel – greifen, spielen Substanzen wie Kokain, Ecstasy oder LSD nur eine geringe Rolle.

Maximale finanzielle Fehlsteuerung

Laut Fischer sind Substanzkonsumstörungen eine der teuersten Erkrankungen für die Gesellschaft und verursachen unglaubliches Leid für Betroffene und deren Familien. Die qualitätsgesicherte Behandlung lässt aber noch immer zu wünschen übrig, verharrt  im vorigen Jahrhundert. Warum? Bekanntlich sind Fachärzte für Psychiatrie Mangelware, Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie mit Kassenstellen, deren primäre fachliche Zuständigkeit es wäre, kaum vorhanden – trotz  jahrzehntelanger Verweise auf die Zunahme psychiatrischer Erkrankungsbilder in den zuständigen Körperschaften wie Gesundheitsministerium und Ärztekammer. „Zudem stellt Österreich eines von zwei EU-Ländern dar, die keinen nationalen Suchtplan haben. Dieser dient nicht nur der Erstellung korrekter Zahlen, sondern legt eine klare, qualitätsgesicherte Versorgungsstrategie fest. Die Suchterkrankung stellt eine der häufigsten psychiatrischen Krankheitsbilder dar und sollte auch in Österreich als integraler Bereich psychiatrischer Abteilungen angesehen werden – dies erspart der Bevölkerung viel Geld und ermöglicht den Betroffenen (hoffentlich) eine evidenzbasierte Versorgung. Dazu gehört ein klarer Strukturplan, der in Zusammenarbeit mit Allgemeinmedizinern etabliert wird“, so Gabriele Fischer. Politische Entscheidungsträger sind gefordert Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Fleischhacker, Univ.-Klinik für Biologische Psychiatrie, MedUni Innsbruck, forderte nach einer evidenzbasierten qualitätsgesicherten Suchttherapie. „Stark fragmentierte Behandlungsangebote, die von unterschiedlichsten Trägern in höchst bemühter Weise bedient werden, werden diesem Anspruch leider nicht immer gerecht. Zudem ist Suchtbehandlung nach wie vor einer der am stärksten emotionalisierten und politisierten Bereiche der Medizin. Erschwerend kommt dazu, dass saubere Inzidenzzahlen für Suchterkrankungen in Österreich nicht verfügbar sind, was die Versorgungsplanung zu einer Herausforderung macht. Desiderat ist demzufolge ein österreichisches Suchtkonzept, idealerweise erarbeitet von der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie in Zusammenarbeit mit Suchttherapeutinnen und  -therapeuten anderer Professionen, in dem grundsätzliche Strategien zum Thema Sucht, und zwar bezogen auf alle Typen von Abhängigkeitserkrankungen, festgelegt werden. Aus einem derartigen Konzept, das zum Beispiel in Tirol schon vom Landtag beschlossen wurde, sollten dann Behandlungsempfehlungen und/oder Leitlinien sowohl für primäre, sekundäre als auch tertiäre Behandlungseinrichtungen generiert werden“, erläuterte Fleischhacker.

Dialog, aber auf Augenhöhe

„Die Forderung nach qualitätsgesichertem, evidenzorientiertem Vorgehen in der Behandlung von Abhängigkeitserkrankten ist natürlich zu unterstützen. Suchtkranke Menschen haben genauso wie andere Kranke ein Anrecht auf eine Behandlung, die auf den gegenwärtig bestmöglichen theoretisch und empirisch ermittelten wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht“, betonte Christoph Lagemann, Leiter des Instituts Suchtprävention bei pro mente. Die notwendige Integration von wissenschaftlich generierter Evidenz und dem Erfahrungswissen aus der Praxis erfordert den Dialog der beiden Felder – auf Augenhöhe. „Der findet jedoch in Österreich kaum statt. Standesdünkel auf der einen Seite und möglicherweise mangelndes Selbstbewusstsein auf der anderen verhindern diesen Dialog, der für die unabdingbare Verbesserung der Suchtbehandlung so notwendig wäre. Ein Suchtkongress jagt den anderen; heute tagt die Wissenschaft und morgen tagt die Praxis“, so Lagemann. Die Dichotomisierung von illegalen Substanzen und Alkohol ist natürlich nicht sinnvoll, aber geschichtlich erklärbar. Für die Opiatabhängigen der frühen Siebzigerjahre und ihren durch die Sucht bedingten kriminellen Lebenswandel hat damals niemand Interesse gezeigt; auch nicht die Psychiatrie. Die Politik war froh, überhaupt jemanden zu finden, der sich dieser Gruppe annimmt und so wurden Therapieeinrichtungen gegründet und „Therapeuten“ angestellt, die mindestens so exotisch waren wie ihre Therapiekonzepte. Über viele Jahre bis Jahrzehnte hat das niemanden gekümmert. Laut Lagemann sei es erfreulich, dass die Psychiatrie in den letzten Jahrzehnten zunehmend ihren wichtigen Platz in der Behandlung suchtkranker Personen eingenommen hat. Eine rein psychiatrische Versorgung Suchtkranker ist seines Erachtens aber zu wenig. Sozialarbeiter und -pädagogen, Arbeits-, Beschäftigungs- und Psychotherapeuten leisten einen wesentlichen Beitrag in der Behandlung Suchtkranker, der unverzichtbar ist. Wer diese multidisziplinäre Arbeit professionell organisiert, ist nebensächlich. „Qualität gibt es auch in privaten Vereinen. Berufspolitische Interessen und der in Österreich besonders verbreitete Standesdünkel verhindern  die multidisziplinäre Zusammenarbeit zum Wohle des Patienten. Nicht nur in der Suchtbehandlung“, resümiert Lagemann abschließend. 

Quelle: Ärzte Woche  13/2015/Mag.  Volkmar Weilguni

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