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Warum Zebras keine Magengeschwüre bekommen

Das Stresskonzept der allostatischen Last sieht vor allem den chronischen Stress als Wurzel vieler Übel.

Epidemiologische Studien der letzten drei Dekaden bestätigen eindeutig den Zusammenhang zwischen psychosozialem Stress und chronischen Beschwerden.

Stress bedingt nicht nur eine Verschlimmerung bzw. schlechtere Prognose bestehender Erkrankungen, wie z. B. kardiovaskuläre Erkrankungen oder Krebserkrankungen, sondern kann auch selbst Auslöser sein. Auch die Weltgesundheitsorganisation hat sich dieser Befunde angenommen und geht davon aus, dass im Jahr 2020 stressbedingte Störungen die zweitwichtigste Ursache für Zivilisationserkrankungen darstellen werden.

Der Stressbegriff

In seiner ursprünglichen Bedeutung kommt das Wort Stress aus der Werkstoffkunde und beschreibt Belastungen, die auf einem Material lasten (lat. stringere = eng ziehen, zusammenziehen). Dies lässt sich auch auf den menschlichen Körper übertragen. Walter Cannon war 1929 einer der ersten, der diesen Begriff prägte und Stress als die Kraft beschrieb, die unsere Homöostase bedroht. Mit Homöostase meinte er dabei die koordinierte Reaktion physiologischer Prozesse, die unser milieu intérieur unter sich verändernden Umweltbedingungen konstant hält. Grundlage hier bilde die sogenannte Fight-or-flight-Reaktion mit vor allem einer Aktivierung des sympathischen Nervensystems. Es folgten weitere konzeptuelle Beschreibungen und Systematisierungsversuche.

Das Konzept der Allostase

In den 1990er-Jahren prägte der New Yorker Stressforscher Bruce McEwen ein weiteres Konzept, das vor allem die gesundheitlichen Folgen chronischen Stresses beschreiben und erklären sollte. Er war Mitbegründer des Konzeptes der Allostase. Anders als Homöostase, die in sehr engen Grenzen vitale Funktionen wie die Körpertemperatur und den pH-Wert aufrechterhält, geht es bei Allostase um dynamische Prozesse. Systeme, die diesem Konzept unterliegen, haben keinen physiologischen Sollwert, sondern dieser ist je nach Situation veränderbar (stability through change).

Doch diese Anpassungsreaktionen bleiben entsprechend der Autoren nicht ohne Kosten. Jede Aktivierung allostatisch gesteuerter Systeme führe zu einer Abnutzung (wear and tear) dieser, die sogenannte allostatische Last. Verschiedene Stressoren (Umweltstressoren, gravierende und traumatische Lebensereignisse) haben demnach auf Basis von interindividuellen Unterschieden die Wahrnehmung von Stress und eine dadurch initiierte physiologische Reaktion sowie verändertes Verhalten zur Folge. Die physiologische Reaktion, Allostase, hilft bei der Anpassung, führt aber eben auch zu allostatischer Last oder, wie die Autoren treffend formulieren, „the price your body has to pay“.

Auf physiologischer Ebene ist die Stressreaktion gekennzeichnet durch die schnelle Aktivierung (Sekunden bis Minuten) des autonomen Nervensystems mit der Freisetzung der Katecholamine Adrenalin und Noradrenalin in den Blutkreislauf. Zeitlich verzögert führt die Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse zur Freisetzung von Glukokortikoiden, beim Menschen vor allem Cortisol.

Überlebenswichtige Reaktionen wie eine Beschleunigung der Atmung und des Herzschlages, ein Anstieg des Blutdrucks, vermehrtes Schwitzen, eine Anregung des Zuckerstoffwechsels und gesteigerte Aufmerksamkeit bereiten den Körper optimal auf die Bewältigung des Stressors vor. Prozesse, die viel Energie binden, werden teilweise unterdrückt. Prominente Beispiele sind hier die Verdauung, Fortpflanzung sowie bestimmte Funktionen des Immunsystems. Im Normalfall fahren nach erfolgreicher Bewältigung des Stressors alle Systeme wieder in den Ausgangszustand zurück.

Die vier Typen allostatischer Last

Bestimmte Situationen führen nun aber besonders zum Auftreten allostatischer Last. Das Konzept beschreibt hier vier verschiedene Subtypen:

1. Die wiederholte Konfrontation mit immer neuen, unterschiedlichen Stressoren (repeated hits). Hierbei setzt nach der Aktivierungsphase jeweils wieder eine Erholungsphase ein.

2. Das Ausbleiben einer Habituation oder Adaptation in Bezug auf denselben wiederkehrenden Stressor (lack of adaptation). Eine voll ausgeprägte Stressantwort ist bei der ersten Begegnung mit einem Stressor adaptiv und hilft dem Organismus, sich den akut veränderten Bedingungen anzupassen. Bei wiederholtem Auftreten desselben Stressors ist eine solch starke Aktivierung hingegen nicht sinnvoll. Hier sollte es zu einer verminderten Reaktivität kommen, um die Effekte chronisch erhöhter Stresshormonkonzentrationen zu vermeiden.

3. Nachdem der Stressor erfolgreich bewältigt wurde fahren die aktivierten Systeme nicht wieder in den Ausgangszustand zurück, es tritt keine Erholung ein (prolonged response). So werden z. B. stressbedingte Gedächtnisprobleme auch als Konsequenz erhöhter und chronischer Cortisol-Ausschüttung auf den Hippocampus angesehen.

4. Im Gegensatz dazu kann eine nicht adäquate (hyporeaktive) Stressantwort (inadequate response) dem Organismus schaden, indem sie andere Systeme, wie z. B. pro-inflammatorische Zytokine, nicht ausreichend kontrolliert. Dies kann zu einer gefährlichen Überaktivierung anderer Systeme führen, wie es für das Immunsystem bei Autoimmunerkrankungen und Allergien zu sehen ist.

Folgen hoher allostatischer Last sind also solche, die unter akuten Bedingungen extrem adaptiv sind: gesteigerter Blutdruck, Anregung des Zuckerstoffwechsel oder ein eher gehemmtes Immunsystem, was anderen Systemen mehr Energie zur Verfügung stellt. Unter chronischem Stress werden diese Vorteile jedoch zu Nachteilen: hohe Blutzuckerwerte, Bluthochdruck, Osteoporose oder chronisch erhöhte Entzündungswerte.

Was hat das alles mit Zebras zu tun?

Über 50 Jahre lang führten Forscher Magengeschwüre auf Stress zurück. Bis im Jahr 1983 die beiden Australier Robin Warren und Barry Marshall ein Bakterium als Ursache ausfindig machten: Helicobacter pylori. Trotzdem liegt die Stressforschung nicht komplett falsch. Ungefähr 15 Prozent aller Magengeschwüre treten bei Personen auf, bei denen das Bakterium nicht nachweisbar ist und nur zehn Prozent der infizierten Personen erkranken tatsächlich an einem Magengeschwür.

Schauen wir uns nun die normale akute Stressreaktion an, wie sie beispielsweise bei einem Zebra unter Bedrohung durch einen Löwen aktiviert wird, dann kommt es zur Aktivierung des autonomen Nervensystems und endokrinen Systems mit der Freisetzung von Katecholaminen bzw. Glukokortikoiden. Die Hemmung u. a. bestimmter immunologischer Funktionen mobilisiert Energie, die dann wiederum der Fight-or-flight-Reaktion zur Verfügung stehen kann.

Dies funktioniert auch beim Menschen. Fügt man z. B. Studierenden einmal während der Examenszeit und einmal in den Semesterferien eine Wunde am Gaumen zu, dann heilt diese Wunde in der Hochstressphase der Examen viel langsamer als in den doch eher entspannten Ferien. Auf der Suche nach den zugrunde liegenden Mechanismen zeigte sich, dass unter chronischem Stress das Immunsystem eine Resistenz gegenüber der Wirkung des Glukokortikoids Cortisol entwickelt, was mit einer sowohl länger andauernden als auch überschießenden Immunreaktion in Zusammenhang gebracht wurde.

Während die Bedrohung des Zebras durch den Löwen von kurzfristiger Dauer ist, die Flucht gelingt oder eben nicht, erlebt der Mensch die unterschiedlichsten Arten von Stress. Von besonderer Relevanz erscheint hierbei chronischer psychosozialer Stress. Wie oben beschrieben werden die überlebenswichtigen Vorteile der akuten Stressreaktion unter chronischem Stress zu Nachteilen.

Chronischer Stress gehört zu unserem Alltag, zu dem von Zebras jedoch nicht. Stressabhängige Störungen, wie z. B. Magengeschwüre, sind demnach ein primär humanes Phänomen.

Dr. Jana Strahler ist Psychologin an der Philipps-Universität Marburg.

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