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Keine Krankheit

Burnout als Problem, das Leben zu meistern

Das Burnout-Syndrom kennt heute jeder. Aber bereits vor etwa 100 Jahren gabe es eine ähnliche Diagnose: Neurasthenie. Das Wort machte der New Yorker Nervenarzt George M. Beard ab 1880 bekannt. Die Stressfaktoren waren den heutigen ähnlich.

Wachsende Städte, mehr Verkehr und mehr Technik im Alltag: Was nach den Belastungen des modernen Menschen klingt, wurde schon vor mehr als 100 Jahren als Stressfaktor erkannt. Damals galt der ständige Blick auf die Taschenuhr als Gefahr für das Seelenheil, heute der auf’s Smart-phone. Neurasthenie hieß das Phänomen vor 100 Jahren, „Burnout“ heißt es heute.

Der Pschyrembel, Standard-Nachschlagewerk für medizinisches Fachwissen, nennt viele Differenzialdiagnosen zum Begriff „Neurasthenie“: etwa „Angststörung, Depression, anhaltende somatoforme Schmerzstörung, Burnout-Syndrom, chronisches Müdigkeitssyndrom“. Das Phänomen äußert sich durch „anhaltende Klagen über mangelnde Belastbarkeit und gesteigerte Ermüdbarkeit oder körperliche Schwäche und Erschöpfung, häufig begleitet von Kopfschmerz, Gliederschmerzen, Muskelverspannungen, Unfähigkeit zu entspannen“.

Gestern und heute

Laut Joachim Radkau, Historiker und Experte für Mentalitäts-, Medizin- und Umweltgeschichte aus Bielefeld, gibt es zwischen der heutigen Burnout- und der Neurasthenie-Welle ein Jahrhundert davor auffällige Analogien. Bei beiden Diagnosen handle es sich um Importe aus den USA, beide seien besonders im deutschen Kulturraum eingeschlagen. Die Neurasthenie wurde vielfach mit Fernwirkungen der elektrischen Revolution jener Zeit in Verbindung gebracht, ähnlich wie heute Burnout mit der elektronischen Revolution, der Reizüberflutung durch das Internet und der ständigen Erreichbarkeit über das Mobiltelefon.

Neurasthenie beeinflusst Politik

In den Jahren vor 1914 gelangte der „Nervendiskurs“ mehr und mehr in die Politik. „Wilhelm II. galt Insidern als der Oberneurastheniker des Reichs“, so Radkau. Dass der deutsche Kaiser in der Juli-Krise 1914 den Kriegstreibern nachgegeben habe, erkläre sich auch aus dem Bestreben, dem Verdacht der Nervenschwäche keine Nahrung zu geben, meint der Historiker.

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