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Lassen Pornos Hirnkerne schrumpfen?

Problem im Belohnungssystem.

Männer, die viel Pornos schauen, zeigen deutliche Veränderungen im zerebralen Belohnungssystem: Dort ist der rechte Nucleus caudatus verkleinert und die Aktivität im linken Putamen gestört. Was Ursache und was Wirkung ist, bleibt aber unklar.

Das Internet hat den Konsum pornografischer Darstellungen revolutioniert: Niemand muss mehr in schäbigen Sexkinos drittklassige Filme angucken oder am Kiosk schamhaft nach einschlägigen Titeln schielen, wenn ihm nach expliziten sexuellen Darstellungen zumute ist, heute geht das weitgehend anonym am Computer. Und das dürfte den Kreis der Pornokonsumenten erheblich erweitert haben: Schätzungsweis die Hälfte des Internetverkehrs dreht sich um das Thema Sex, etwa zwei Drittel aller US-Männer und immerhin 40 Prozent der Frauen gaben in Umfragen zu, mindesten einmal pro Monat pornografisches Material zu konsumieren, berichten Dr. Simone Kühn vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Dr. Jürgen Gallinat von der Psychiatrie der Charité in Berlin (JAMA Psychiatry 2014; 71(7): 827).

Die beiden Forscher stellten sich nun die Frage, ob ein übermäßiger Pornokonsum auch messbare Spuren im Gehirn hinterlässt. Wie bei anderen suchtartigen Verhaltensweisen vermuteten sie vor allem Veränderungen im Belohnungssystem. Sie analysierten in einer Studie per MRT-Volumetrie und fMRT die Hirnstruktur und Hirnaktivität von 64 gesunden männlichen Probanden im Alter von 21 bis 45 Jahren.

In der Anzeige, auf die sich die Teilnehmer gemeldet hatten, war lediglich von einer MRT-Untersuchung die Rede, sie wussten also zunächst nicht, dass es sich um eine Untersuchung zu Pornografie handelt. Per Fragebogen wurde nun ermittelt, wie viel Zeit sie pro Woche Pornos schauten, zusätzlich verwendeten die Forscher weitere Fragebögen um eine Sexsucht, Internet- und Computersucht sowie Depressionen und den Alkoholkonsum zu erfassen.

Vier Stunden Porno pro Woche ist offenbar normal

Insgesamt beschäftigten sich die Teilnehmer im Schnitt vier Stunden pro Woche mit pornografischen Darstellungen, ein Drittel der jungen Männer zeigte bereits ein hohes Risiko für eine Online-Sexsucht, war aber noch nicht abhängig. Männer mit hohem Pornokonsum offenbarten zudem höhere Werte auf der Skala für Sexsucht, tranken mehr Alkohol und waren stärker depressiv als solche mit geringem Konsum.

In der MRT-Volumetrie hatten Männer mit hohem Pornokonsum einen deutlich verkleinerten Schweifkern (Nucleus caudatus): Je mehr Zeit sie mit Pornos verbrachten, umso kleiner war diese Hirnstruktur.

Der Schweifkern ist etwa wichtig, um eine Belohnung zu entdecken und wahrzunehmen, um zwischen Belohnungen zu differenzieren und um die Motivation zu erzeugen, eine Belohnung zu erlangen. Er ist daher auch für die Fokussierung der Aufmerksamkeit entscheidend.

Der Zusammenhang - viele Pornos, kleiner Schweifkern - war auch dann noch signifikant, wenn das höhere Risiko der Pornokonsumenten für andere Süchte berücksichtigt wurde. Ein geschrumpfter Schweifkern scheint also zumindest bei dieser Probandengruppe ein recht spezifisches Merkmal für einen hohen Pornokonsum zu sein.

Abgestumpftes Putamen

In einem weiteren Experiment durften die Probanden im MRT-Scanner nun eine Reihe von Bildern anschauen, die Hälfte davon enthielten pornografische Darstellungen. Hierbei zeigten die Gehirne eine vermehrte Aktivierung im linken Putamen bei den Pornobildern, diese war aber umso geringer, je mehr Pornos die Probanden pro Woche konsumierten.

Offenbar brachten die Bilder starke Pornokonsumenten nicht mehr groß in Erregung - sie waren wohl schon recht abgestumpft. Das Putamen zählt wie der Schweifkern zum Striatum und ist an der Verarbeitung sexueller Inhalte beteiligt. Ein weiteres Ergebnis: Bei Probanden mit hohem Pornokonsum war auch die Verbindung zwischen Schweifkern und dorsolateralem präfrontalem Kortex unerwartet schwach, was ebenfalls auf Defizite im Belohnungssystem deutet.

Für die Befunde gibt es nun zwei Interpretationsmöglichkeiten: Möglicherweise führt die dauerhafte Reizüberflutung mit Pornos tatsächlich zu einer Abstumpfung des Belohnungssystems - dieses fährt seine Aktivität zurück. Wie bei anderen Süchten auch, muss die Dosis und Intensität dann stetig zunehmen, damit eine ausreichende Befriedigung erzielt wird.

Es kann aber auch sein, dass Personen mit einem von Natur aus schwachen Belohnungssystem nach stärkeren Reizen dürsten und eher dazu neigen, übermäßig Pornos zu konsumieren. Was nun Ursache und was Wirkung ist, lässt sich mit einer reinen Querschnittsstudie nicht ermitteln. Hier wären zumindest auch Längsschnittstudien oder gar Interventionsstudien nötig.

Ärzte Zeitung (mut)/TF, springermedizin.at

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