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Schuld sind immer die anderen

Früher wurde Sex verdrängt, heute sind es Schuldgefühle.

Immer mehr Menschen tun sich heute schwer, Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen. Sie sehen sich als Opfer widriger Umstände und suchen die Schuld für ihre Probleme immer bei anderen – bei der quälenden Ehefrau, den undankbaren Kindern, den strengen Eltern, dem unmöglichen Chef, den mobbenden Kollegen, den gemeinen Schwiegermüttern ... – aber nie bei sich.

Die eigene „Makellosigkeit“ lässt nicht zu, dass man zu seinen Fehlern steht. Stattdessen wird alles Belastende verdrängt. Verdrängung allein aber macht bekanntlich nicht glücklich, auch nicht die Verdrängung eigener Schuld. Die Opferrolle lenkt in seelische Sackgassen, wird zum Lebensirrtum. Sie lähmt und führt zu Passivität und Unfreiheit, weil man in ihr selbst nichts mehr ändern kann. Das Lebensschiff wird damit manövrierunfähig und der Mensch verbittert.

Heute verdrängt man nicht mehr Sexualität, sondern Schuld: Klopft das Schuldgefühl an der Türe des Bewusstseins, gibt man schnell die heiße Kartoffel an andere weiter. Eltern, Lehrer, Ehepartner – alle sollen schuld sein, nur damit man sich nicht schuldig fühlen muss. In der psychiatrischen Praxis zeigt sich aber: Fremdbeschuldigung und Selbstmitleid machen unfrei, bitter und oft auch wirklich krank. Der korpulenten Patientin ist klar: „An meinem Gewicht ist meine Familie schuld!“ Der Ehemann schiebt den Seitensprung, bei dem er ertappt wurde, seiner bigotten Umgebung in die Schuhe, denn: „Ein gesunder Mann braucht das!“ Und der überführte Dopingsünder sieht sich als Opfer der Medien.

Oft erweist sich in solchen Situationen auch eine veraltete Psychotherapie als wenig hilfreich, dann nämlich, wenn Schuldgefühle nicht ernst genommen, sondern gar „pathologisiert“ werden, um sie anschließend wegzutherapieren. Der Therapievorschlag der modernen Psychotherapie lautet hingegen: Persönliche Schuld erkennen und selbst Verantwortung für das eigene Tun übernehmen. Eigene Schuld wird man los, indem man sie annimmt. Niemand ist ohne Fehler. Irren ist menschlich und Scheitern gehört zum Leben – heißt die tröstliche Botschaft. Wir überfordern uns, wenn wir das nicht akzeptieren können und uns den Anspruch auf Fehlerlosigkeit selbst auferlegen. Wer zu einem schmunzelnden „Selber schuld!“ bereit ist, kann auch leichter anderen verzeihen.

Der Autor, Doz. Dr. Dr. Raphael M. Bonelli, Neuropsychiatrische Forschungsgruppe Sigmund Freud Universität, Wien, wird zu diesem Thema auch einen Vortrag beim Ärztlichen Fortbildungsseminar „Wissenschaft auf Reisen“ XI im Juni in Frankreich halten. Nähere Informationen: www.mondial-medical.at/frankreich 2014.

Ärztliches Fortbildungsseminar Wissenschaft auf Reisen XI

Wissenschaftliche Leitung/Referenten:

Univ. Prof. DDr. Johannes Huber

Univ. Prof. Dr. Markus Metka

Themenschwerpunkte:

Wie kann man Sexualität in der zweiten Lebenshälfte verbessern

Können Telomerasen beeinflusst werden

Testosteron und Stoffwechsel

Wein & Medizin

100 Speisen um 100 Jahre alt zu werden u.v.m.

Organisation & Information

Mondial Medica Reisen, Fr. Marina Grinberg

Währinger Gürtel 18-20 (AKH), 1090 Wien

t: +43 1 402 406 10

www.mondial-medica.at/frankreich2014

 

R. Bonelli, Ärzte Woche 17/2014

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