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Querulanz, pathologisches Misstrauen und die paranoide Persönlichkeitsstörung

Über Grenzgänger zwischen der Jurisprudenz und dem psychiatrischen System.

Zusammenfassung
Der Begriff „Querulanz“ stellt keine medizinische Diagnose im engeren Sinne dar. Vielmehr bezeichnet Querulanz ein Verhaltensphänomen, welches bei der Interaktion von Mensch und Rechtssystem des Öfteren zu beobachten ist. Ein Rechtsstreit kann aus einem übersteigerten und egozentrischen Rechtsempfinden heraus nicht beigelegt werden, sondern wird in Form einer Eskalationsspirale stets weitergezogen. Eine besondere Affinität zu querulatorischen Entwicklungen hat dabei die paranoide Persönlichkeitsstörung, deren Hauptmerkmal ein pathologisches Misstrauen ist. Der Autor zeichnet die Naturgeschichte dieser Kerneigenschaft des Querulanten nach und versucht, die Problematik der Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit im Lichte des heutigen Wissens über die modulare Funktionsweise des Gehirns aufzuschlüsseln.

Summary
The term “vexatious litigiousness” is not a medical diagnosis in the strict sense of the word. It rather should be considered as a behavioral phenomenon which is often observed in interactions between humans and the legal system.finished because it is carried on continuously by one of the litigants who is driven by an exaggerated sense of being right. As it seems, the so-called paranoid personality disorder has a particular affinity to such escalating litigations, which is facilitated by their pathological distrust.
The author recapitulates the natural history of distrust and makes an attempt to outline the issue of trust and distrust in the light of today’s knowledge on the modular organization of the human neocortex.

Einleitung
„Querulanz“ ist ein Phänomen, das in Rechtspflege und Psychiatrie gleichermaßen ungute Gefühle hervorruft. Sind die betreffenden Funktionsträger aber einmal damit konfrontiert, so werden oftmals über weite Strecken enorme Kräfte gebunden, ohne dass man einer Lösung des Problems näher kommt. Oft fällt bereits die Entscheidung schwer, ob nun der Jurist oder der Arzt für diese besonderen Persönlichkeiten und ihre Problematik zuständig ist. Von daher erscheint es lohnenswert, sich vertieft mit diesen Grenzgängern zwischen der Jurisprudenz und dem psychiatrischen System zu befassen.
Zu Beginn eine Worterklärung: Das lateinische Verbum „queri“, ein sogenanntes Deponens, welches nur in der Passiv-Form existiert, bedeutet so viel wie „klagen“, „sich beschweren“. „Querulus“ heisst dementsprechend „klagend“ oder als Substantiv ein „sich Beschwerender“; „Querela“ schliesslich ist die Beschwerde oder Klage vor Gericht.

» Ein Querulant ist ein Mensch, der sich bei seiner forcierten Rechtssuche in den Maschen eben dieses Rechtssystems verfängt.

Der Begriff des Querulanten stammt ursprünglich aus dem Rechtswesen, womit in abwertender Weise ein Mensch bezeichnet wurde, der sich immer gleich ins Unrecht gesetzt fühlt und mit einer Flut von Beschwerden und Klagen reagiert, wobei er sich von Niederlagen nicht abschrecken lässt, sondern vielmehr den aussichtslosen Kampf um „sein“ Recht mit verstärkter Vehemenz fortsetzt.

» Oft ist der Querulant von seinem Naturell her schon überdurchschnittlich misstrauisch, verliert bei Niederlagen nicht selten noch das letzte Vertrauen in das Rechtssystem, weshalb er in seltenen Fällen auch zum Mittel der Selbstjustiz greift

Angesichts der Tatsache, dass etliche dieser Querulanten auch unter psychopathologischem Gesichtspunkt auffällig sind, fanden die Begriffe „Querulanz“ und „Querulant“ schon früh Einzug in den psychiatrischen Sprachgebrauch, wovon Fachlexikoneinträge wie die Folgenden zeugen:

  • Querulanz (Nörgelsucht): Querulatorisches Verhalten, welches jedoch nicht den Charakter und das Ausmass des Querulantenwahns trägt. Es ist die krankhafte Steigerung einer Tugend, des Rechtsgefühls, das in Bezug auf die eigene Person außerordentlich leicht verletzbar ist, jedoch auch gegen das Rechtsempfinden anderer hartnäckig durchgesetzt wird. 
  • Querulant: Misstrauische, kränkbare, nörgelsüchtige, dabei jedoch höfliche und sensible Persönlichkeit, die sich jedem vernünftigen Vorschlag widersetzt, sich ständig über falsches Verhalten anderer beklagt, sich leicht erregt und stets mit den gegebenen Verhältnissen unzufrieden ist. Querulanten gehen leicht von der Klage zur Tat über, bringen Streitfragen vor Gericht, strengen immer neue Prozesse an und gehen eventuell auch zu tätlichen Angriffen über.

Mithin ist ein Querulant ein Mensch, der sich bei seiner forcierten Rechtssuche in den Maschen eben dieses Rechtssystems verfängt. Das Recht als soziales Regulativ ist dementsprechend diejenige Lebenssphäre, in welcher sich die Störung dieser Persönlichkeiten mit Vorliebe manifestiert. Oft von ihrem Naturell her schon überdurchschnittlich misstrauisch, verlieren diese Individuen bei Niederlagen nicht selten noch das letzte Vertrauen in das Rechtssystem, weshalb sie in seltenen Fällen auch zum Mittel der Selbstjustiz greifen, was im bekannten Fall des Schweizers F. Leibacher auch in der jüngeren Vergangenheit zu einer Tragödie von katastrophalem Ausmaß führen konnte.

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Definitionen und diagnostische Kriterien
Wer langjährig Erfahrungen mit Querulanten gesammelt hat, ist sich im Klaren, dass sich diese nicht regelhaft in ein und derselben diagnostischen Kategorie unterbringen lassen. Wo diese Personen die sechs allgemeinen Kriterien einer Persönlichkeitsstörung gemäß ICD-10 erfüllen, so handelt es sich gehäuft um die paranoide Persönlichkeitsstörung, deren diagnostische Kriterien die nachstehenden sieben sind:

  • Neigung zu ständigem Groll wegen der Weigerung, Beleidigungen, Verletzungen oder Missachtungen zu verzeihen
  • Misstrauen und eine starke Neigung, Erlebtes zu verdrehen, indem neutrale oder freundliche Handlungen anderer als feindlich oder verächtlich missgedeutet werden
  • Streitsüchtiges und beharrliches, situationsunangemessenes Bestehen auf eigenen Rechten
  • Häufiges ungerechtfertigtes Misstrauen gegenüber der sexuellen Treue des Ehe- oder Sexualpartners
  • Tendenz zu stark überhöhtem Selbstwertgefühl, das sich in ständiger Selbstbezogenheit zeigt.
  • Inanspruchnahme durch ungerechtfertigte Gedanken an Verschwörungen, als Erklärung für Ereignisse in der näheren Umgebung und in aller Welt

Weist jemand klare Züge dieses Profils auf, erfüllt aber nicht die sechs Kriterien der allgemeinen Persönlichkeitsstörung, so kann bei ihm eine „akzentuierte Persönlichkeit mit paranoiden Zügen“ diagnostiziert werden.
Entwickelt sich indessen eine einzelne Wahnidee oder mehrere aufeinander bezogene Wahninhalte, wobei deren Dauer mindestens drei Monate betragen muss, so soll eine „wahnhafte Störung“ diagnostiziert werden. Dabei nennt das ICD-10 unter F 22.8 sogar ausdrücklich den „Querulantenwahn“ (Paranoia querulans), welcher allerdings nicht die vollen diagnostischen Kriterien der wahnhaften Störung erfüllen müsse. Gemäß U. H. Peters sei dies eine wahnartige, unkorrigierbare Überzeugung, in böswilliger Weise fortwährende Rechtskränkungen zu erleiden. Es handle sich dabei nicht um eine Psychose, sondern um eine aus einem hyperthymen, kampflustigen, starrköpfigen, dabei sensitiven Charakter erwachsende paranoide Entwicklung, die gewöhnlich mit einer wirklichen (oder vermeintlichen) Rechtskränkung beginnt, wodurch es zu einem erbitterten, oft viele Jahre lang fortgesetzten Kampf um das vermeintliche Recht („Kampfparanoia“) oder zu endlosem Prozessieren kommen kann, bis die Mittel erschöpft sind.

Differenzialdiagnostische Abklärung
Aus dieser Beschreibung lässt sich ersehen, dass hier die klassischen Wahnkriterien, wie sie sich beispielsweise bei Scharfetter finden, nicht durchwegs erfüllt sind. Dieser Autor ordnet dem echten Wahn die nachstehenden drei Merkmale zu:

  • Persönlich gültige, starre, d. h. unkorrigierbare Überzeugung
  • Für den Betroffenen stellt der Wahn die lebensbestimmende Wirklichkeit dar
  • Privative, d. h. isolierende Überzeugung, welche von gesunden Menschen nicht geteilt werden kann

In seltenen Fällen ist sogar eine paranoide Schizophrenie differenzialdiagnostisch in Betracht zu ziehen. Gemäß ICD-10 handelt es sich dabei um die in den meisten Teilen der Welt häufigste Schizophrenieform. Das klinische Bild werde von ziemlich dauerhaften, oft paranoiden Wahnvorstellungen beherrscht, meist begleitet von in der Regel akustischen Halluzinationen und anderen Wahrnehmungsstörungen. Dabei werden folgende Beispiele für die häufigsten wahnhaften bzw. halluzinatorischen Symptome genannt:

  • Verfolgungswahn, Beziehungswahn, Abstammungswahn, Sendungswahn, Eifersuchtswahn oder coenästhetischer Wahn
  • Stimmen, die den Betroffenen bedrohen oder ihm Befehle geben, nicht-verbale akustische Halluzinationen (Akoasmen) wie Pfeifen, Brummen oder Lachen
  • Geruchs- oder Geschmackshalluzinationen, sexuelle oder andere Körperhalluzinationen
  • Optische Halluzinationen können ebenfalls auftreten, stehen aber selten im Vordergrund.

Eine möglichst klare differenzialdiagnostische Abklärung der zugrunde liegenden psychiatrischen Störungen ist insbesondere im Hinblick auf allfällige spezifische therapeutische Möglichkeiten bei Querulanten von Bedeutung.

Evolutionspsychologische Aspekte
Will man zu einem profunden Verständnis der Problematik von Querulanten gelangen, so ist ein Exkurs auf die Gebiete von Evolutionspsychologie und evolutionärer Psychiatrie unumgänglich. Dabei geht es insbesondere um ein Verständnis des Misstrauens und des Verschwörungsdenkens, welche diesen Persönlichkeiten in überstarkem Maße eigen sind.
Dabei ist es unabdingbar, sich vor Augen zu halten, dass der Mensch als höchststehender Primat zwar von seinen Uranfängen an ein „zoon politikon“ ist, dass aber das Leben und Überleben in den allmählich größer werdenden Sozialverbänden mit erheblichen sozial-kognitiven Anstrengungen respektive Entwicklungsaufgaben verbunden war. Gemäß Dunbar bildet unter steinzeitlichen Verhältnissen eine Gruppengröße von ca. 150 Mitgliedern die obere Grenze für eine menschliche Stammesgemeinschaft, zumal eine weitgehend strenge Korrelation zwischen Hirnvolumen und Gruppengröße besteht. Bei Menschenaffen liegt diese „Dunbar’s Number“ also wesentlich tiefer. Durch die größeren Verbände wuchs indessen auch die Komplexität der Beziehungsstrukturen exponentiell an. Um sich in diesen sozialen Gefügen erfolgreich zu behaupten, musste der Homo sapiens u. a. eine besondere Facette seiner Mentalisierungsfähigkeit weiterentwickeln, welche bereits bei seinen nächsten Verwandten, den Menschenaffen, in die Welt getreten ist: Die „Machiavellische Intelligenz“, worunter eine besondere sozial-manipulative Kompetenz verstanden wird. Um sich innerhalb der sich bildenden sozialen Hierarchien in aussichtsreiche Position zu bringen, musste ein Individuum in der Lage sein, die Machtverhältnisse im Rudel richtig einzuschätzen und sich der Artgenossen als „soziale Werkzeuge“ zu bedienen, um den eigenen Interessen zum Durchbruch zu verhelfen.

Machiavellische Intelligenz
Täuschung, manipulatives Verhalten und Koalitionsbildung zur Überwältigung von Gegenspielern gehörten zwangsläufig zum entsprechenden Verhaltensrepertoire. Dabei verfügte der Frühmensch bereits über gewisse Präadaptationen aus seiner Stammesgeschichte, welche ihm in der Großgruppe nun gut zu statten kamen. Eine davon betrifft den lautgebenden Apparat: Bei einfachen Wirbeltieren werden die Vokalisationen unwillkürlich respektive automatisch von mittelständigen neuralen Strukturen – emotional getriggert – ausgelöst. Beim Menschen erfolgte nun aber eine linkshemisphärische Lateralisierung des betreffenden neuralen Apparates, was eine zunehmende Kontrolle der unwillkürlichen Vokalisation ermöglichte. Dazu trug eine phylogenetisch junge Population von Hirnzellen bei, nämlich die sog. „Spindelzellen“ (v. Economo-Neuronen), welche vorab in der Kortex-Schicht Vb des anterioren Gyrus cinguli lokalisiert sind. Dabei handelt es sich um atypisch große, GABAerge Pyramidenzellen, welche nur je einen Dendriten an jedem Ende aufweisen und über weitreichende inhibitorische Projektionen verfügen. Über diese hochspezialisierten Neuronen wird es nun möglich, nachgeordnete Hirnstrukturen selektiv zu hemmen und zu enthemmen, was der bewussten Kontrolle über automatisierte und emotional gesteuerte Verhaltensweisen Vorschub leistet. Diese Fähigkeit, authentischen Affektausdruck zu unterbinden, kann als eine Voraussetzung zur Ent wicklung von machiavellischer Intelligenz gesehen werden.

„Darwinian algorithms“
Die Evolution der Begriffssprache ermöglichte es schließlich dem modernen Menschen, nicht nur seine Lautsignale willkürlich zu kontrollieren, sondern Sachverhalte bewusst falsch darzustellen, wodurch sein manipulatives Potential komplettiert wurde. Im Sinne eines Wettrüstens musste in der Folge ein Abwehrdispositiv entwickelt werden (Detection of Deception): Dieses bestand im Wesentlichen in der Fähigkeit, Anhaltspunkte für manipulatives und/oder verschwörerisches Verhalten anderer Individuen zu suchen und zu sammeln. Den dazugehörigen Leitaffekt bildete demnach das Misstrauen, wobei es sich in der Entwicklungsgeschichte als schwierig erwies, dessen Auslöseschwelle auf einem adäquaten Niveau einzupegeln und dessen Intensität situationsgerecht zu modulieren. Wenn man sich die modulare Gliederung respektive Funktionsweise des Neokortex vor Augen hält, wird dies ohne weiteres deutlich: Soziale Entscheidungsprozesse beruhen auf hierarchisch organisierten Algorithmen, welche grundsätzlich eine gewisse Fehlerwahrscheinlichkeit aufweisen. So können die Algorithmen des sozialen Moduls im realen Leben gar nicht in optimaler Weise funktionieren, da hier naturgemäß stets Ungewissheiten mit im Spiel sind. Im Sinne einer pragmatischen Annäherung an die soziale Wirklichkeit müssen von daher vereinfachende Annahmen gemacht werden, dies unter Einbezug von a priori gegebenen, vorprogrammierten Verhaltenstendenzen und individuellen Vorerfahrungen.
Die funktionstragenden Hirnstrukturen haben sich dementsprechend in ihrer Grundanlage im Zuge der Stammesgeschichte evolutiv entwickelt, weshalb sie als „Darwinian algorithms“ bezeichnet werden.

Kortikale Kolumnen als Mikroprozessoren
Darwinsche Algorithmen sind zunächst einmal postulierte psychologische Systeme, die das Resultat von „ultimate causes“ sind, d. h. ihren Ursprung in der Phylogenese haben und somit dem Tabula-Rasa-Modell der Sozialwissenschaften widersprechen. Allerdings handelt es sich zumindest teilweise um offene Programme, welche sowohl von Lernprozessen als auch von drastischen Stimmungswechseln markant beeinflusst werden können. In Ergänzung zum phylogenetisch älteren Emotionssystem trägt das jüngere System der Algorithmen dazu bei, den Informationsfluss zu filtern, zu gewichten und angepasstes Verhalten zu mediieren, wobei es spezifische Algorithmen für diverse soziale Aufgaben gibt: Signaldetektion, Kosten-Nutzen-Abwägungen, Kausalattribution, Evaluation von Kontingenzen, Entwicklung neuer Strategien, Self-Monitoring und eben auch Identifikation von Betrügern. Bei letzterem wird u. a. verschärft auf Gesten, Stimmlage, Gesichtsausdruck etc. geachtet, um verräterische Signale rechtzeitig zu erfassen.
Als funktionale Einheiten der Informationsverarbeitung auf kortikaler Ebene werden heute die sogenannten kortikalen Kolumnen betrachtet: Diese bestehen aus Clustern von mehreren Tausend Nervenzellen, welche in gewissem Sinne die Mikroprozessoren des Gehirns bilden. Von ihrem Mikroaufbau her besteht die kortikale Kolumne im Wesentlichen aus Pyramidenzellen und rückgekoppelten Interneuronen. Da diese Kolumnen gewöhnlich nur ca. 0,5 mm breit sind, bewegen sie sich nahe an der Grenze dessen, was mit fMRI direkt sichtbar gemacht werden kann. Eine exakte Kartographierung der kortikalen Kolumnen war deshalb bisher nicht möglich.
Funktionell abgegrenzte kortikale Kolumnen konnten indessen in verschiedenen Hirnarealen mit bekannter Funktion gefunden werden, was sehr für ihre Spezifität spricht. So könnten kleinere Gruppierungen solcher Kolumnen basale Informationen wiebeispielsweise das Alphabet repräsentieren, während größere „assemblies“ solcher neuronaler Repräsentationen dann Worte darstellen würden.

Anpassungsprozess der kognitiven Strukturen
Bei komplexeren Leistungen wie der Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit einer Person oder gar eines Personenkreises muss ein solches Verarbeitungssystem jedoch zwangsläufig an seine Grenzen stoßen, zumal es immer nur auf der Basis der bereits angelegten neuronalen Verknüpfungen und der tatsächlich verfügbaren Informationen funktionieren kann. Damit wird plausibel, dass immer nur approximativ eingeschätzt werden kann, ob ein konkretes Gegenüber als kooperativ oder betrügerisch einzustufen respektive zu behandeln ist. Es liegt auf der Hand, dass ein solcher Anpassungsprozess der kognitiven Strukturen sowohl in der Phylo- wie auch in der Ontogenese stets nur nach dem Optimalitätsprinzip vor sich gehen kann. Dies umso mehr, als eine solche Gegenstrategie gegen Betrügereien und Verschwörungen per se unproduktiv ist und von daher nicht mit beliebig hohem Aufwand einhergehen kann. Dies führt dazu, dass Schwellenhöhe und Intensität des Misstrauens von Individuum zu Individuum breit variieren können. Naive Vertrauensseligkeit, welche zur Viktimisierung durch Manipulatoren und Betrüger prädisponiert, ist der eine Pol dieses Spektrums; eine paranoide Fehlhaltung mit überschießendem Misstrauen und Querulanztendenz ist der andere. Beide dieser suboptimalen Einstellungen sind indessen keine derart grundsätzlichen Hindernisse im Lebensvollzug, dass erfolgreiche Fortpflanzung mit (partieller) Weitergabe der eigenen Genausstattung in jedem Fall verunmöglicht würde. Die Prävalenz der paranoiden Persönlichkeitsstörung, welche gemäß DSM-IV zwischen 0,5 und 2,5% beträgt, legt dafür ein klares Zeugnis ab.

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