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Raoul Schindler zum 90.

Am 11.03.2013 feierte Raoul Schindler seinen 90. Geburtstag, Anlass für uns, diesen kreativen und innovativen Psychoanalytiker, Psychiater und Gruppendynamiker zu ehren und einen Lebens- und Werküberblick zu bieten.

Raoul Schindler wurde in einer bürgerlichen Familie in Wien geboren, sein Vater war Architekt, nach eigenen Angaben besteht über weit verzweigte Familienbande seiner Mutter sogar eine Verwandtschaft zu Eugen Bleuler. Den ersten Kontakt mit den Gedanken Sigmund Freuds erlebte Raoul Schindler durch einen Bekannten seine Mutter, G. Saiko, einem Schriftsteller, der psychoanalytische Gedanken in seinen Werken verarbeitete und 1945 zum stellvertretenden Leiter der Albertina wurde. Die Promotion Schindlers erfolgte im Jahr 1946, danach die Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Neurologie an der Wiener Universitätsklinik unter den Professoren Pötzl, Kauders und Hoff. 1949 war er als Austauschassistenzarzt bei Manfred Bleuler in Zürich (Burg Hölzli) tätig, dort lernte er Ludwig Binswanger, Christian Müller, Gaetano Benedetti, C.G. Jung und Medard Boss kennen. Einerseits durch das Kennenlernen der damals sehr patriarchal-familiär geprägten Tradition der Schweizer Psychiatrie – Eugen Bleuler pflegte (wörtliche Überlieferung von E. Gabriel) regelmäßig mit seinen Ärzten, aber auch mit den Patienten das Mittagessen einzunehmen (eine Art Vorläufer der therapeutischen Gemeinschaft T. Main’s) – und andererseits durch den Austausch mit den später ebenfalls bekannten Psychiatern und Psychoanalytikern begann das Interesse für Angehörigenarbeit (durchaus entgegen der Freud’schen Sichtweise, das Milieu der Angehörigen als Therapiehindernis zu „miss“-verstehen).

Autor

Der Autor, Dr. Michael Ertl, FA für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin und designierter Primar der 4. Psychiatrischen Abteilung OWS, begann seine psychiatrische Ausbildung Ende der 80iger Jahre bei Doz. R. Schindler, konnte seinen Ansatz der psychodynamischen Psychiatrie und deren Umsetzung im stationären Alltag unmittelbar miterleben und ist dem Jubilar auch privat freundschaftlich verbunden.

Lehrpsychotherapeut und Gruppendynamiker

1954 erfolgte der Abschluss der Facharztausbildung, dann war Raoul Schindler 6 Jahre lang als Oberarzt an der Wiener psychiatrischen Universitätsklinik tätig und baute dort die psychotherapeutische Ambulanz auf ( Abb. 1 ). Studienreisen durch Hawaii und Amerika zu Familientherapeuten vervollständigten den intellektuellen Horizont dieses offenen und jeder kreativen neuen Idee zugeneigten Mannes.

Seit 1963 war er – bis zu seiner Pensionierung 1988 – als Primarius am psychiatrischen Krankenhaus der Stadt Wien am Otto Wagner Spital tätig ( Abb. 2 ).

Seine psychoanalytische Ausbildung bei der Wiener psychoanalytischen Vereinigung (Lehranalytiker: A. Aichhorn, R.H. Jockel, O. Fleischmann) und dem Wiener Arbeitskreis für Tiefenpsychologie (I. Caruso) zeigte neben der psychiatrischen auch die tiefenpsychologische Seite seines therapeutischen Verständnisses und Zugangs zum Menschen. Des Weiteren bekleidete er Funktionen als Lehranalytiker im Wiener Arbeitskreis für Psychoanalyse, als Lehrpsychotherapeut und Gruppendynamiker im österreichischen Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik (ÖAGG) und habilitierte sich 1978 an der Universität Wien im Fach Psychiatrie und Psychotherapie.

Die bifokale Familientherapie

Raoul Schindler hat uns ein weitgefasstes und verstreutes Werk hinterlassen, das sein dialektisch-flexibles, keiner Methodendoktrin verpflichtetes, mutiges und provozierendes Denken und Handeln wiederspiegelt und weit über die Grenzen seines Fachgebiets hinaus befruchtend wirkt. In insgesamt 130 Beiträgen in Fachzeitschriften, Büchern und Handbüchern sowie zahlreichen Vorträgen bei in- und ausländischen Fachtagungen legte er seine Ideen dar und befruchtete viele seiner Kollegen. Wichtige wissenschaftlichen Entwicklungen sind das Konzept der senilen Dekompensation im Alterungsvorgang (1953), eine Arbeit, in der er untersucht und nachweist, welche bedeutende Rolle der Ortswechsel für kranke, alte Menschen inne hat, in Bezug auf Auslösefaktoren von Verwirrtheit und Mortalität. Erst gut ein Jahrzehnt später greift die gerontologische Forschung diese Arbeit auf.

In psychiatrisch-psychotherapeutischen Kreisen wirkte die grandiose Methode der bifokalen Gruppentherapie (Habilitationsthema, 1952) äußerst befruchtend, die damals bereits allerdings eine Vorform, wenn nicht eine Spezialform heutiger Familientherapien darstellt. Das therapeutische Vorgehen der bifokalen Gruppentherapie wurde im Laufe der Jahre um den systemischen Ansatz wie z. B. der von Helm Stierlin mit seiner Konzeption des „delegierten Patienten“, der sein Leben nach dem Entwurf seiner Familie ausrichten muss, erweiter.

Die bifokale Familientherapie ist ein psychotherapeutischer Behandlungsansatz zur Behandlung psychotischer Familiensysteme, die zwar einerseits sehr aufwändig ist (eine reguläre Behandlung dauert im Schnitt ein Jahr), die aber wie Schindler in seinen Nachuntersuchungen nach 23 Jahren (1955 bis 1978) nachweist, eine signifikante Verbesserung des sozialen Lebens mit sich bringt, wie etwa eine hohe Familienbildung und geringere Isolationswerte bei bifokal behandelten Patienten.

Die bifokale Familientherapie ist ein Ansatz zur Behandlung psychotischer Familiensysteme

Der grundlegende Ansatz der bifokalen Therapie besteht darin, dass derselbe Therapeut parallel einerseits eine Patientengruppe und andererseits die Gruppe der Angehörigen dieser Patienten behandelt und durch den Wechsel der verschiedenen Positionen (s. Rangdynamik-Modell) in den Gruppen dadurch einerseits ein größeres Verständnis für die Patienten erzielen kann und andererseits eine Beweglichkeit in der Angehörigengruppe erreicht, die den Patienten ansonsten in seiner Patientenrolle fixieren würde. Dieser kreative Behandlungsansatz wurde allerdings leider relativ wenig reproduziert, wahrscheinlich einerseits, weil er sehr auf die Persönlichkeit des Autors zugeschnitten war (Stichwort: „Omega-Rochade“, s. unten) und wohl auch, weil im heutigen Spitalsalltag unter ökonomischen Prinzipien und dem zeitgeistigen Wunsch ein „Funktionieren“ der Patienten rasch wiederherzustellen, die längerfristige innerpsychische Umgestaltung des psychotische Familiensystems nicht mehr seinen Platz findet. Wohl wäre diese Methode für engagierte Psychosetherapeuten in der ambulanten Praxis gewinnbringend anzuwenden.

Die menschliche Formation der Gruppe

Etwas später entwickelte Schindler das Modell der Rangdynamik und der Gruppenpsychologie und Therapie (1956). Schindler verstand die menschliche Formation der Gruppe immer als ein soziales Agens, die im Sinne einer Wirklichkeit wirksam ist (das „Ich“ wird über die Gruppe konstituiert), und brachte die beiden Strömungen der Gruppendynamik und der Gruppentherapie, die im selben Feld Arbeiten, zusammen.

Das „Ich“ wird über die Gruppe konstituiert

Die Entwicklung der Rangdynamik von Gruppen und der soziodynamischen Grundformel, die die innergruppale dynamische Beweglichkeit und die Konstituierung der Gruppe über einen Gegner (Person, Ziel, Kollektiv) beschreibt, stellt ein mächtiges Instrument zur Diagnostik und Intervention in Gruppen dar. Schindler sagt: „Jede Gruppe konstituiert sich über ihren Gegner“, wobei der Gegner eine Person genauso wie ein zu erreichendes Ziel oder wie ein Kollektiv sein kann, wogegen sich eine Gruppe zusammenfindet.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Schindler den Gegenpol zur Freud’schen Position der Gruppenbildung durch die Vaterperson einnimmt. Schindler unterscheidet zwischen

  • Menge: in der Personen nur in räumlicher Beziehung zueinander stehen,
  • Wir-Gruppe: Vorform der Gruppe, es finden sich gemeinsame Außengrenzen, es fehlt aber die Innenstruktur, die Gruppe ist auf den Führer bezogen,
  • Gruppe: in der eine Rangordnungsdynamik besteht,
  • Institution: die gekennzeichnet ist durch eine fixierte Rangordnung, ihr fehlt oft der Gegnerbezug und die Flexibilität der Gruppe.

Die Aufgabe des Führers liegt in der inneren und äußeren Repräsentation der bewussten und unbewussten Werk- und Zielvorstellung der gesamten Gruppe.

Innerhalb der Gruppe besteht eine fein abgestimmte, aber wechselhafte Rangordnung der Teilnehmer, die sich sozial und innerpsychisch abbildet. Schindler bezeichnet die einzelnen Positionen mit den griechischen Buchstaben:

  • α (der emotionale und intentionale Leiter, das Alpha in der Gruppentherapie ist jenes, das handelt),
  • β (der Fachmann, wissenschaftliche Berater von Alpha),
  • γ (Gruppenmitglieder im Schlepptau von Alpha) und
  • Ω (der Repräsentant des Außenfeindes in der Gruppe).

Die Position von β eignet sich im Regelfall für den Gruppentherapeuten am besten, im Rahmen der bifokalen Gruppentherapie nimmt Schindler oft die Position von Ω ein, und entlastet dadurch den Patienten, der im Familiensystem vorher oft diese Position innehatte (z. B.: „mein Sohn kann das nicht, er ist so krank“) und damit zum γ wird, der sich auch der Restfamilie gegenüber besser durchsetzen kann.

Revolutionäres Konzept

Weitere theoretische Beschäftigungen für Schindler waren das Konzept der „schizophrenen Persönlichkeitsabwandlung“ (über die Stufen der Isolierung, katatonen Abkapselung, Wahnfixierung und Verpuppung), einer hochmodernen, aber viel zu wenig rezipierten psychodynamischen Theorie der Schizophrenie (1960). Zwischen 1961 und 1988 war er am Aufbau und der Leitung des Referates Psychohygiene am Gesundheitsamt Wien federführend beteiligt (quasi einem Vorläufer der Psychosozialen Dienste in Wien) und damit letztendlich der Wegbereiter der Wiener Psychiatriereform. Angeregt durch Kontakt und Freundschaft mit Maxwell Jones führte er bedeutsame Veränderungen im stationären Betreuungsalltag durch (z. B. die Einführung von Hausparlamenten und therapeutischen Gemeinschaften von Patienten und Behandlungsteams, die konsequente Einbindung von Psychotherapien in den stationären Behandlungsplan etc.).

Raoul Schindler war Wegbereiter der Wiener Psychiatriereform

Als Pionier der psychotherapeutischen Behandlung von psychotischen Menschen verstand es Schindler den Wahn und die psychotischen Denk- und Handlungsmuster als Übertragungsangebot des Patienten zu verstehen – ein revolutionäres Konzept, da in weiten Kreisen der Psychoanalyse, aber auch der Psychiatrie der Wahn als unbehandelbar galt und psychotische Patienten als nicht übertragungsfähig. Stationäre Behandlungsaufenthalte werden nicht als ein Krankheitsrückfall gewertet, sondern als eine Spezialform einer Krisenintervention, deren Ziel wiederum die Kontaktherstellung zur weiterführenden Psychotherapie (und damit zu einer echten Veränderung des Patienten führt und nicht zu einer medikamentösen Scheinanpassung).

Gesellschaftliche Integration

1971 erfolgte die Gründung der Gesellschaft Pro mente infirmis (heute Pro mente Wien), einer Laienhilfsorganisation für die Nachbetreuung psychisch Erkrankter. Ziel all dieser Projekte ist die bessere gesellschaftliche Integration und die Erweiterung des Freiheitsgrades für psychisch erkrankte Menschen, die oft von der Familie und der Gesellschaft in einer Rolleneignung (z. B. Pensionierung, Eheunfähigkeit, Arbeitslosigkeit etc.) fixiert werden.

1959 gründete Schindler den ÖAGG (Österreichischer Arbeitskreis für Gruppendynamik und Gruppentherapie) mit dem Ziel der Entwicklung von Ausbildungs- und Forschungstätigkeit auf dem Gebiet der Gruppenarbeit.

Das Interesse für Großgruppendynamik (die Schindler als Übergang zur Politik versteht) führte zur Gründung der Alpbacher Trainingsseminar (seit 1967) die mit einem sehr experimentellen Charakter die Entstehung und Zerfallsmechanismen großer Gruppen untersuchen und erlebbar machen. (Übergang zur Erforschung der politischen Soziodynamiken, Veränderungen der Kulturen).

Zuletzt hat Schindler gemeinsam mit Pakesch, Ringel, Solms, Spiel und Strotzka sowie anderen die wissenschaftlich arbeitenden Psychotherapievereine Österreichs in einem Dachverband zusammengeführt, der schließlich das österreichische Psychotherapiegesetz 1990 vorbereitet und erreicht hat. Raoul Schindler wurde dafür 1992 vom Bundespräsidenten mit dem goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet.

Literatur beim Verfasser.

Wesentliche Publikationen von Raoul Schindler

(1957 a) Grundprinzipien der Psychodynamik in der Gruppe. Psyche 11 (5): 308–314

(1957 b) Soziodynamik der Krankenstation. Zeitschrift für diagnostische Psychologie und Persönlichkeitsforschung V: 227–236

(1958) Ergebnisse und Erfolge der Gruppenpsychotherapie mit Schizophrenen nach den Methoden der Wiener Klinik. Wiener Zeitschrift für Nervenheilkunde und deren Grenzgebiete 15: 250–261

(1960) Über den wechselseitigen Einfluss von Gesprächsinhalt, Gruppenposition und Ich-Gestalt in der analytischen Gruppentherapie. Psyche 14 (6): 382–392

(1966) Familientherapie in offener Gruppe im Rahmen einer Angehörigen-Beratungsstelle. In: JL Moreno (Ed) Handbook of Group Psychotherapy. New York, Philosophical Library, pp 217–224

(1968) Was lehrt uns die Gruppenerfahrung für das Verständnis der Psychodynamik bei schizophrenen Psychosen? Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik 1: 41–50

(1969) Das Verhältnis von Soziometrie und Rangordnungsdynamik. Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik 3: 31–37

(1976) Bifokale Familientherapie. In: Richter HE, Strotzka H, Willi J, (HG), Familie und seelische Krankheit. Reinbek, Rowohlt, S 216–235)

Abb. 1:  In der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre baute Schindler die psychotherapeutische Ambulanz an der Wiener psychiatrischen Universitätsklinik auf

Abb. 1: In der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre baute Schindler die psychotherapeutische Ambulanz an der Wiener psychiatrischen Universitätsklinik auf

Abb. 2:  Doz. Dr. Raoul Schindler – Doyen der Österreichischen Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse

Abb. 2: Doz. Dr. Raoul Schindler – Doyen der Österreichischen Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse

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