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Pflege 16. April 2014

Daheim pflegen mit flexiblen Angeboten

Das Wiener Rote Kreuz reagiert mit Vielfältigkeit auf die veränderten Anforderungen.

Seit Mitte 2013 ist Renate Kraus Pflegedienstleiterin beim Wiener Roten Kreuz und damit zuständig für die Organisation von 475 Mitarbeitern. 1992 begann sie in der Hauskrankenpflege zu arbeiten und ist seit acht Jahren in leitenden Positionen in der Pflege in Wien tätig. Die Betreuung zu Hause des Wiener Roten Kreuzes ist zum Großteil auf Heimhilfe aufgebaut, ergänzt durch Hauskrankenpflege, wo pflegeintensivere Tätigkeiten notwendig sind.

Wo sehen Sie die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Kraus: Der Hauptschwerpunkt ist derzeit, unseren Klienten ein möglichst flexibles Angebot zu erstellen. Hauskrankenpflege wird als unterstützendes Angebot für die Familien oft in Anspruch genommen. Aber oft sind Angehörige sehr belastet und wünschen sich ein bisschen flexiblere Unterstützungsdienste, um z.B. einmal einen Nachmittag weggehen und vielleicht einmal an einem Stück drei oder vier Stunden einfach nur bummeln gehen zu können oder Ähnliches. Wir können die Angehörigen natürlich nicht ersetzen, aber wir versuchen, sie möglichst flexibel zu unterstützen.

Wo sehen Sie verstärkt Bedarf bei den Betroffenen und den Angehörigen?

Kraus: Auf den Angehörigen lastet immenser Druck, weil sie rund um die Uhr Verantwortung tragen. Oft ist es weniger die Tätigkeit selbst, die belastend ist, sondern einfach der seelische Druck: Ich habe meinen Beruf, den ich ausüben möchte, ich möchte für meine Eltern da sein, ich soll auf meine Kinder schauen, habe aber auch soziale Bedürfnisse. Da kommt man sehr in Zeitdruck. Viele haben auch das Gefühl, sie haben eine soziale Verpflichtung, die Eltern zu pflegen. Oft hilft einfach das Angebot an Entlastung, das natürlich stundenweise sein kann, aber auch flexibler, aber sehr oft ist es auch ein Wissensdefizit. Z.B. der Umgang mit Demenzkranken, der doch spezifisch ist. Viele erleben es als großes Problem, wenn die eigene Mutter die Kinder vielleicht nicht mehr erkennt oder grob oder aggressiv ist, was auch eine Folge der Demenz sein kann. Das Wissen über das Krankheitsbild Demenz, das dieses Verhalten bewirkt und keine persönliche Abneigung der Mutter gegen die Tochter beispielsweise ist, ermöglicht einen anderen Umgang und bedeutet eine Entlastung.

Wir bieten im Roten Kreuz Angehörigenbegleitung an, entweder in Form von Entlastungsgesprächen oder in Form von Schulungen im Ausbildungszentrum. Rechtzeitige Inanspruchnahme von Hilfe und Unterstützung ist für die Angehörigen ganz wichtig. Wenn sie bereits voll von der Pflege des Angehörigen in Anspruch genommen sind, fehlt oft die Zeit für einen Kurs. Auch die rechtzeitige Information über finanzielle Unterstützungsangebote — Pflegegeld, Rezeptgebührenbefreiung, Radio- und Fernsehgebührenbefreiung, etc — oder über Pflegehilfsmittel — Inkontinenzartikel, Fortbewegungshilfen usw. — ist sehr hilfreich. Wichtig ist, dieses Angebot präventiv in Anspruch zu nehmen. Es sind oft kleine Tricks, die große Entlastung bringen können.

Merkt man den Effekt des Überleitungsmanagements, das von den Spitälern angeboten wird?

Kraus: Ich höre sehr positive Rückmeldungen über das Entlassungsmanagement in den Krankenhäusern. Man merkt schon eine spürbar positive Veränderung. Die Krankenhäuser sind mit den ambulanten Organisationen oft bereits sehr eng verknüpft und bieten mehr oder weniger standardisierte elektronische Situationsberichte/Entlassungstransferberichte. Diese Schnittstellen, sind ja auch Nahtstellen, daher ist es immens wichtig, sie möglichst reibungslos zu gestalten. Freilich gibt es noch Verbesserungspotential, um die Klienten möglichst wenig zu belasten und um Rücktransferierungen ins Krankenhaus zu vermeiden. Wenn jemand nach Hause kommt und es ist nichts vorbereitet: Kein Krankenbett, kein Leibstuhl, keine Gehhilfen, sind die Leute oft wirklich hilflos. Oft bleibt uns nichts anderes übrig, als sie wieder ins Krankenhaus zurückzubringen. Diese Hin- und Herwege könnte man vermeiden.

Gerade bei alten Leuten, speziell wenn sie leicht dement sind, verursachen diese mehrfachen Umgebungswechsel ja eine enorme Verwirrung.

Kraus: So ist es. Aber es gibt von den Krankenhäusern und auch von unserer Seite große Bemühungen, mithilfe des Case Management, einen reibungslosen Übergang zu schaffen. So wird teilweise auch schon vor der Entlassung mit dem Krankenhaus Kontakt aufgenommen und die notwendigen Hilfsmittel werden zu Hause vorbereitet, um den Klienten optimal empfangen zu können. Die enge Kooperation mit Angehörigen ist dafür sehr wichtig.

Wir haben mittlerweile einen eigenen Vertrieb für Pflegehilfsmittel, wie Krankenbetten, Leibstühle, Antidekubitusmatratzen usw. Damit ist es möglich die Produkte innerhalb von ein paar Stunden bis maximal 24 Stunden vorort zu haben, wobei die Kooperationen mit anderen Firmen weiter bestehen. Uns ist einfach wichtig, sehr rasch und unbürokratisch Hilfe vorort zu leisten und Hemmschwellen möglichst auszuschließen. Über den Sozialruf des Wiener Roten Kreuz, der rund um die Uhr erreichbar ist, werden auch solche Anliegen entgegengenommen und gleich zur nächsten Geschäftszeit bearbeitet.

Wie schaut es mit den Bedürfnissen der Pflege aus?

Kraus: Pflege kann immer nur so gut sein, wie sich der Mitarbeiter fühlt. Ich sehe mich da in der Verantwortung, auch viel für die Mitarbeiter zu tun, damit sie die nötigen Voraussetzungen haben, um gute Pflege leisten zu könne. Dazu zählt auf der einen Seite die standardisierte Fortbildung, aber auch, sich im eigenen Arbeitsumfeld wohl zu fühlen. Oft sind das Kleinigkeiten, wie nicht allzu große Teams, damit man sich noch gegenseitig kennt und auch die Möglichkeit zum Austausch untereinander hat. Ich möchte den Mitarbeitern den Sinn dieser Arbeit vermitteln, denn wenn man den Sinn der Arbeit sieht, entwickelt sich ein Sog, in dem sich der Mitarbeiter selbst motiviert. Meistens sind Mitarbeiter in die Hauskrankenpflege gegangen, weil sie wirklich für den Klienten da sein, für ihn Zeit haben und qualitativ gute Arbeit zu leisten möchten. Wenn wir ihm den Rahmen dafür schaffen, sodass er eine für sich sinnstiftende Arbeit verrichten kann, ist der Mitarbeiter zufrieden. Dann würde es mich wundern, wenn er woanders hingeht.

Ein Faktor ist auch, die Zeit, die man pro Klient hat, die ist immer recht knapp kalkuliert …

Kraus: Die Zeit, die der Mitarbeiter beim Klienten verbringt, ist knapp bemessen. Die finanziellen Ressourcen sind leider nicht so im Übermaß da, die Förderungen sind immer knapp bemessen. Man kann eben nicht davon ausgehen, dass man eine Luxusförderung erhält. Aber wesentlich ist die Haltung, mit der man die Arbeit verrichtet. Es ist nicht immer nur die Länge der Zeit, die man am Krankenbett verbringt, sondern auch die Haltung, mit der man auf den Klienten eingeht, wie man mit ihm kommuniziert, ob er sich wirklich wertgeschätzt fühlt, ob ich ihn mit seinen Bedürfnissen dort abhole, wo er sich befindet, und auf diese eingehe oder nur funktionell meine Arbeit verrichte. Nämlich: bei der Körperpflege helfen, Essen herrichten, Staubsaugen. Oder ob ich beispielsweise am Beginn des Besuchs ein paar Minuten hingehe, den Klienten begrüße und wahrnehme und frage, wie es geht. Das sind oft nur fünf Minuten, die die ganze Stunde vom Klima her extrem verändern. Ich glaube, dass es nicht die Quantität an Zeit ist, sondern die Qualität, wie man die Arbeit macht. Mir ist es wichtig, dass die Mitarbeiter, wenn sie arbeiten, wirklich beim Klienten präsent sind.

Wie sehen Sie die Bestrebungen, dass gerade für die Hauskrankenpflege eine gewisse Verordnungskompetenz der Pflegepersonen etwa für Hilfsmittel oder im Wundbereich erwirkt werden soll.

Kraus: Generell ist das wünschenswert. Dabei geht es vor allem um die Verordnungskompetenz für Pflegehilfsmittel. Es ist sicher von Vorteil, dass der gehobene Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege, der ja speziell dafür ausgebildet ist, diese auch selbst verordnen kann. Das erleichtert sicher viele Wartezeiten auf die Bewilligung der benötigten Hilfsmittel. Dann ist der Klient früher damit versorgt und Pflegehilfsmittel dienen zur Erleichterung der Pflege, da ist der gehobene Dienst einfach der Spezialist dafür.

Wie schaut ein Case Management ganz konkret beim Roten Kreuz aus?

Kraus: Case Management heißt übersetzt „Fallarbeit“ und bedeutet, dass der Klient vom gehobenen Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege ganzheitlich betreut wird. Die Case Managerin erhebt, was der Patient/Klient in der Pflege braucht, welche Ressourcen er in seinem sozialen Umfeld hat, welche Angebote für ihn in Frage kommen, damit er seine Bedürfnisse befriedigen kann, um sich wohl zu fühlen. Die Case Managerin organisiert das auch großteils oder vermittelt zumindest zu anderen Diensten, wenn es durch uns nicht erfüllbar sein sollte. Die Casemanagerin hat auch die fachliche Aufsicht über die eigenen Angebote, die wir selbst bereit stellen können, wie Heimhilfe, Hauskrankenpflege eventuell auch die Pflegehilfsmittel. Und sie überprüft, ob die in der Pflege geplanten Ziele auch erfüllt werden können und erfüllt werden. Es ist also einerseits Fallarbeit für den Klienten aber auch fachliche Aufsicht, der dort tätigen Mitarbeiterinnen. Die Casemanagerin ist auch verantwortlich, diese Schnittstellen ins Krankenhaus zurück möglicherweise in ein Pflegeheim oder in eine Reha-Einrichtung möglichst reibungsfrei zu gestalten, indem sie die Transferierung begleitet oder Informationen für den Klienten aufbereitet, die er weitergeben kann, sodass er wirklich möglichst reibungsfrei in die nächste Schiene kommt. Sie hält Kontakt zu Ärzten aufrecht, zu Krankenhäusern, um den Genesungsprozess des Klienten, wenn es ein Genesungsprozess ist, zu verfolgen. Die Anleitung der pflegenden Angehörigen gehört dazu, damit der Betroffene sein soziales Umfeld und seine Ressourcen aufrecht erhalten kann. Anleitung der Angehörigen können Empfehlungen für die Essenszubereitung ebenso sein, wie die Schulung zur Verabreichung des Insulins, wenn der Angehörige dies wünscht und man sieht, dass er dazu in der Lage ist.

Wie ist der Anteil männlicher Pflegepersonen im Hauskrankenpflegebereich?

Kraus: Das Arbeitsmarktservice fördert auch die Pflegeausbildung und es kommen immer mehr Männer in die Pflege. Darüber sind wir aus unterschiedlichen Gründen sehr froh. Es ist für’s Team gut und es ist für die Klienten gut. Aber natürlich berücksichtigen wir auch so gut wie möglich Wünsche, wenn jemand nur von Damen gepflegt werden möchte.

Wie ist die Situation bei Klienten mit Migrationshintergrund?

Kraus: Wir bemerken auch bei Migranten eine Zunahme im Hauskrankenpflegebereich, denn viele kommen jetzt in das Alter, wo Pflegebedürftigkeit häufiger auftritt. Um diesen Klienten bei Bedarf Mitarbeiter bieten zu können, die mit ihnen in deren Muttersprache sprechen können, bilden wir auch gezielt Migranten als Mitarbeiter aus und bereiten sie entsprechend auf die Ausbildung vor. Das ist ein großer Vorteil für die Klienten. Wir arbeiten hier mit dem Arbeitsmarktservice (AMS) zusammen und haben darüber hinaus seit vergangenem Jahr ein neues Projekt: PROTECT. Hier werden Personen mit migrantischem Hintergrund als „Hilfe im Notfall“-Trainer ausgebildet. Dabei geht es vor allem um die Informationen, wo es beispielsweise in Wien Hilfe gibt, welche Hilfsorganisationen es gibt, was in bestimmten Krisensituationen zu tun ist. Diese Personen gehen dann jeweils in Zweierteams mit diesem Wissen in migrantische Vereine und vermitteln in einem kostenlosen Training den Zugang zum Hilfssystem in Wien. Dieses Projekt ist im vergangenen Herbst gestartet.

Nicht speziell für Migranten, sondern für alle jungen Menschen gibt es vom Österreichischen Roten Kreuz und dem Österreichischen Jugendrotkreuz die Aktion Help Stars, um sie zu den Rotkreuz-Themen Hilfe, Erste Hilfe hinzuführen und einen Überblick zu geben, was es für Angebote gibt. Dieses Projekt spricht natürlich auch die „2. Generation“ an, die diese Informationen an die Eltern und die Leute in ihrem Umfeld weitergeben, die irgendwo Hilfe benötigen oder die Schnittstellen in den Kulturvereinen sind. So werden die Informationen sehr breit weitergegeben. Da das Rote Kreuz sehr vielfältig tätig ist, ergeben sich auch viele Anknüpfungspunkte.

Was würden Sie sich für die Zukunft für die Pflege wünschen?

Kraus: Dass die Gesellschaft das Alter und seine Erfahrung als Wert anerkennt, die Alten honoriert und wertschätzt. Weil die Gesellschaft die Alten zumindest teilweise ausschließt oder herabmindert, fürchtet sich jeder davor alt und krank zu werden und das Thema Alter und Pflegebedürftigkeit wird gerne weggeschoben. In anderen Kulturen ist es oft anders. Da werden die Alten als Oberhaupt der Familie bis zu ihrem Tod gewürdigt. Eine größere Wertschätzung des Alters würde bei uns viele Probleme von alleine lösen, wie den Personalmangel in der Pflege, das Problem der Prävention für Angehörige. Dann würde man wahrscheinlich über das Pflegegeld auch nicht so viel diskutieren. Man sollte wirklich auch in das Alter investieren.

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