zur Navigation zum Inhalt
© Orthopädisches Spital Speising
(v. l. n. r.): Doz. Dr. Christian Wurnig, OA Dr. Michael Enenkel und PD Dr. Patrick Weninger
 
Orthopädie 9. Jänner 2017

Sehnen am Stiel

Knie-OP. Neue Kreuzbänder aus gut durchbluteten Sehnen. Das ist die Methode, die vom Kniespezialisten Patrick Weninger und Kollegen in Wien entwickelt wurde und die Nekrose der eingesetzten Sehnen verhindern soll.

Wenn beim Sturz auf der Mugel-Piste das vordere Kreuzband reißt, bedeutet das zunächst: Schmerzen, große Schmerzen. „Aber die vergehen.“ Das sagt der Wiener Unfallchirurg Dr. Patrick Weninger. Danach könne man im Prinzip vieles wieder machen, was man vorher auch konnte, doch aus guten Gründen entscheiden sich viele Menschen für eine Rekonstruktion des gerissenen Kreuzbandes. Um eine hohe sportliche Aktivität beizubehalten. Um keine weiteren Schäden am Knorpel zu riskieren. Je sportlicher ein Mensch sei, desto wichtiger sei die Behandlung des vorderen Kreuzbandes, erläutert der Leiter der Sportorthopädie-Abteilung am Orthopädischen Spital Speising, Doz. Dr. Christian Wurnig.

25.700 heimische Wintersportler wurden 2015 mit Verletzungen ins Spital eingeliefert. Angeführt wird die Statistik durch Knieverletzungen, die rund ein Drittel des Gesamtaufkommens ausmachen. Operiert wird „wie am Fließband“, sagt Wurnig.

In Zahlen: Zwischen 10 und 15 Prozent aller Knieoperationen betreffen die Kreuzbänder. In Speising führen die Ärzte 400 Kreuzband-Eingriffe pro Jahr durch. Sommers wie winters. Das sagt ein Mitarbeiter Wurnigs, PD Dr. Patrick Weninger.

Weninger hat kürzlich mit Forschern der MedUni Wien eine neue Operationsmethode bei Kreuzbandrissen im Indian Journal of Orthopaedics publiziert ( bit.ly/2hLf2Ig ). Zumindest in der Theorie ist die neue Technik der herkömmlichen Methode überlegen. Künstlicher Bandersatz habe sich nicht bewährt, dieser Eingriff werde nur noch in Ausnahmefällen vorgenommen bei vielfach Kreuzband-Operierten, bei denen keine Sehnen mehr vorhanden, sagt Dr. Michael Enenkel. Enenkel ist Leiter des Spezialteams Knie & Sport in Speising.

Die heutige Standardmethode ist das Entnehmen einer körpereigenen Sehne als Ganzes. Enenkel: „Bis das Remodelling abgeschlossen ist – die Sehne sich also zum Band entwickelt hat – dauert es in der Regel ein bis drei Jahre.“ Eine schnellere Einheilung und damit eine raschere sportliche Aktivität erhofft man sich nun von Weningers Methode. „Bisher haben wir Sehnen komplett herausgenommen und außerhalb des Körpers (Dauer: ca. 5 Minuten, Anm.) vorbereitet, sagt Unfallchirurg Weninger. „Durch die Entnahme der Sehne wurde auch deren Durchblutung unterbrochen, in manchen Fällen kommt es deshalb zum Absterben der Sehnen im Knie und zu nochmaligen Rissen des ersetzten Bandes.“

Die Neuerung, die von Weninger und einer Gruppe um Dr. Lena Hirtler vom Zentrum für Anatomie und Zellbiologie an der MedUni Wien, entwickelt wurde, ist, dass die Sehnen nicht mehr vollständig herausgenommen werden, sondern an einer Stelle des Körpers fest verwachsen – und somit durchblutet –bleiben.“ Man spricht von „gestielten“ Sehnen.

Weninger: „Die Sehne wird also vom Oberschenkel abgetrennt, bleibt aber am anderen Ende, dem Schienbein, dran. Von dort kann man sie bis zum Knie hochziehen, sie wird also nie vollständig abgetrennt und bleibt permanent durchblutet und vital.“

Vermutlich werde das eine Reihe von Vorteilen bringen. So könnte die Sehne schneller in das Kniegelenk einwachsen, vermutet Weninger, die Umwandlung in eine bandförmige Struktur werde rascher vonstatten gehen und somit die Sportrückkehr zügiger erfolgen. Bisher wurde die neue OP-Methode nur im Anatomielabor erprobt, derzeit werden die ersten Patienten im Orthopädischen Spital Speising auf diese Weise operiert.

Info

Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 1/2/2017

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben