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Neurologie 1. September 2016

Interferon beta-1a. Langfristig gute Wirkung und Verträglichkeit

Über die Jahre sind die Ziele der MS-Therapie immer anspruchsvoller geworden. In die Bewertung des   Nutzens einer Behandlung müssen Patienten intensiv mit einbezogen werden. 

Die  moderne  und  nachgewiesenermaßen  effektive  Behandlung   der schubförmigen multiplen Sklerose  (MS)  beginnt  mit  der  Einführung  von Interferon  beta-1b  (IFNβ-1b) in de  frühen  90er  Jahren,  berichtete  Univ. Prof. Dr. Siegrid Fuchs, Graz. Diese Substanz  hat  wie  andere  β-Interferone  sowie Glatirameracetat (GA) die Schub raten  über  2  Jahre  in  den  Zulassungsstudien  um  gute  30 %  verringert  und   bei  30  bis  40 %  der  Patienten  Schubfreiheit  erreicht.  Allerdings,  so  Fuchs,   haben  wir  nicht  nur  Schübe  gezählt,   sondern  auch  das  Fortschreiten  der   Behinderung  erfasst  und  damit  das,  worum es eigentlich geht. Mit IFNβ-1a  (zum Beispiel Rebif® 44  μg) konnte die EDSS-Progression (Expanded Disability Status Scale) signifikant reduziert werden. Bei IFNβ-1b und GA war der Effekt nicht signifikant.  

Über  die  Jahre  sind  die  Ziele  der   MS-Therapie immer   anspruchsvoller  geworden.  Man  will  heute  Freiheit von  klinischer  und  MR-Aktivität,  zusammengefasst als Freiheit von Krankheitsaktivität  erreichen.  Das  neueste   Schlagwort  lautet  NEDA  (No  Evidence   of  Disease  Activity).  Allerdings  ist  die  umfassende  Bewertung  der  Erkrankung  mit  NEDA  hauptsächlich  in  Studien  praktikabel  und  eignet  sich  eher   weniger für die tägliche Praxis.  In die Bewertung des Nutzens einer  Behandlung  müssen  Patienten  intensiv mit einbezogen werden. Denn ihre  Vorstellungen  unterscheiden  sich  oft   von denen des Arztes. Auch die Bereitschaft, therapiebedingte Risiken einzugehen, variiert abhängig von der jeweiligen  Persönlichkeit  des  Betroffenen.   Bei  den  meist  jungen  Patienten  spielen  die  Familiensituation  und  Themen  wie  Kinderwunsch  oder  Schwangerschaft  eine  wichtige  Rolle.  Die  neuen MS-Therapeutika können sich in dieser  Hinsicht  durchaus  als  problematisch   erweisen,  da  sie  mit  erhöhter  Infektanfälligkeit,  Gefahr  von  Virusinfektionen  oder  der  progressive  multifokale  Leukenzephalopathie  (PML)  einhergehen  können,  erklärte  Fuchs.  Vor  allem aber fehlen bei diesen Substanzen  noch  die  Erfahrungen  über  eine  langfristige Anwendung.  

Herausforderung transkulturelle  Arzt-Patienten-Beziehung

Mit der Migration erwachsen der medizinischen  Versorgung  neue  Herausforderungen.  An  der  Medizinischen   Universität  in  Innsbruck  hat  man  entsprechend bereits vor drei Jahren eine transkulturelle  MS-Ambulanz  eingerichtet,  erklärte  Univ.Prof.  Dr.  Thomas   Berger.  Von  2800  MS-Patientinnen  in  Tirol stammen etwa 3,6  % aus der Türkei, etwa der gleiche Anteil kommt aus Südosteuropa. Im Zusammenhang von  Migration und Gesundheit spielen Aspekte  wie  der  kulturelle  Hintergrund   der  Migranten  mit  Sprache,  Religion,  Traditionen  sowie  soziale  Bindungen  eine  bedeutende  Rolle.  Wichtig  ist   auch  der  Migrationsprozess  als  kritisches Lebensereignis sowie die Situation, mit der Menschen nach der Flucht  konfrontiert  werden  wie  Diskriminierung, Status als Minorität, Konfrontation  mit  einer  fremden  Kultur.  Nicht  zu   vernachlässigen  sind  die  soziale  Lage   der Betroffenen bezüglich Ressourcen,  Bildung, Beruf, Geschlecht.  Als konkrete Herausforderungen in  der Ambulanz nannte Berger sprachliche Barrieren oder mangelnde Kenntnisse über Gesundheits und Versicherungssystem  in  Österreich.  Oftmals   haben  Migranten  eine  andere  Vorstellung,  was  Gesundheit,  Krankheit   und den Umgang damit bedeutet. Für manche bedeutet Krankheit eine gottgegebene  Strafe  oder  gilt  als  schicksalshaft.  Die  Sprachbarriere  kann  Probleme   und  Frust  auf  beiden  Seiten  hervorrufen.  Manche  Patienten  erscheinen   mit  einem  Kind  oder  dem  Ehepartner   als  Laiendolmetscher.  Dass  dabei  die   Mitteilung  speziell  intimer  Nachrichten  schwierig  ist,  ist  nachvollziehbar.   Oft  weiß  man  nicht,  was letztlich an Information  übermittelt  wurde.  Gerade  Kinder von MS-Patienten mit Migrationshintergrund, die   einerseits  dolmetschen und sich gleichzeitig  am  Behandlungsprozess  ihrer  Mutter  oder  Vater  beteiligen  müssen,  stehen manchmal unter enormem Druck.  Professionelle  externe  Dolmetscher   weisen  zumindest  nicht  die  Empathie  gegenüber dem Kranken aus wie Familienmitglieder.  Sehr hilfreich ist eine bilinguale medizinische  Betreuung,  entweder  persönlich  durch  einen  „kultureigenen“

Arzt oder Ärztin, andererseits mit Hilfe  von Informationsmaterialien in der jeweiligen  Landessprache.  Damit  bietet   sich die Chance, das transkulturelle Gefälle  zum  Wohle  von  Arzt  und  Patienten  zumindest  teilweise  zu  überwinden.  Auch  wenn  die  Betreuung  von  MS-Patienten  mit  Migrationshintergrund eine echte Herausforderung bedeutet, kann sie für jemanden, der sich für  Lebensgeschichten  anderer  Menschen interessiert, auch zu einem großen Gewinn werden, führte Berger abschließend aus. 

Quelle:  Lunchsymposium  „Reise in das Univer sum der Therapie  der Multiplen Skle­rose“ veranstaltet von  Merck anlässlich der  13. Jahrestagung der  Österreichischen  Gesellschaft für  Neuro logie  am 16. März 2016 in Inns­ bruck/Martin Bischoff  

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