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© Konstantin Yuganov / iStock / Thinkstock.com
In der US-Analyse kamen sechs Prozent der Befragten mit weniger als sechs Stunden Schlaf aus.
 
Neurologie 10. Februar 2016

Kurzschlaf versus Insomnie

Manche Menschen sind bereits nach sechs Stunden Schlaf fit. Das scheint sich gut auf Herz und Hirn auszuwirken.

Wenig Schlaf ist ungesund – so lautet ein weit verbreitetes Klischee. Das stimmt allerdings nicht generell. Oft ist das Gegenteil der Fall: Wer mit weniger Schlaf auskommt, hat seltener Probleme mit Herz und Hirn.

Fast jeder hat schon von Statistiken und Untersuchungen gehört, die nahelegen, dass wenig Schlaf das Risiko für Herzkreislaufleiden und psychische Störungen erhöht, was impliziert, dass wenig Schlaf sehr ungesund ist. Diese Betrachtungsweise ist jedoch falsch: Entscheidend ist, ob jemand nach fünf bis sechs Stunden Schlaf fit ist oder nicht. Bei Kurzschläfern, die nur ein paar Stunden Ruhe in der Nacht benötigen, lässt sich kein erhöhtes Erkrankungsrisiko nachweisen, sehr wohl aber bei Insomniepatienten, die gerne länger schlafen würden, dies aber nicht können. Diese Differenzierung sei sehr wichtig, sagte Prof. Dr. Maurice Ohayon von der Stanford University in den USA.

Bei der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) in Mainz präsentierte Ohayon Ergebnisse einer repräsentativen Analyse von rund 16.000 US-Bürgern über 18 Jahren. Für die Untersuchung wurden Daten zum Schlafverhalten erhoben, ebenso zur Prävalenz der wichtigsten psychischen und körperlichen Erkrankungen.

Kurzer Schlaf ist gut fürs Herz

Nach diesen Angaben schliefen knapp sechs Prozent der Befragten weniger als sechs Stunden pro Nacht, ohne jedoch an einer Insomnie zu leiden. Neben diesen Kurzschläfern kamen 8,3 Prozent der Befragten aufgrund einer Insomnie auf weniger als sechs Stunden Schlaf.

Schauten sich die Schlafmediziner um Ohayon nun die Prävalenz wichtiger Erkrankungen an, dann ergaben sich zwischen den beiden Gruppen dramatische Unterschiede: Im Vergleich zu Personen mit mehr als sechs Stunden Schlaf pro Nacht waren bei den Kurzschläfern ohne Insomnie die Raten von Herzerkrankungen und Hypercholesterinämie um etwa 40 Prozent reduziert, die von Bluthochdruck um ein Viertel.

Im Gegensatz dazu zeigten Insomniker mit weniger als sechs Stunden Schlaf im Vergleich zu Normalschläfern eine um 24 Prozent erhöhte Hypertonierate. Erkrankungen des Bewegungsapparates wurden bei ihnen etwa 64 Prozent häufiger beobachtet, Störungen des blutbildenden Systems traten sogar fünffach öfter auf.

Negative Aspekte nur bei Insomniepatienten

„Eine kurze Schlafdauer ohne Insomnie scheint eher ein protektiver Faktor für Herzkreislauferkrankungen zu sein“, sagt Ohayon. Dagegen zeigten sich bei den Insomniepatienten die erwarteten negativen Effekte. Einen Zusammenhang zwischen Schlafmangel, Bluthochdruck und kardiovaskulären Krankheiten gibt es vor allem bei Insomnikern, die nachts einen höheren Blutdruck als tagsüber haben.

Bei ihnen ist, nach Daten einer japanischen Studie, im Vergleich zu Normalschläfern das Risiko für Herzkreislauferkrankungen mehr als vierfach erhöht. Bei anderen Formen der Hypertonie hängt dieses Risiko jedoch nicht von der Schlafdauer ab, erläuterte der Experte.

Wenig Schlaf wird auch immer wieder als Risikofaktor für Übergewicht beschrieben. Diesen Zusammenhang konnten Ohayon und sein Team in der Analyse bestätigen - und zwar sowohl für die Kurzschläfer als auch die Insomniker: Die Adipositasrate war jeweils um ein Fünftel bis ein Viertel erhöht.

Häufiger psychisch gestört

Dagegen zeigten nur die Insomniker, nicht aber die Kurzschläfer eine erhöhte Rate für psychische Störungen: Dysthymie und Angststörung waren bei Insomnie und einer Schlafdauer von weniger als sechs Stunden jeweils vierfach häufiger zu beobachten als bei Teilnehmern mit einer Schlafdauer von über sechs Stunden.

Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen traten fast dreifach häufiger auf, bipolare Erkrankungen und Alkoholsucht jeweils doppelt so oft. Dagegen waren solche Probleme bei Kurzschläfern ohne Insomnie tendenziell seltener zu beobachten als bei Normalschläfern: Die Dysthymierate war um etwa 80 Prozent geringer, die für Depressionen und bipolare Erkrankungen um etwa 40 Prozent.

Ein weiterer Unterschied: Fast die Hälfte der Insomniepatienten berichtete über kognitive Probleme und Müdigkeit, bei den natürlichen Kurzschläfern litt nur etwa ein Siebtel unter solchen Schwierigkeiten. Ähnlich differenzieren müsse man auch bei den Langschläfern, sagte der Schlafmediziner. So gibt es Menschen, die sich erst nach mindestens neun Stunden Schlaf frisch und ausgeruht fühlen, wohingegen andere zwar ebenfalls neun Stunden und mehr schlafen, aber dann immer noch müde sind. Die letzte Variante der Langschläfer ist offenbar gar nicht so selten.

In der US-Analyse hatten 6,3 Prozent der Befragten angegeben, täglich mehr als neun Stunden zu schlafen. Von diesen gaben 38 Prozent an, an Wochenenden oder arbeitsfreien Tagen sogar über elf Stunden im Bett zu verbringen. Von diesen wiederum fühlten sich fast 60 Prozent nach dem langen Schlaf aber noch immer nicht ausgeruht. Je wenige die Teilnehmer normalerweise schliefen, umso eher werteten sie dagegen einen Elf-Stunden-Schlaf als erholsam. Nur 2,3 Prozent derjenigen, die unter der Woche – ob mit oder ohne Insomnie – weniger als sechs Stunden schliefen, waren der Ansicht, dass elf Stunden Schlaf am Wochenende nicht genügen.

Bei mehr als zehn Stunden liegt eine Grunderkrankung vor

In der Regel seien organische und psychische Erkrankungen eng mit dem exzessiven Schlafbedürfnis verknüpft, erläuterte der Schlafmediziner. Mehr als 60 Prozent der Betroffenen hätten ein organisches Leiden; die Rate für eine Dysthymie ist nach den Daten der Analyse etwa zwölffach erhöht, Depressionen und bipolare Erkrankungen treten dreifach häufiger auf. Bei Personen mit im Schnitt mehr als zehn Stunden Schlaf pro Nacht sei praktisch immer von einer organischen oder psychischen Grunderkrankung auszugehen, sagte der Experte. Doch auch bei Langschläfern mit erholsamem Schlaf konnten die US-Forscher noch eine zwei- bis dreifach erhöhte Rate von psychischen Störungen ausmachen.

Wenn jemand also mit weniger als sechs Stunden Schlaf gut klar kommt, ist das nach diesen Daten jedenfalls ein gutes Zeichen. Solche Personen sind im Schnitt gesünder als diejenigen, die acht und mehr Stunden benötigen. Allerdings sagen solche Untersuchungen wenig über Ursache und Wirkung. Es liegt auf der Hand, dass viele organische und psychische Krankheiten den Schlaf beeinträchtigen. Manche Experten auf der Tagung schlugen sogar vor, sich von der Diagnose „primäre Insomnie“ zu verabschieden. In der Regel sei die Insomnie immer Folge einer anderen Erkrankung – häufig einer Angst- oder Arousalstörung.

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