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Neurologie 14. Dezember 2015

Die Sache mit dem Blutdruck

Demenz: Randomisierte Studie testet These vom antidemenziell wirksamen Bluthochdruck.

Hilft es, bei leichter Demenz die Bluthochdruckmedikamente zu reduzieren, um das Gehirn so auf Trab zu halten? Eine ungewöhnliche Studie zeigt jetzt eindeutig: Es bringt nichts.

Manche Krankheitskonzepte lassen sich nicht ausrotten, auch wenn sie falsch sind. Wenn alte Menschen mit arterieller Hypertonie beginnen, „zerstreut“ zu werden, kommen sie oft auf den Gedanken, dass die blutdrucksenkenden Medikamente mit dafür verantwortlich sein könnten. Schließlich, so die implizite Argumentation, werde dem Gehirn mit der Blutdrucksenkung ja vielleicht etwas weggenommen, was es für eine vernünftige geistige Leistungsfähigkeit benötige.

Dass dieses Konzept eines „kognitiven Bedarfshochdrucks“ falsch ist, gilt unter Hypertonieexperten als unstrittig. Zwar war die Demenz in großen Hypertoniestudien noch nie ein primärer Endpunkt. „Wenn irgendetwas, dann waren Demenzen in den Behandlungsgruppen aber seltener als in den Kontrollgruppen“, betonte Prof. Dr. Johannes Mann, Direktor der VI. Medizinischen Klinik des Städt. Krankenhauses München-Schwabing.

Seit Kurzem gibt es jetzt eine klinische Studie, die zusätzliches argumentatives Futter liefert, wenn Patienten mit Verweis auf ihre Vergesslichkeit an der antihypertensiven Therapie zweifeln. Mann berichtete darüber bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie. Im Rahmen dieser DANTE-Studie wurden in 128 allgemeinmedizinischen Praxen in den Niederlanden 385 mindestens 75-jährige Patienten mit antihypertensiver Therapie und mildem kognitivem Defizit (MMSE 21 bis 27 Punkte) rekrutiert. Die Patienten durften neben ihrer Hypertonie keine anderen schweren kardiovaskulären Erkrankungen oder entsprechende Ereignisse in ihrer Anamnese haben.

Vier Monate Pillenpause

Bei der Hälfte der so ausgewählten Patienten wurden die antihypertensiven Medikamente dann zu Studienzwecken randomisiert abgesetzt. Primärer Endpunkt war die mittels eines Gesamt-Scores erhobene kognitive Leistungsfähigkeit nach 16 Wochen. Sekundär wurden einzelne kognitive Domänen, ein Depressions-Score und der Blutdruck evaluiert.

„Am Ende gab es weder bei der subjektiv empfundenen kognitiven Leistungsfähigkeit noch bei den Demenzparametern Unterschiede“, sagt Mann. Auch in den einzelnen kognitiven Domänen „Exekutivfunktionen“, „Gedächtnis“ und „psychomotorische Geschwindigkeit“ schnitten beide Gruppen gleich ab, genauso wie bei Depressivität, funktionellem Status und Lebensqualität.

Der einzige Unterschied zwischen den Gruppen war wenig überraschend der Blutdruck, der in der Interventionsgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe um 7/2 mmHg anstieg. Diese Studie sagt aber nichts über die langfristige Demenzentwicklung aus, so Mann. Darum gehe es Patienten, die ihre Medikamente absetzen oder reduzieren, aber auch gar nicht. Sie glauben vielmehr, dass sich ihre Vergesslichkeit kurzfristig bessert. Und das ist jetzt definitiv widerlegt.

 

Originalpublikation:

Moonen J et al.,

JAMA Intern Med 2015,

DOI 10.1001/jamainternmed.2015.4103

springermedizin.de, Ärzte Woche 40/2015

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