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Neurologie 1. Juni 2015

Kaffee wirkt neuroprotektiv

Inhaltsstoffe des Kaffees wirken MS, Alzheimer und Parkinson entgegen.

Als Immun-Modulator und Antidementivum hat Kaffee bislang noch keine Karriere gemacht. Das könnte sich aber ändern: Forscher entdecken immer mehr neuroprotektive Effekte.

Erst mal einen Kaffee trinken – das scheint keine schlechte Sache zu sein. Solange man es nicht übertreibt, scheint der Kaffeegenuss zumindest nicht zu schaden. Nach Daten epidemiologischer Studien kann Kaffee aber noch viel mehr: Schon lange ist bekannt, dass die Parkinsoninzidenz bei Kaffeetrinkern geringer ist. Dies wird hauptsächlich mit der Adenosinblockade durch Koffein begründet. Sie führt zu einer erhöhten Dopaminausschüttung. Doch auch Hinweise auf eine verringerte Alzheimer- und Multiple Sklerose- bzw. MS-Inzidenz bei Kaffeetrinkern liegen vor, wenngleich der mögliche Schutzmechanismus hier weniger gut bekannt ist.

Auf der Jahrestagung der American Academy of Neurology in Washington haben Forscher nun neue erfreuliche Erkenntnisse zu den Auswirkungen des Kaffeekonsums vorgestellt. So müssen sich Liebhaber des koffeinhaltigen Gebräus nach den Resultaten von zwei größeren Fall-Kontroll-Studien weniger vor einer MS fürchten, hat Prof. Dr. Ellen Mowry et al. von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore berichtet.1

In der einen Studie wurden 1.620 Patienten aus schwedischen MS-Zentren nach ihrem Kaffeekonsum in den vergangenen zehn Jahren befragt. Für jeden Patienten wählten die Studienautoren ein bis zwei gleich alte Schweden desselben Geschlechts aus der gleichen Region aus und stellten ihnen dieselben Fragen (2.800 Probanden als Kontrolle). Eine ähnliche Studie setzten US-Forscher anhand von kalifornischen Daten des US-Versicherers Kaiser Permanente auf. Hierbei wurde der Kaffeekonsum bei rund 1.160 Versicherten evaluiert, mit MS und ebenso vielen ohne MS. Auch hier stimmten Alter, Geschlecht und Region in etwa überein.

Mehr als sechs Tassen pro Tag, 30 Prozent geringeres MS-Risiko

In beiden Studien berichteten MS-Patienten über einen deutlich geringeren Kaffeekonsum im Laufe der vergangenen zehn Jahre als die Teilnehmer in der Kontrollgruppe. Aus diesen Angaben berechneten die Forscher um Mowry ein um 20 Prozent reduziertes MS-Risiko bei ein bis zwei Tassen pro Tag und ein um etwa 30 Prozent reduziertes Risiko bei mehr als sechs Tassen.

Wurde nur nach dem Konsum zehn Jahre zuvor gefragt, ergab sich keine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung, das Risiko war bei einer und sechs Tassen ähnlich gering. Aber zum Befragungszeitpunkt schienen MS-Kranke deutlich seltener viel Kaffee zu trinken als Gesunde. Das kann natürlich auch daran liegen, dass sie ihren Konsum aufgrund der MS reduziert hatten. Möglicherweise gingen sie deswegen auch davon aus, dass sie schon in der Vergangenheit recht selten von dem Aufgussgetränk konsumiert hatten – eine Crux bei allen Fall-Kontroll-Studien mit Fragen nach der Vergangenheit.

Proteinaggregation verhindern

Etwas substanzieller sind da schon einige Versuche mit einem Kaffee-Extrakt, die Dr. Kristen Huber von Signum Biosciences auf dem Kongress vorgestellt hat.2 Allerdings ist das Unternehmen über präklinische Versuche bislang nicht hinausgekommen. Immerhin konnte Huber auf der Tagung eine Idee vorstellen, auf welche Weise Kaffee solch furchtbare Erkrankungen wie Parkinson und Alzheimer bekämpfen könnte.

Das Unternehmen konzentriert sich dabei jedoch nicht auf Koffein, sondern auf den Kaffee-Bestandteil Eicosanyl-5-Hydroxytryptamin (EHT). EHT aktiviert die Protein-Phosphatase 2A (PP2A). Das Enzym baut unter anderem Phosphatgruppen an dem Parkinson-assoziierten Protein Alpha-Synuclein sowie dem Neurodegenerationsmarker Tau ab. Bei Alzheimer ist die PP2A-Aktivität etwa um die Hälfte reduziert, sagte Huber, was dazu beitragen mag, dass hier vermehrt hyperphosphorylierte Proteine verklumpen. Es liegt also auf der Hand, die Enzymaktivität mit EHT wieder etwas anzukurbeln.

Aktiv ist PP2A in der methylierten Form. Der EHT-angereicherte Kaffee-Extrakt blockiert offenbar wirksam die Demethylierung des Proteins. In einem Parkinson-Maus-Modell konnte der Extrakt den Untergang dopaminerger Neurone bremsen und die Symptomatik lindern. Die vermuteten neuroprotektiven Effekte müssen nun natürlich erst in klinischen Studien geprüft werden.

Literatur:

1 Scientific Session S45: Neuroepidemiology: Multiple Sclerosis, Cerebrovascular, and Aging. Ellen Mowry et al.,

Greater Consumption of Coffee Is Associated with Reduced Odds of Multiple Sclerosis.

http://bit.ly/1GASzWs

2 Scientific Session S16: Aging, Dementia, Cognitive, and Behavioral Neurology: Clinical Science. Kristen Huber, EHT™ Coffee Extract: A Neuroprotective Agent and Modulator of PP2A Methylation with Anti-inflammatory and Antioxidant Properties.

springermedizin.de, Ärzte Woche 23/2015

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