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Neurologie 11. April 2014

Keine Gesundheit ohne Gehirngesundheit

Europäisches Jahr des Gehirns 2014 – Aufklärung und Bewusstseinsbildung sind das Ziel.

„Es gibt keine Gesundheit ohne Gehirngesundheit. Das Gehirn ist für alles verantwortlich, was wir tun. Es ist die Basis unserer Persönlichkeit, Gedanken, Gefühle und Eigenschaften, aber auch der Ursprung vieler schwerer chronischer Krankheiten“, unterstrich die Präsidentin der Österreichischen Neurologischen Gesellschaft, Doz. Dr. Regina Katzenschlager von der Abteilung für Neurologie im Donauspital/SMZ-Ost in Wien anlässlich einer Pressekonferenz zur Jahrestagung der ÖGN.

„Den aktuellen Daten des European Brain Council (EBC) zufolge leiden in Europa 220,7 Millionen Menschen an einer neurologischen Erkrankung.“ Kopfschmerzen (152,8 Mio.) führen die Liste an, gefolgt von Schlafstörungen und -erkrankungen (44,9 Mio.), Schlaganfall (8,2 Mio.) und Demenzerkrankungen (6,3 Mio.).

Ziel des „Europäischen Jahres des Gehirns“ (2014) ist, das Bewusstsein für das Thema Gehirn und Gehirngesundheit in der Öffentlichkeit, in der Wissenschaft und in der Politik zu schärfen. Besonders wichtig ist dabei die Früherkennung neurologischer Krankheiten. Katzenschlager weiter: „In den vergangenen Jahren haben sich die Behandlungsmöglichkeiten aufgrund intensiver Forschungsarbeit deutlich verbessert, zum Beispiel bei Multipler Sklerose, Schlaganfall oder Parkinson.“

„Die neurologische Versorgung gehört aber auch auf die Agenda der Politik und der Gesundheitsverwaltung“, sagt Katzenschlager. „Wir brauchen eine angemessene Versorgungssituation mit einer größeren Zahl von Neurologinnen und Neurologen, um den Herausforderungen der Zukunft begegnen zu können, da viele neurologische Krankheiten in Zukunft geradezu explosionsartig zunehmen werden“.

Die WHO verwendet als ein Maß der Gesamtbelastung durch eine Erkrankung DALYs (Zahl der verlorenen Lebensjahre durch vorzeitigen Tod kombiniert mit dem „Verlust“ an Lebensjahren durch Behinderung). Sie hat errechnet, dass die DALYs aufgrund von neurologischen Erkrankungen von 95 Millionen im Jahr 2015 bis zum Jahr 2030 auf 103 Millionen ansteigen werden. Besonders sind dafür demenzielle (+37 Prozent) oder zerebrovaskuläre Erkrankungen (+13 Prozent) verantwortlich. Die Folgen sind enorme wirtschaftliche Belastung der Gesundheits- und Sozialsysteme.

„Im Rahmen des Europäischen Jahr des Gehirns sollen daher möglichst viele Menschen darüber informiert werden, welche Rolle sie bei der Vorbeugung neurologischer Krankheiten selbst spielen können“, sagte Katzenschlager.

Gefordert sei aber auch die Wissenschaft: Trotz bedeutsamer Fortschritte der Gehirnforschung in den vergangenen Jahrzehnten sind manche Funktionsweisen des Gehirns noch immer nicht gänzlich nachvollziehbar. Katzenschlager: „Hier bedarf es weiterer intensiver Forschungsbemühungen, gerade weil angesichts der Zunahme neurologischer Krankheiten immer bessere Diagnosen und Therapien besonders wichtig sind.“

Herausforderung Epilepsie

„Epilepsien sind die häufigsten schweren neurologischen Krankheiten“, betonte der Tagungspräsident der 11. Jahrestagung der ÖGN, Prof. Dr. Eugen Trinka, Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie an der Christian Doppler Klinik, Paracelsus Medizinische Privatuniversität, Salzburg. „Die globale Krankheitslast durch Epilepsien stieg zwischen den Jahren 1990 und 2010 um 30 Prozent an. 2010 war die Krankheitslast durch Epilepsien höher als jene durch die Alzheimer-Krankheit und andere Formen der Demenz, MS und Parkinson-Krankheit gemeinsam.“ In Österreich sind rund 80.000 Menschen an einer Epilepsie erkrankt.

„Eine aktuelle Studie zeigt, dass die Sterblichkeit im Zusammenhang mit Epilepsien wesentlich höher ist als bisher vermutet“, so Trinka. Diese österreichische Untersuchung (Trinka et al) führt zu alarmierenden Einsichten:

• Patienten mit diagnostizierter Epilepsie haben während ihres ganzen Lebens ein höheres Sterberisiko, speziell aber in den ersten zwei Jahren nach der Diagnose;

• Die Zahl der Todesfälle im Vergleich zur Standardpopulation ist besonders hoch bei jüngeren Patienten und bei Patienten mit Anfällen;

• Anfalls-freie Patienten haben das niedrigste Risiko eines vorzeitigen Todes in jeder Altersstufe, was die Bedeutung einer wirksamen Anfalls-Prophylaxe betont.

„Das Ziel einer Epilepsie-Behandlung ist die Anfallsfreiheit. Etwa 70 Prozent der Patienten könnten diese erreichen, wenn bei ihnen die richtige Diagnostik und die richtige Therapie eingesetzt werden“, so Trinka. „Allerdings erhalten viele noch immer nicht die notwendige kompetente medizinische Betreuung, die sie benötigen. Obwohl die Lage in Österreich deutlich besser ist als im Durchschnitt Europas, besteht auch hierzulande eine Mangel an niedergelassenen Neurologen und Epilepsiespezialisten in ländlichen Gebieten und Gebirgsregionen.“

Neue Zugänge zur Epilepsie-Therapie

Neue Zugänge zur Therapie von Epilepsie sind dringend erforderlich. Forschungsbemühungen beziehen sich derzeit auf Stammzellen-basierte und Gentransfer-basierten Behandlungen, auf Therapieansätzen wie Neuropeptide, neurotrophe Faktoren, inhibierende Neurotransmitter und auf molekulargenetische Zugänge, die eine so optogenetische Technologie nützen. „Alle genannten Verfahren haben gewisse Vorteile und Nachteile, und derzeit ist noch nicht abzusehen, welche das stärkste Potenzial aufweist“, so Trinka. „Für eine konkretere Einschätzung sind weitere klinische Studien erforderlich.“

Elemente einer erfolgreichen Epilepsie-Therapie

Nach der Diagnose muss sich die Neurologin oder der Neurologe das richtige Antiepileptikum für ein konkretes Epilepsiesyndrom auswählen. Die Auswahl des individuell richtigen Medikaments ist oft schwierig, weil Antiepileptika sich nicht grundsätzlich in ihrer Wirksamkeit, aber stark in ihrer Verträglichkeit unterscheiden. 30 bis 40 Prozent der Patienten benötigen ein weiteres Medikament, weil sie mit einem Antiepileptikum alleine keine Anfallsfreiheit erreichen. Versagt diese medikamentöse Therapie, sollten Patienten an ein spezialisiertes Zentrum überwiesen werden und die Möglichkeit eines epilepsiechirurgischen Eingriffs geprüft werden. Untersuchungen haben gezeigt, dass bei bestimmten Epilepsieformen die Erfolgsaussichten nach Epilepsiechirurgie bei 80 bis 90 Prozent liegen. Wesentliche Fortschritte wurden dabei durch die technische Entwicklung im Bereich der neurologischen Bildgebung wie MRT oder Positronenemissions-Tomographie (PET) erzielt.

Auch nach dem Einsatz epilepsiechirurgischer Verfahren und bei ungenügender Anfallskontrolle gibt es weitere innovative Therapiemethoden wie beispielsweise Neurostimulationsverfahren, Radiochirurgie und Radiotherapie.

Gute Noten für Österreichs Forschung

„Die Neurowissenschaften haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten von einem interdisziplinären Newcomer zu einer zentralen, für alle anderen Wissenschaften relevanten Leitwissenschaft entwickelt“, so Prof. Dr. Reinhold Schmidt von der Klinischen Abteilung für Neurogeriatrie der Univ.-Klinik für Neurologie in Graz. „Beeindruckende Fortschritte in Fächern wie Genetik und Molekularbiologie, und die Entwicklung von neuen, nicht-invasiven Verfahren zur strukturellen und funktionellen Bildgebung des Gehirns haben dieses Verständnis vorangetrieben.“ Die klinische Praxis in der Neurologie hat sich durch die Einbindung von genetischen Untersuchungen, neuen molekularen Testverfahren und der Anwendung nicht-invasiver Bildgebung des Gehirns (insbesondere MRT) grundlegend gewandelt. Schmidt: „Wir können aus neuen Erkenntnissen immer besser therapeutisches Kapital schlagen.“

Bei diesen Entwicklungen spielt die österreichische Neurologie erfolgreich mit. Der Österreichische Wissenschaftsrat hat, unterstützt von internationalen Experten, die Stärken und Schwächen der klinischen Neurowissenschaften in Österreich evaluiert. „Die Situation wurde insgesamt als sehr gut bewertet, das Fachgebiet besitze internationale Ausstrahlung“, so Schmidt. „Es gibt in Österreich eine Reihe international hervorragend ausgewiesener klinisch-wissenschaftlicher Schwerpunkte, insbesondere neurodegenerative Erkrankungen wie Demenz und Parkinson, neuroimmunologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Schlaganfall und Epilepsie.“ Weitere Schwerpunkte, die in der Evaluierung sehr gut abgeschnitten haben, sind die Analyse von Biomaterialien, die Neuropädiatrie, die Neurogastroenterologie, die neurologische Genetik und die Schmerzforschung.

Nachholbedarf besteht bei der interdisziplinären Forschung, speziell bei der Integration von Grundlagenforschung und klinischer Forschung. Schmidt: „Empfohlen wurden integrierte ‚Neurozentren‘ und Forschungsaktivitäten, die disziplinäre Grenzen zwischen den Medizinischen Universitäten und den Lebens-, Geistes- und Sozialwissenschaften überwinden. Gefordert werden mehr multizentrische kooperative Forschungsprojekte.“ Ein Beispiel für solche derzeit vielerorts angedachte integrierte Zentren sind die „Kopfzentren“: Dort sollen Neurologen, Neurochirurgen, HNO-Ärzte, Radiologen etc. mit Grundlagenforschern kooperieren und ihre Expertise austauschen. „Besonders aussichtsreiche Chancen werden solche interdisziplinären Kooperationen in den Bereichen Gehirn-Bildgebung, Multiple Sklerose, Schlaganfall, Demenz, Bewegungsstörungen und Neurodegeneration attestiert“, so Schmidt. Bestehende nationale Kooperationen wie das Schlaganfallregister und das prospektive Demenzregister (PRODEM) sollten ausgebaut werden.

Quelle: Pressekonferenz „Highlights und Trends der Neurologie 2014“, 24. März 2014, Wien

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