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© Simon Feldhaus
 
Komplementärmedizin 27. April 2015

Dysharmonien beseitigen

Das ganzheitliche Menschenbild in der tibetischen Medizin und die komplexen Wirkungen ihrer Arzneimittel. Interview mit Dr. Simon Feldhaus, Ibach / CH

Naturheilkundliche Behandlungsansätze erfreuen sich vor allem in der Bevölkerung großer Beliebtheit. Ärzte sind etwas skeptischer. Apotheker sind meist viel offener und können als Vermittler zwischen Schul- und Erfahrungsmedizin sehr gut beratend auf Kundenwünsche eingehen.

Was zeichnet die tibetische Medizin aus?

Feldhaus: Die tibetische Medizin, gehört dem asiatischen Medizinkulturkreis an und geht nicht, wie die westliche Schulmedizin, mit einem organbezogenen, histo-pathologischen Denken an Störungen heran, sondern betrachtet den Menschen ganzheitlich. Sie erklärt Phänomene anhand einer Verschiebung von Energien. Alle Beschwerden sind das Ergebnis einer Dysharmonie zwischen diesen drei Elementen, die wir mit den Begriffen „Wind“, „Galle“ und „Schleim“ bezeichnen, die aber nicht als wörtlich gleichbedeutend zu sehen sind. Ehrlicherweise lassen sich diese Energien aufgrund der unterschiedlichen Sprache und Begrifflichkeit gar nicht beschreiben.

Die Therapie besteht darin, diese Dysharmonie zu beseitigen, indem man störende Faktoren wegnimmt. Das sind Dinge, die wir als Lebensstilveränderungen bezeichnen würden. Eine zweite Ebene sind körpertechnische Interventionen wie Massagen oder Ähnliches. Den dritten Bestandteil der Therapie bilden Arzneimittel nach tibetischer Medizin. Die Diagnose besteht in Hitze- oder Kältephänomenen und nicht in Atherosklerose, Bronchitis oder Nierenentzündung.

Das Problem der tibetischen Medizin für die westlichen Systeme ist die mangelnde wissenschaftliche Absicherung.

Feldhaus: In neuerer Zeit werden auch Studien gemacht, aber das sind nur Einzelstudien an Präparaten und nicht über das Denkbild der Medizin. Aber in Nepal oder wo auch immer macht man keine evidence based-Studien, so wie wir das kennen, weil das dort keinen interessiert. Diese Medizinkulturen bestehen seit mehr als 3000 Jahren und die Methoden scheinen durchaus wirksam zu sein. Die Tibetische Medizin ist ein Medizinkultursystem. Das heißt, die Medizin ist Teil der Tageskultur.

Die Originalrezepturen stehen uns also als Tablette oder Kapsel zur Verfügung und es zeigt sich, dass die tibetische Erklärung für die Wirkung zwar völlig anders lautet – die biochemische Analyse ergibt jedoch, dass die Wirkung beispielsweise bei der Atherosklerose auf den Ebenen der Entwicklung nach schulmedizinischen Kriterien ansetzt, und zwar genau da, wo die Schulmedizin nichts hat, nämlich auf der Ebene der antientzündlichen Wirkung in der Gefäßwand. Ein anderes Beispiel bietet das Verdauungstonikum, das bewirkt, dass der obere Magenschließmuskel geschlossen und der untere geöffnet wird und damit eine koordinierte Magenentleerung stattfindet. Wir wissen nicht warum, aber es funktioniert.

Welche Anwendungsmöglichkeiten bieten Arzneien der tibetischen Medizin?

Feldhaus: Die tibetischen Produkte können nach rein schulmedizinischen Kriterien eingesetzt werden und zusätzlich – mit dem Wissen, was tibetische Medizin macht: Also bei einem „kühlenden“ Präparat kann es entzündungshemmend etwa bei Rheuma oder multipler Sklerose angewendet werden, überall, wo ich nach dem tibetischen Verständnis „Hitze im Körper“ habe. Habe ich ein „wärmendes“ Produkt, kann es etwa bei Verdauungsstörungen eingesetzt werden, denn dadurch wird das „Verdauungsfeuer“ angefacht. Auf diesem Verständnis aufbauend, erkennt man häufig in der Anamnese, dass viele, vor allem Frauen, von sich aus von einem Kältegefühl im Bauch, in den Händen und Füßen erzählen. Die Tibeter nennen das „cold kidney dis- ease“. Häufig ist damit auch eine ungewollte Schwangerschaftslosigkeit verbunden. Mit dem entsprechenden tibetischen Mittel steigt die Fruchtbarkeitsrate deutlich an. Das Wissen um die naturheilkundliche und die tibetische Medizin öffnet eine fantastische Indikationsbreite.

Die Inhaltsstoffe der tibetischen Arzneien setzen auf verschiedenen Ebenen an?

Feldhaus: Tibetische Arzneien sind Multitarget-Systeme, die an verschiedenen Ursachen mit viel geringerer Dosierung ansetzen und mit wesentlich weniger Nebenwirkungen verbunden sind. Die Kombination macht’s. In den USA wurde der Ansatz der „Polypill“ nun in einem Experiment überprüft: Die sechs wichtigsten Medikamente bei Herz-Kreislauferkrankungen wurden in eine Tablette zusammengefasst, mit nur einem Drittel der Normaldosis. Verglichen mit den Patienten, die die volle Dosierung erhielten, erzielte man in der Polypill-Gruppe wesentlich bessere Ergebnisse. Das ist die Bestätigung für das, was wir mit der tibetischen Medizin machen: Weniger ist mehr, wenn ich es kombiniere. Die biochemische Nebenwirkungsrate ist aufgrund der Vielfalt und der geringen Dosierung der enthaltenen Stoffe ebenso minimal wie Interaktionen.

Wie reagieren die Patienten?

Feldhaus: In der Schweiz ist diese Form der Therapie in der Bevölkerung vielleicht durch die Tradition sehr breit gewünscht. In der Schweiz lebt die größte Gemeinde von Exiltibetern. Dadurch ist das Bewusstsein in der Bevölkerung für Tibeter und tibetische Medizin ein bisschen anders als in Deutschland oder Österreich.

Zur Person

Dr. Simon Feldhaus

Dr. Simon Feldhaus ist Facharzt für Allgemeinmedizin (D); Interventionelle Schmerztherapie SSIPM; Dipl. Heilpraktiker, Dipl. TCM-Therapeut, Dozent an nationalen und internationalen Kongressen für Naturheilverfahren; Spezialist für Orthomolekulare Medizin; Projektleiter Steinbeis-Institut Berlin; Leiter Medizinische Dienste Paramed-Ambulatorium Baar.

Tibetische Medizin mit europäischem Qualitätsstandard

Seit mehr als 45 Jahren stellt die Firma PADMA pflanzliche Arznei- und Nahrungsergänzungsmittel auf der Basis tibetischer Rezepturen nach international anerkannten Richtlinien für pharmazeutische Produkte, Good Manufacturing Practice (GMP) in der Schweiz her. Im Sinne einer integrativen Medizin werden moderne Forschung sowie Therapien aus Schul- und Komplementärmedizin mit einer ganzheitlichen Sichtweise des Menschen vereint. Ziel ist eine nebenwirkungsarme, auf den Patienten zugeschnittene Behandlung.

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