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© Dr. Gerald Pohler
Schamanische Trommel
© Martin Schumann / fotolia.com © Dr. Gerald Pohler

„Reisehaltung“ nach „Harner“

 
Komplementärmedizin 10. November 2014

Schamanisches Reisen versus Entspannung

Eine aktuelle Studie informiert.

Die aktuelle Studie (1) stammt aus der Abteilung für Kognitionsbiologie der Universität Wien (Leitung Univ. Prof. W. Tecumseh Fitch) und befasst sich mit der Frage, ob schamanisches Reisen oder Entspannung begleitet von Musik zu messbaren physiologischen und psychologischen Veränderungen bei Probanden führt.

Die Hypothesen waren, dass sich alle Probanden anschließend besser und entspannter fühlen und auch die Cortisolwerte sinken würden. Zudem wurde angenommen, dass diese Veränderungen bei den zwei Gruppen mit Instruktion zur schamanischen Reise stärker ausgeprägt wären, und unterschiedliche traumähnliche Erlebnisse berichtet werden würden.

Ausgangspunkt unserer Studie

Ausgangspunkt dieser Studie war unter anderem Sandra Harners (2, 3) Untersuchungen zur Veränderung des Immunglobulins A während schamanischen Reisens, sowie auch die Erfahrungen mit der ärztlich-schamanischen Ambulanz für Krebsbetroffene der Gruppe 94 in Wien (4). Harner konnte zeigen, dass das Immunglobulin A gemessen im Speichel während des schamanischen Reisens mit Trommelmusik anstieg. Krebsbetroffene zeigten nach schamanischer Intervention eine bessere Befindlichkeit.

Methode

In unserer Studie haben wir das Cortisol vor und nach dem Experiment aus dem Speichel gemessen. Cortisol ist ein Nebennierenhormon, das bei Stress und Entspannung wirksam ist. Die Ausschüttung dieses Stresshormons folgt einem Tagesrhythmus,, sodass unsere Messungen immer zur selben Zeit gemacht wurden.

Die insgesamt 39 Probanden hatten keine schamanische Vorerfahrung, sie wussten zuvor auch nicht, dass eine solche erfolgen könnte.

Zu Beginn der Experimente wurde jeweils eine Speichelprobe abgegeben und ein Fragebogen zur emotionalen Befindlichkeit (5) ausgefüllt. Danach erfolgte eine der beiden möglichen Instruktionen: schamanische Reise in die untere Welt oder Entspannung. In weiterer Folge wurde dann entweder Trommel- (Abb. 1) oder Meditationsmusik 15 Minuten lang dargeboten. Es gab daher insgesamt vier Versuchsbedingungen, zwei mit Trommelmusik und zwei mit Meditationsmusik, mit jeweils einer Instruktion entweder zur schamanischen Reise oder zur Entspannung.

Nach der Musikdarbietung erfolgte erneut eine Speichelabgabe sowie das Ausfüllen von Fragebögen. Diese Fragebögen erhoben die emotionale Befindlichkeit (5), sowie Körperwahrnehmungen und traumähnliche Erlebnisse der Probanden (6).

Die Reisehaltung

Die Versuchspersonen aller Versuchsbedingungen hatten in der „Reisehaltung“ nach „Harner“ (7) (Augen geschlossen am Rücken liegend mit linker Hand über den Augen) am Boden zu liegen. Um Versuchsleitereffekte zu vermeiden, erfolgten die Instruktionen über vorher aufgenommene Audiofiles, die über einen Laptop und Lautsprecher abgespielt wurden.

Musik

Die verwendete Trommelmusik stammte von Harnes Trommel CD (8), die Meditationsmusik von Paramahamsa Yogananda (9), und schlossen mit einem Rasselrück- holsignal ab. Die Darbietung erfolgte wieder über Laptop und Laut- sprecher.

Ergebnisse

Der Vergleich der mittleren Cortisolwerte in den verschiedenen Versuchsbedingungen wurde mit einer Varianzanalyse für Messwiederholungen durchgeführt. Es zeigte sich ein signifikantes Ergebnis beim Zeitfaktor, aber keine Signifikanz bezüglich Musik und Instruktion. In allen Gruppen waren die Cortisolwerte beim 2. Messzeitpunkt niedriger, unabhängig von der Art der Instruktion (Abb. 3). Dasselbe Ergebnis zeigte sich bei der Auswertung der Entspannungsskala.

Wesentliche Unterschiede zwischen den Gruppen ergaben sich jedoch im Erfahrungsfragebogen. Es zeigte sich, dass Probanden mit schamanischer Instruktion und Trommelmusik öfter angaben, Schwere und einen ruhigeren Herzschlag zu erleben, als die Gruppe, die zur Trommelmusik eine Entspannungsinstruktion erhalten hatte. Überdies waren auch die traumähnlichen Erfahrungen bei schamanischer Instruktion eher „schamanischer“, im Gegensatz zur Entspannungsinstruktion, bei der es eher autobiographische Inhalte gab (6).

Zusammenfassung

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Cortisolwerte in allen Versuchsbedingungen signifikant sanken, ebenso ergab sich eine tiefere Entspannung. Die Exposition mit schamanischen Trommeln mit der vorhergehenden Instruktion zu einer schamanischen Reise führte überdies zu vermehrten traumähnlichen Erfahrungen, die den typischen Inhalten von Berichten schamanischer Reisen entsprechen.

Fazit für die Praxis

Cortisolwerte können durch fachgerechten Einsatz von Instruktionen zur Entspannung (oder schamanischen Reisen) mit darauffolgender geeigneter Musikdarbietung von nur 15 Minuten zumindest kurzfristig gesenkt werden.

Literatur und Quellen:

1. Gingras B, Pohler G, Fitch WT (2014) Exploring shamanic journeying: repetitive drumming with shamanic instructions induces specific subjective experiences but no larger cortisol decrease than instrumental meditation music. PLoS ONE 9(7): e102103. doi:10.1371/journal.pone.0102103

2. Harner S (2001) Shamanic journeying and health research. Shamanism 14: 19- 22

3. Harner S (2010) Shamanic journeying and immune response: Hypothesis testing. J Found Shamanic Stud 23: 31-3

4. Pohler G, Schmitt T, Uccusic P (2009) Die Ärztlich-Schamanische Ambulanz in Wien. ProMed Komplement?ar 16:26-29.32

5. Steyer R, Schwenkmezger P, Notz P, Eid M (1997) Der Mehrdimensionale Befindlichkeitsfragebogen (MDBF). Göttingen: Hogrefe.

6. Pohler G (2013) Shamanic Journeying with music versus Relaxation with music. Are there different effects on emotional states and salivary cortisol concentration? Masterarbeit Universität Wien.

7. Harner, M (2006) Der Weg des Schamanen. Das praktische Grundlagenwerk zum Schamanismus Ullstein, Ulm.

8. Harner M (1997) Shamanic Journey Rattle CD (Shamanic Journey Series No.6). Mill Valley, CA: Foundation for Shamanic Studies.

9. Shanti O (2003) Listening to the heart (CD). Munich: Sattwa Art Music.

Korrespondenz:

Dr. Gerald Pohler, MSc Psychotherapeut &Klinischer Psychologe

http://members.aon.at/doc.pohler/

E-Mail:

Dr. Bruno Gingras, Abteilung für Kognitionsbiologie d. Universität Wien

http://homepage.univie.ac.at/bruno.gingras/

E-Mail:

Abb. 3: Mittlere Cortisolwerte im Speichel

Gerald Pohler und Bruno Gingras, komplementärmedizin 4/2014

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