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Subhealth Syndrom, somatoforme Symptome: Im Vordergrund stehen quälendes Erschöpfungsgefühl, Müdigkeit nach geringer körperlicher Anstrengung, Schlafstörung oder chronische Muskelschmerzen.
 
Komplementärmedizin 10. November 2014

Mit Konfuzius zur Gesundheit

TCM-Prävention - Teil 2: Subhealth und psychovegetative Beschwerden

Hat uns der erste Teil dieses Beitrags in den Bereich der Gesundheitspflege geführt, Methoden der Prävention vorgestellt und das Thema Biorhythmus angerissen, so beschäftigen wir uns im vorliegenden zweiten Teil mit dem Thema Subhealth sowie mit psychovegetativen Beschwerden und ihrer Behandlung mit Akupunktur.

Subhealth

• Leitlinie zur Diagnose von Subhealth (SH)

1. Somatoforme Symptome des SH: Im Vordergrund stehen quälendes Erschöpfungsgefühl, Müdigkeit nach geringer körperlicher Anstrengung, Schlafstörung oder chronische Muskelschmerzen.

2. Psychische Symptome des SH: Lustlosigkeit, Vitalitätsverlust, Dysthymie (geringfügigere depressive Symptome oder innere Unruhe), Reizbarkeit, Ängste oder kurzfristige Gedächtnisschwäche, Konzentrationsschwäche etc.

3. Soziales Verhalten des SH: Reduzieren der Kontaktfähigkeit, der sozialen Kontakte und Kompetenz bzw. es stehen die Kontakte unter Spannungen.

Diese drei Bereiche können einzeln, aber oft kombiniert, vorkommen. Die Diagnose erfordert eine sorgfältige Anamnese und moderne medizinische Befunderhebungen in allen drei Bereichen (Soma, Psyche, Sozial).

• TCM-SH ähnliche Syndrome nach der Schulmedizin

Befindlichkeitsstörung, funktionelle Störung, Neurasthenie, Burnout-Syndrom, POF (post operative Fatigue, deutliche Verzögerung der Rekonvaleszenz nach operativen Eingriffen), Fibromyalgie-Syndrom, Colon irritabile und ähnliche Organmanifestationen. Das CFS (Chronic fatigue syndrome) und psychiatrische Krankheiten gehören nicht zur SH.

• Schweregrade des SH-Zustandes

Stufe 1: Disharmonie im Vordergrund

Nach der TCM sprechen wir hier von Disharmonie zwischen Yin/Yang, den Substraten Vitalenergie-Qi und Blut-Xue u. den Eingeweiden untereinander.

Als Symptome sehen wir mehr Müdigkeit als gewöhnlich, Nervosität, Vergesslichkeit, unklare Gedanken, „ man kann nicht locker lassen“. Spannungskopfschmerzen, Muskelverspannungen und Krämpfe, lokale Sensibilitätsstörungen, plötzliche Appetitzunahme, Verdauungsstörung, Verlangen nach Süßigkeiten und stark Gesalzenem, Husten, Niesen, allgemeines Hitzegefühl oder Frösteln, gelegentliche Miss- geschicke im Alltag, leichte depressive Verstimmung, Niedergeschlagenheit, anormale Gewichtszunahme.

Stufe 2: zur Disharmonie kommt ein metabolisches Syndrom hinzu

Nach TCM sind Symptome hier eine Anhäufung, sog. „Schlacke im Körper“ und nach der Schulmedizin liegt hier eine Störung des Stoffwechsels und des Vegetativums vor.

Als Symptome sehen wir abnorm riechende Atemluft bzw. Körpergeruch, bitterer Mundgeschmack und Mundtrockenheit, Schwellung der Nasenschleimhaut, häufiges Niesen, Husten, Neigung zur Verkühlung, Dyspnoe, trockene bzw. fettige Haut, Tendenz zur Urtikaria, Adipositas, Hypercholesterinämie, Hyperurik- ämie, Hyperglykämie, starkes Hitzegefühl im Körper, Schwitzen ohne Grund, feuchte Hände und Füße, Schluckauf, Meteorismus, Obstipation, Diarrhö und Brechreiz, Dys- menorrhö, abnormer Ausfluss bei Frauen, rezidivierende Entzündungen (Blase, Bronchien etc.), rezidivierende Kopfschmerzen, Gelenks-, Muskelschmerzen, schmerzhafte Steifigkeit der Wirbelsäule, chronische Rückenschmerzen, Pollakisurie, Oligurie, Brennen bei Miktion, Ödeme an den Extremitäten, deutliche depressive Symptome, Ängste, Unbeherrschtheit des Gemüts, Zorn, Agitiertheit, arterielle Hypertonie, häufige Missgeschicke im Alltag, Schlafstörungen.

• Was tun, wenn nach TCM SH vorliegt?

1. Frühzeitige Beseitigung der Befindlichkeitsstörungen verhindert die Entstehung von Krankheiten. Das entspricht im Westen der Vorsorgemedizin.

2. Wenn schon eine Erkrankung vorliegt, evtl. dem nächsten Stadium der Erkrankung vorbeugend entgegenwirken.

3. Wenn der Patient eine Krankheit überstanden hat, dann stärken wir die Konstitution. Ist diese Maßnahme als Therapie einer Erkrankung oder als Maßnahme der Prävention zu sehen?

Nachdem SH keine Erkrankung ist, betrachten wir diese Maßnahme nicht als Therapie. Empfehlungen sind: regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen, eine gesunde Ernährung, nicht Rauchen, seelische Ausgeglichenheit anstreben, einen Rhythmus im Tagesablauf finden, „den Weg des Dao (Wuwei) befolgen“ (das bedeutet nicht gegen die Natur handeln, die Pflichten erfüllen, nichts erzwingen, bewahre den Zustand der innere Ruhe und Leere etc.).

• Acht Konstitutions-Typen (Syndrome) der TCM-SH

Aus den vorhergehende Leitlinien und Schwere der Symptome können wir nach der Diagnosekonzepten der TCM in acht Typen einteilen. Diese erfolgt nach der Differenzialdiagnose der Organsyndrome. Diese acht Typen entsprechen in gewissem Maße auch der Grundkonstitution einer gesunden Person, das heißt ohne subjektives Krankheitsgefühl. Wenn aber zusätzliche oder quälende subjektive Symptome (Clinical Guidelines of Chinese Medicine on Sub-health China 2006) vorliegen, dann müssen wir schauen, ob der Patient zu einem dieser acht Typen gehört. Wir stärken die Konstitution. Der Sinn ist hier, dies durch eine Organ-Stärkung mittels Kräutern, Akupunktur bzw. Qigong und/oder Tuina zu erreichen. Die angegebenen Rezepturen stammen von Sun Tao, He Qinghu, Beijing 2010.

1. Leber-Qi Stagnation: Druck in der Brust, häufiges Seufzen, Schmerzen mit wechselnder Lokalisation im ganzen Körper, Depression, Reizbarkeit, Globusgefühl im Hals, Zyklusstörung, Dysmenorrhö, Zungenbelag (ZB) dünn weißlich.

2. Leber-Qi Stagnation und Milzschwäche: Druck in Brust und Flankenregion, Schmerzen mit wechselnder Lokalisation im ganzen Körper, Depression, Reizbarkeit, Globusgefühl im Hals, Müdigkeit, Niedergeschlagenheit, wenig Appetit, Völlegefühl im Bauch, Stuhl weich oder trocken fest, Obstipation, Zungenkörper (ZK) blass rötlich bzw. dunkel; ZB weißlich bzw. glitschig.

3. Schwäche im Herz und in der Milz: Dieses Syndrom sehen wir am häufigsten bei SH. Druckgefühl in der Brust, Palpitation, kraftlos, kurzatmig, schwitzt leicht ohne Anstrengung, Benommenheit, Schlafstörung, träumt viel, wenig Appetit, Völlegefühl im Bauch, Stuhl weich, ZK blass, ZB weißlich.

4. Yin-Schwäche in Leber und Niere: Kraftlos in Kreuz und Knie, Müdigkeit, Benommenheit, Tinnitus, Schlafstörung, träumt viel, Hitzegefühl mit viel Schwitzen, Zyklusstörung, Potenzstörung, ZK rötlich oft mit Rissen, ZB wenig.

5. Qi-Schwäche in Lunge und Milz: Druckgefühl in der Brust, kurzatmig, kraftlos, müde, schwitzt ohne Anstrengung, Aversion gegen Wind, verkühlt sich leicht, Blähungen, Stuhl weich, Zungenkörper blass, ZB weißlich, Puls dünn oder schwach.

6. Feuchtigkeitsstau bei Milz-Schwäche: Kraftlos, fühlt sich psychisch wie ausgelaugt, Arme und Beine sind schwer, gestaut, weil müde, schläft viel, wenig Appetit, Völlegefühl im Bauch, Stuhl weich, Gesichtsfarbe fahl gelb-blass, ZB weißlich glitschig.

7. Feuer bei Leber-Qi Stagnation: Spannungskopfschmerzen, Benommenheit, Tinnitus, Druck in der Brust und Flankenregion, Rachen trocken, Mund mit bitterem Geschmack, Schlafstörung, träumt viel, erhöhte Reizbarkeit, ZK rötlich, ZB gelblich.

8. Innere Irritation infolge Hitze bei Schleim-Syndrom: Palpitation, innere Unruhe, rastlos, ungeduldig, Schlafstörung, träumt viel, Obstipation, ZK rötlich, ZB gelblich glitschig.

In diesen acht SH-Typen stehen die Organe im Zentrum, daher ist eine organbezogene Akupunktur bzw. Kräuterbehandlung leicht zu verstehen. In den meisten Fällen stehen die Modalitäten im Mangel / in Leere.

Psychovegetative Beschwerden und Behandlung mit Akupunktur

• Insomnia

He 7, Bl 15, Ma 36, Ni 3, LG 20, Bl 23. Je nach Symptomatik noch zusätzliche Punkte.

- Depression: Gb 34, Le 3.

- Schwäche an Nieren-Yang: LG 4, KG 6, KG 4.

- Psychisch ausgleichend: He 7, KS 7 und KS 6, je 30 min. Nach Deqi die Nadeln liegen lassen oder mit Moxa 5 min. erwärmen; oder Bl 15 (Moxen mit 3 Reiskornmoxa), Bl 23 (nach Tonisierung die Nadel gleich entfernen), He 7 (nach Tonisierung die Nadel gleich entfernen), und MP 6 (nach Deqi sedieren und Nadeln entfernen),

Täglich 1 x, nach fünf Behandlungen 1 x pro Woche, zwei bis drei Punkte, pro Punkt 2 min. Vor dem Schlafengehen ist die ideale Zeit für eine Behandlung.

• Vertigo

Symptom unterschiedlicher Ätiologie und Pathogenese. Wir kennen Schwindel als eine Bewegungskrankheit, Höhenschwindel, peripherer vestibulärer Schwindel, Vestibularisausfall, Morbus Menière, zentral-vestibuläre Schwindelformen und vieles mehr.

Nach TCM muss nach der Insuffizienz von Organen und von sog. Tan-Syndromen gesucht werden. In vielen Fällen werden pro Sitzung drei bis vier Punkte aus folgenden LG 20, LG 24, He 7, Dü 19, Gb 20, KS 6, Bl 62, Di 4, Bl 20, Bl 23, KG 4, KG 12, Ma 36, MP 6, Gb 43, Le 2 mit entsprechender Reizdosierung genadelt. Für die Ohrakupunktur werden drei bis vier Zonen aus folgenden: Stirn, Sympathikus, Shenmen, Niere, Herz, Magen, Endokrinum, Nebenniere, Occiput und Innenohr verwendet. Eine starke Nadelstimulation ist effektiver. Auch die Verwendung von sog. Dauernadeln ist erfolgsversprechender.

• Das Blackbox Konzept

Eine feste Strukturzuordnung und Quantifizierung ist in der TCM Medizin nicht möglich. Es wird auch von einem Blackbox-Konzept der TCM-Physiologie gesprochen: wir beschreiben das Erscheinungsbild, das Phänomen, ohne in die Box hineinzusehen. Die Organe der TCM bilden mit dem Meridiansystem, der Vitalenergie, dem Blut und den Körpersäften ein funktionelles System. Die Schlussfolgerung über die Ätiologie, den Pathomechanismus und die Wechselwirkung der Organe ist der Intuition des Arztes überlassen. Die indirekte, phänomenologische Betrachtung ist für die TCM wichtiger als die direkte, anatomische Untersuchung der Eingeweide. Ferner meint die TCM, dass die Phänomenologie des Menschen der der Natur analog sei (Tianrenheyi); daher konnte der TCM-Arzt mit der Beobachtung der Natur durchaus die Anatomie ersetzen, die Anatomie des Menschen war somit entbehrlich. Überhaupt beruht die TCM sehr stark auf subjektivem Eindruck des Heilers, wodurch die auf der Morphologie bezogene Beschreibung verkümmert. Daraus entnehmen wir die komplexen Beziehungen der Organe mit Meridianen, Klimafaktoren, Jahres-, Tages-zeiten, den Sinnesorganen, Gewebe und schließlich auch Emotionen, ein sog. bio-, psycho-soziales System für die Analyse und Behandlungen von Störungen (Tab. 1). Die TCM kennt keine scharfe Trennung zwischen Geist und Körper. Wenn wir ein „Organgefühl“ ständig verspüren, dann ist das ein Hinweis auf eine eventuelle psychosomatische Störung.

Die Dreier-Regel der Befundzusammenfassung

Eine Vereinfachung der TCM- Diagnose nach Alexander Meng für die chinesische Reflextherapie finden Sie in Abbildung 2: die Dreier-Regel der Befundzusammenfassung.

• 1. Regel: WO behandeln? - Welcher Meridian ist betroffen?

Reize treffen auf die Rezeptoren des Organismus und werden als Nervenimpulse im Nervensystem weiterverarbeitet. Dabei haben das vegetative Nervensystem, das periphere Nervensystem, das endokrine System und das Meridiansystem eine sehr enge Wechselwirkung. Der Organismus antwortet auf eine physiologische oder pathophysiologische Weise. Das Meridiansystem hat in der TCM die Aufgabe, als Kanalsystem für den Transport von „Qi, Xue; Energie und Blut“ und somit auch als Verbindung der Eingeweide zu agieren. Das Meridiansystem (Kanalsystem) wird in der Subkutis bzw. zwischen den Muskeln in verschiedenen Tiefen lokalisiert. Beispiel: Schmerzen im Kreuz mit Ausstrahlung in die Rückseite des Oberschenkels und an der Außenseite des Unterschenkels werden als Ischias oder Wurzelsymptomatik L5/S1 bezeichnet. Diese Schmerzausbreitung entspricht fast genau dem Verlauf des Blasenmeridians.

• 2. Regel: WO behandeln? - Welches Organ ist betroffen?

Konsequenz: organbezogene bzw. segmentale Punkte.

• 3. Regel: WIE behandeln? Modalitäten, Begleitumstände?

Schmerzcharakter, -stärke, Allgemeinzustand/Ernährungszustand, Auslöser - pathogene Faktoren. Konsequenz: Reizstärke und Reiztechnik. Pathogene Faktoren: Auslöser einer Störung, Charakterisierung einer Störung und Beeinflussung einer Störung. Bioklimatische Faktoren: Wind, Kälte, Hitze, Feuchtigkeit, Trockenheit.

Einige Regeln für die Akupunktur und TCM-Kräuter in der Praxis

Für uns Ärzte im Westen ist es eine Verpflichtung, dass wir immer zuerst eine genaue schulmedizinische Diagnostik betreiben und dann, wenn es Resultate aus der evidence based medicine gibt, auch danach handeln. Wenn die Erfolge nicht den Erwartungen entsprechen, kann als Ergänzung die TCM herangezogen werden. Bei uns im Einsatz sind die Akupunktur und eventuell die Kräuter der TCM. Dabei ist die Frage nach der Indikation zu stellen, da nicht alle Beschwerden mit Akupunktur oder Kräutern mit Erfolg zu behandeln sind.

Zusammenfassung

Die psychosomatische Kompetenz zu erweitern, erreichen wir Ärzte mit komplementären TCM Methoden nur im Zusammenhang mit der chinesischen Philosophie. In China ist diese stark von Konfuzius geprägt worden. Die daraus folgeden medizinischen Konzepte sind Yin, Yang, Ganzheitlichkeit zwischen Mensch- Erde und Himmel sowie der Fünf-Elementelehre.

In der Prävention und Stärkung stehen ethische Lebensführung, Psychohygiene, Ernährung, Biorhythmus, Ruhe und Bewegung im Maßnahmenkatalog. In der Therapie stehen Akupunktur, Tuina und Arzneitherapie zu Auswahl. Der Kluft zwischen der modernen und der chinesischen Medizin ist enorm. Die Erfolge in der Praxis fordern von uns Ärzten einen Nachweis der Wirksamkeit sowie die Aufdeckung des Wirkmechanismus.

Quellen:

„TCM in SH Therapie“ Sun Tao, He Qinghu, China Verlag für chinesische Medizin, in Chinesisch 2010

„Lehrbuch der Tuina Therapie. Die traditionelle chinesische Massage“ von Meng A. 6. Unveränderte Auflage, 2014 Haug Verlag

„Meridiantafel“ 2. überarbeitete Auflage, von Meng A., Verlag Maudrich, Wien. 2007

„Clinical Guidelines of Chinese Medicine on Sub-health“, China Association of Chinese Medicine ZYYXH/T 2 - 2006, China Verlag für chinesische Medizin, in Chinesisch 2006

Korrespondenz:

Prof. Dr. Alexander Meng

Facharzt für Neurologie/Psychiatrie

Vizepräsident der Österr. Gesellschaft f. Akupunktur, Leiter des Ö. Arbeitskreises f. Tuinatherapie, Vice Chairman of Specialty Committee of TCM Psychology of WFCMS, Ehem. Leiter Schmerz/Akupunktur/TCM Ambulanz Neuro. Abt.KH Lainz / Wien

Frauenfelder Str.8, 1170 Wien, E-Mail: , Internet: www.meng.at

Abb 2: TCM-Reflextherapie: vereinfachte Diagnose nach der Wiener Schule

Alexander Meng, komplementärmedizin 4/2014

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