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Zungenrollen ist eine Übung in der Logopädie und Sprachtherapie. 80.000 Österreicher stottern.

 
Kinder- und Jugendheilkunde 28. Oktober 2016

Diagnose Stottern

Rund 80.000 Österreicher leiden unter Redefluss-Störung. Nicht wenige wenden eine Vermeidungsstrategie an, sie erklären nur das Notwendigste.

Es gibt keine Herausforderungen, nur Probleme, wenn man ein Stotterer ist. Die Umwelt weiß ja nicht, dass Stottern eine organisch bedingte Sprechbehinderung ist und nichts mit Dummheit, neurotischem Verhalten oder falscher Erziehung zu tun hat. Es gibt ca. 80.000 stotternde Männer und Frauen in Österreich. Rund um den Welttag des Stotterns kann man sich ruhig einmal die Zeit nehmen und das Gedicht von Christine Nöstlinger fehlerfrei aufsagen, es ist dem Gedichtband „Iba de gaunz oamen Leit“ (Residenz) entnommen. Und los ...

... Ist nicht so leicht, oder? Vielleicht haben sie sich ja ein paarmal verhaspelt, dann haben sie ein Gefühl dafür bekommen, wie sich die Welt für einen Stotterer anfühlt.

Er ist mit Sicherheit kein typischer Stotterer – der deutsche Politiker Malte Spitz. Spitz lacht laut, wenn er gefragt wird, ob er Deutschlands bekanntester Stotterer ist. „Ob ich das bin, weiß ich nicht, aber ich bin einer von denen, die offen darüber sprechen“, erklärt der Politiker von Bündnis 90 / Die Grünen. Gestottert hat er schon immer. „Es fing im Kindergarten an.“ Anfangs besuchte er noch Logopäden, später entschied er sich bewusst gegen weitere Therapien. Genügend Selbstbewusstsein spielt mit Sicherheit eine Rolle. Der Buchautor nahm sich vor, sich in seiner Lebensplanung auf keinen Fall einschränken zu lassen. Das ist ihm gelungen. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und hat in seiner Partei hohe Ämter errungen. Das sind die Erfolgsmodelle, weitere internationale prominente Beispiele sind: Bruce Willis, Sam Neill, John Updike, Marilyn Monroe, natürlich König George VI., Charles Darwin, Moses.

Typisch sind sie nicht. „Die größten Probleme sind bei Eltern, deren Kinder zu stottern beginnen, die Hilflosigkeit und Unwissenheit, die oft zu falschem Verhalten führt. In der Folge verstärkt sich das Stottern oder das Kind vermeidet das Sprechen.“ Das sagt Andrea Grubitsch von der Selbsthilfegruppe ÖSIS.

„Viele Betroffene vermeiden das Sprechen“, sagt Alexander Wolff von Gudenberg, Institutsleiter der Kasseler Stottertherapie und Facharzt für Allgemeinmedizin, Stimm- und Sprachstörungen. Aus Angst vor der Blamage würden sich viele Stotterer für eher non-verbale Berufe entscheiden. Der Tag des Stotterns an diesem Samstag soll auf das Problem aufmerksam machen.

Von Gudenberg, der selbst vom Patienten zum Therapeuten wurde, kennt das Problem: „Ich musste selbst viele Demütigungen einstecken“, erinnert er sich. In 25 Jahren hat er zwölf Therapien auf drei Kontinenten besucht. Inzwischen kommt er mit der Krankheit gut zurecht. Er braucht nur manchmal länger, um auf überraschende Fragen zu reagieren, wählt die Wörter bewusst und mit Bedacht.

Von Gudenberg selbst und Spitz gehören zu dem Typ, den von Gudenberg den „Ich will es allen zeigen“-Typus nennt. Traurig sei bei dem Krankheitsbild allerdings, dass Betroffene die Krankheit oft als „traumatisierend“ erlebten. „Die Krankheit kann zu anderen Problemen führen, in Extremfällen sogar zu Suizid-Neigung und Alkoholismus“, sagt von Gudenberg.

Beim Großteil der Betroffenen beginnt das Stottern im Vorschulalter, in sehr seltenen Fällen entwickelt es sich erst in der Pubertät oder im Erwachsenenalter. Stottern ist in seiner Erscheinungsform vielschichtig und vielfältig. Atmung und Stimmgebung verlaufen unkoordiniert, der natürliche Sprechrhythmus kommt aus dem Takt, oft kommen noch krampfähnliche Sprech- und Körpermitbewegungen dazu. Die Veranlagung tragen viele Menschen in sich, doch nicht bei jedem wird das Stottern zwangsläufig ausgelöst. Traumatische Erlebnisse in der Kindheit, beispielsweise die Scheidung der Eltern oder ein Unfall, sind nicht die Ursache des Stotterns, sondern meist Auslöser und begünstigen somit das Auftreten der neurologischen Erkrankung.

„Je eher die Krankheit behandelt wird, desto erfolgreicher ist die Therapie“, fasst von Gudenberg zusammen. Eine gute Therapie müsse langfristig erfolgreich sein, denn die Rückfallquote sei hoch. Hat sich das Stottern bis ins Erwachsenenalter nicht gegeben, bestehen nur geringe Aussichten auf vollständigen Rückgang.

Spiegel-Training

Für Polit-Routinier Spitz ist der Umgang mit der Krankheit einfach. „Der sinnvollste Schritt ist, sich nicht zu verstecken“, sagt er. Früher habe er wichtige Reden oft zwischen 20 und 40 mal geübt. Vor dem Spiegel, im Stehen, wann immer sich die Gelegenheit bot. „Ich habe wie ein Sportler trainiert.“ Inzwischen ist er routiniert und spricht flüssig. Nur manchmal holt er Luft oder stellt den Satz um. Spitz ärgert, dass die Krankheit noch oft ein Tabu sei. Selten werde er offen auf das Stottern angesprochen. Sein Wunsch für die Zukunft ist daher: „Ein normaler Umgang mit Stotterern.“

Hilfreich wäre es, wenn Medien Stotterern einen Platz einräumen würden. Beispielsweise als Sprecher in Nachrichtensendungen. Fazit: Stottern ist die häufigste Sprachstörung bei Erwachsenen und die zweithäufigste bei Kindern. Sprechen ist kompliziert. Alle beteiligten Muskeln müssen zeitlich und räumlich koordiniert werden, das gelingt nicht jedem.

Österreichische Selbsthilfe Initiative Stottern (ÖSIS), Innsbruck, T.: 0512584869, www.oesis.at

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