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Kinder- und Jugendheilkunde 1. September 2016

Überlegene Säuglingsnahrung

Fermentationsverfahren macht den Unterschied

Der Darm wird als eines der ersten Organe beim Föten angelegt. Bei der Geburt sind die einzelnen Darmabschnitte morphologisch bereits soweit ausgebildet, dass sie ihre Aufgaben erfüllen können. Jedoch erreichen Säure- und Enzymsekretion in den ersten Monaten nach der Geburt (autonom) bzw. infolge Anpassung (adaptiv) erst langsam ihre volle Aktivität. Mehr als die Hälfte aller Säuglinge leidet daher in den ersten Lebensmonaten unter funktionellen gastrotintestinalen Beschwerden. Pädiatrie & Pädologie hat zu diesem spannenden Thema mit dem Mediziner Dr. Christopher Mayr, Geschäftsführer von Milupa Österreich und Leiter des Nutricia-Forums für Muttermilchforschung, gesprochen.

pädiatrie & pädologie: Herr Dr. Mayr, die Nutricia Muttermilch-Forschung beschäftigt sich mit frühkindlicher Darmgesundheit. Warum?
Mayr: Der Darm ist ein faszinierendes Organ, dem bisher nicht gebührend Beachtung geschenkt wurde und dessen intensive Erforschung ein relativ junges Gebiet darstellt. Die physiologische Darmfunktion beschränkt sich also nicht nur auf das Verdauen und Resorbieren sondern wirkt sich auch auf grundlegende Aspekte des psychosozialen, körperlichen und seelischen Wohlbefindens aus.

Gibt es dafür ein kritisches Zeitfenster?
Die Phase zwischen der Empfängnis und etwa dem zweiten Geburtstag des Kindes wird als entscheidendes Zeitfenster für Wachstum und Entwicklung gesehen. In diesen für die spätere Gesundheit so wichtigen ersten 1000 Tagen muss der Körper erst lernen zu verdauen. Auch wenn der Darm bei der Geburt vollständig ausgebildet ist, bleibt er funktionell und immunologisch noch unreif. Verschiedene Bestandteile des Verdauungssystems des Säuglings müssen sich erst zur vollen Reife entwickeln. Das gilt für Darmmikrobiota, mukosale Barriere, intestinale Motilität und Verdauungsenzyme.

Was sind mögliche Folgen dieser Unreife?
Das für die Proteinverdauung nötige Pepsin im Magen erreicht z. B. rund um den ersten Geburtstag seine volle Aktivität. Gleiches gilt für die Amylase der Bauchspeicheldrüse. Diese eingeschränkte Enzymaktivität bedingt im ersten Lebensjahr mitunter Probleme bei Kohlenhydrat- und Proteinverdauung, was zu gastrointestinalen Störungen (FGIDs = functional gastrointestinal disorders) führen kann.

Welche Faktoren beeinflussen die Darmgesundheit beim Säugling?
Es steht außer Zweifel, dass die frühkindliche Ernährung – von der vorgeburtlichen Ernährung in utero über die Milchphase bis zur Einführung von Beikost und schließlich fester Nahrung – eine Schlüsselrolle spielt. Muttermilch scheint das Ausreifen des Darms zu fördern. Sie begünstigt Verdauung und Absorption und hat einen Einfluss auf die Mikrobiota sowie auf das Immunsystem. Gestillte Säuglinge haben hier also einen weiteren Vorteil gegenüber nicht-gestillten.

An welchen neuen Konzepten von Säuglingsnahrung wird daher aktuell geforscht?
Wir wissen heute, dass mehr als 50 % aller Säuglinge unter sechs Monaten ernährungsbedingte Verdauungsbeschwerden haben. Ein Grund dafür ist, dass unverdaute Lactose und unverdautes Protein zu Gasbildung, aufgeblähtem Bauch und Bauchschmerzen führen können. Selbst wenn dies in den allermeisten Fällen nicht pathologisch ist und keiner Intervention bedarf, sind Babys wie auch Eltern in ihrem Wohlbefinden oft massiv beeinträchtigt. Ein bewährtes Konzept zur Verminderung von häufigen gastrointestinalen Symptomen sind prebiotische Ballaststoffe (scGOS/lcFOS 9:1). Gänzlich neu in Deutschland und Österreich ist der Ansatz, Säuglingsnahrung zusätzlich zu fermentieren.

Saeuglingsnahrung2

Lactase zur Unterstützung der Lactose-Verdauung und leichter verdauliches intaktes Protein führen zur Verminderung von häufigen gastro-intestinalen Symptomen

Wie kann man sich die Fermentation genauer vorstellen?
Nach dem natürlichen Prinzip der Joghurt-Herstellung wird die Milchnahrung mit ausgewählten Milchsäurebakterien, nämlich B. breve und S. thermophilus versetzt. Diese bilden aktive Lactase, welche wiederum im Darm bei der Verdauung von Lactose unterstützend wirkt. Ein weiterer Benefit der Fermentation liegt darin, dass Milchsäure gebildet wird und der pHWert dadurch sinkt. Es konnte gezeigt werden, dass die Protein-Verdauung dieser fermentierten Säuglingsnahrung deutlich besser funktioniert als bei einer nicht-fermentierten Nahrung. Einen erstaunlichen Nebeneffekt konnte man auch im Tiermodell beobachten: Sowohl Calcium als auch Magnesium werden effizienter resorbiert als bei nicht-fermentierter Nahrung. Auch dies könnte einen positiven Effekt auf die Verdauung nach sich ziehen, da sich weniger verdauungshemmende Kalkseifen im Dickdarm bilden. Verstopfung könnte so möglicherweise entgegengewirkt werden.

Wodurch unterscheidet sich dieses von probiotischen Konzepten?
Am Ende des Fermentationsprozesses sind durch das Erhitzen im Zuge der Sprühtrocknung keine lebenden Milchsäurebakterien übrig. Sehr wohl aber bleibt die entstandene Lactase erhalten und bewirkt die erwünschte Verminderung von gastrointestinalen Symptomen. Das belegen auch prospektive Studien dazu.

Welche Studienergebnisse gibt es bereits und was darf man sich noch erwarten?
In einer ersten Studie haben wir die Verträglichkeit des neuen Säuglingsmilchkonzeptes erfolgreich getestet. In einem nächsten Schritt wollen wir herausfinden, ob auch Häufigkeit und Schwere gastrointestinaler Symptome und damit verbundenes Unwohlsein sowie die Stuhlkonsistenz und -frequenz verbessert werden können. Erste positive Hinweise gibt es bereits: 300 Eltern führten vier Monate lang ein Rome-III Symptom-Tagebuch. Sie dokumentierten Schrei- und Schlafzeiten, Stuhlkonsistenz und -frequenz, Wachstum, Entwicklung und Lebensqualität des Kindes. Die Kinder wurden drei Gruppen zugeteilt und erhielten entweder 30 % der fermentierten, prebiotischen Formula, ein Kontrollprodukt ohne Ferment und GOS/FOS bzw. wurden voll gestillt. Nach vier Wochen glichen die beiden Stuhlparameter Frequenz und Konsistenz bei den gestillten Kindern fast zu 100 % den Kindern der Verumgruppe. Am Ende des Tages zählt für alle Eltern, ob die Lebensqualität ihres Babys positiv beeinflusst wird. Wir sind zuversichtlich, durch eine verbesserte Verdauung zum Wohlbefinden vieler Kinder beitragen zu können.

Herr Dr. Mayr, wir bedanken uns für das informative Gespräch!

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