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Kinder- und Jugendheilkunde 9. September 2014

Wenn Essen krank macht

Diagnose und Therapie gehören in die Hände des spezialisierten Arztes

Warum machen manche Lebensmittel, die für den einen Menschen durchaus verträglich sind, andere krank? Wird Essen zum Gesundheitsrisiko, und ist dessen scheinbar zunehmende Unverträglichkeit ein Preis unseres Lebensstils? Nicht immer steckt eine Allergie hinter den Beschwerden. Häufiger sind es Intoleranzen z.B. gegen Histamin, Frucht- oder Milchzucker, die Probleme machen. Die exakte Diagnose zu stellen, ist schwierig, aber äußerst wichtig, denn Nahrungsmittel-Allergien bergen die Gefahr eines allergischen Schocks, der binnen Minuten zur tödlichen Bedrohung werden kann. Betroffene sollten daher ausschließlich auf allergologisch ausgebildete Ärzte vertrauen, um keine falschen Diagnosen und auch keine falschen Empfehlungen zu riskieren.

Aufgrund des Trends zu gesunder Ernährung und einer damit verbundenen gesteigerten Selbstbeobachtung stellen immer mehr Menschen fest, dass sie gewisse Lebensmittel schlecht vertragen. Sie fürchten sodann, an einer Allergie zu leiden; doch nicht alles, was Symptome verursacht, ist auch eine Allergie. Untersuchungen, wie aktuell eine Analyse von über 50 europäischen Studien, zeigen: „17 Prozent der Menschen berichteten über nahrungsmittelbedingte Beschwerden. Tatsächlich konnte die Allergie in nur 1-3 Prozent der Fälle bestätigt werden“, zitiert Univ.-Prof. Dr. Anita Rieder (Abb. 1), Leiterin des Instituts für Sozialmedizin und des Zentrums für Public Health der Medizinischen Universität Wien. „Obwohl man immer wieder von einer Zunahme an Nahrungsmittel-Allergien hört und liest – die Zahl an Neuerkrankungen bleibt europaweit stabil; allerdings scheint die Häufigkeit insgesamt zuzunehmen. Eine wahrscheinliche Erklärung dafür ist, dass sich in den letzten Jahren die diagnostischen Möglichkeiten deutlich weiterentwickelt haben.“

Allergie & Intoleranz

Allergien können leicht mit den deutlich häufigeren Intoleranzen gegen z.B. Histamin, Frucht- oder Milchzucker verwechselt werden. „Eine Intoleranz wird meist durch einen Enzymmangel verursacht, wodurch Nahrungsmittel-Bestandteile nicht abgebaut werden können. Sie sind zwar unangenehm, werden aber in der Regel nicht zu einer ernsten Bedrohung“, beschreibt die Wiener Hautärztin Dr. Nadine Mothes- Luksch (Abb. 2). „Bei einer Nahrungsmittel-Allergie hingegen kommt es zu einer Überreaktion des Immunsystems. Bereits kleinste Mengen reichen, um Reaktionen wie starker Juckreiz, Rötungen und Nesselausschlag am ganzen Körper, Übelkeit und Erbrechen, Bauchschmerzen und Durchfall auszulösen. Im Extremfall kommt es zu einem allergischen Schock.“ Ohne sofortige Notfallbehandlung kann der Allergieschock zum Tod führen. Mothes-Luksch empfiehlt daher eindringlich: „Betroffene sollten immer Adrenalin, das in handlichen Autoinjektoren zur einfachen Selbstinjektion zur Verfügung steht, bei sich tragen!“ Eine andere Form der allergischen Reaktion ist die Kreuzallergie. Sie tritt meist als Folge einer Pollenallergie auf, zeigt eher milde klinische Verläufe und ist nur selten Auslöser eines allergischen Schocks. Das Risiko für diese Kreuzreaktion liegt bei 55 Prozent.

Diagnose verlangt Spezialwissen

Die einzige therapeutische Möglichkeit ist, das unverträgliche Nahrungsmittel vom Speiseplan zu streichen. Dazu muss man genau wissen, was das Immunsystem derart ins Schleudern bringt. „Die Diagnose einer Nahrungsmittel-Allergie ist meist kompliziert und erfordert spezifisches Wissen. Betroffene sollten daher ausschließlich auf den allergologisch geschulten Facharzt vertrauen“, rät Mothes- Luksch. Am Beginn der Allergie-Diagnose steht immer das ausführliche Gespräch, das Aufschluss über die genaue Krankengeschichte, Symptome, Lebensumstände und Ernährungsgewohnheiten des Patienten gibt. Danach folgt meist ein Hauttest, bei dem Allergenextrakte oder das verdächtige Nahrungsmittel selbst oberflächlich in die Haut geritzt werden. Nächster Schritt ist ein Bluttest (bei Kindern startet man häufig gleich damit). Mit der Entwicklung der molekularen Allergiediagnostik wurden diese Tests in den letzten Jahren sehr genau. Es ist nun z.B. schon möglich, nicht nur der Allergie-Auslöser als Ganzes, sondern auch dessen einzelne Eiweiß-Bestandteile zu identifizieren. Seit kurzem gibt es mit dem Allergenchip auch die Möglichkeit, mit nur ein paar Tropfen Blutserum eine Testung gegen mehr als 100 Allergenkomponenten durchzuführen. Passen nun Symptome und Testergebnis zusammen, kann eine Diagnose gestellt werden. Bei einer Typ-I- Allergie gegen ein Nahrungsmittel werden strikte Meidung, das Ausstellen eines Allergiepasses und die Verschreibung von Notfall-Medikamenten empfohlen. Bestehen noch Zweifel, schafft ein Provokationstest letzte Gewissheit.

Lebensqualität leidet

Da bereits Spuren des Allergens fatale Folgen haben können, sind Allergiker (bzw. Eltern allergischer Kinder) tagtäglich damit konfrontiert auf Spurensuche zu gehen. So wird jeder Einkauf, ein Restaurantbesuch, die Auswahl am Schulbuffet etc. zur Herausforderung. Das und die Angst vor einer schweren allergischen Reaktion schränken die Lebensqualität von Betroffenen stark ein. Eine Ernährungsberatung durch geschulte Diätologen ist eine wichtige und wertvolle Unterstützung.

Lebensmittelkennzeichnung

Der Gesetzgeber reagiert auf das hohe Gefahrenpotenzial: Mit neuen Kennzeichnungsvorschriften von Lebensmitteln will er Allergiker noch besser schützen. Schon vor ein paar Jahren wurde die Kennzeichnungspflicht bestimmter Zutaten auf verpackten Lebensmitteln eingeführt. „Die 14 wichtigsten Produktgruppen, die für den Großteil aller Allergien verantwortlich sind, müssen auf verpackten Lebensmitteln angegeben sein“, informiert Univ.-Doz. Dr. Ingrid Kiefer (Abb. 3) von der AGES, der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH. Die neue EU-Vorschrift will nun die Zusammensetzung eines Lebensmittels für Konsumenten noch transparenter machen. Kiefer: „Sie besagt unter anderem, dass Stoffe, die Allergien auslösen können, besonders hervorgehoben werden müssen. Das gilt ab Dezember des heurigen Jahres auch für lose Waren.“ In Begutachtung ist derzeit noch, wie Restaurants ihre Gäste über allergieauslösende Stoffe informieren müssen.

Neue europäische Leitlinie

17 Millionen Nahrungsmittel-Allergiker in Europa sind auch für die europäische Allergie-Fachgesellschaft EAACI (European Academy of Allergy and Clinical Immunology) Anlass zum Handeln. Der bedeutende Allergieverband hat sich in den letzten Jahren verstärkt dieses Themas angenommen. „Behandelnde Ärzte werden über den aktuellsten Stand des allergologischen Wissens informiert und Aufklärungskampagnen sorgen dafür, dass Betroffene sowie die Gesundheitspolitik diese gefährliche Form der Allergie entsprechend wahr und ernst nehmen“, informiert Assoc. Prof. Dr. Karin Hoffmann- Sommergruber vom Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung der Medizinischen Universität Wien und im Board der Interest Group „food allergy“ der EAACI. Brandneu und topaktuell sind Guidelines, die für Ärzte und alle sonstigen Berufsgruppen, die zu diesem Thema arbeiten und Patienten betreuen, eine äußerst wertvolle Hilfestellung und Richtschnur in der täglichen Praxis darstellen werden: „Im Rahmen des großen EAACI-Kongresses im Juni wird diese erste Leitlinie für die Diagnose, das Management und die Vorbeugung von Nahrungsmittel- Allergien sowie Anaphylaxien präsentiert. Die Empfehlungen stellen einen Konsens der führenden Experten in Europa dar und basieren auf einer Analyse aus 109 wissenschaftlichen Artikeln sowie 75 Studien – beinhalten also das derzeitige Wissen und Verständnis zu dieser komplexen Thematik.“ 

Quelle: Pressegespräch „Nahrungsmittel-Allergie: Gefahr aus dem Kochtopf“, 6. Mai 201, Wien 

Linktipp: www.allergenvermeidung.org – Unabhängige Informationsplattform für Allergiker 

Literatur 1 Nwaru BI et al. Allergy 2013;DOI: 10.1111/ all.12305

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