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Ideal ist es, wenn eine nahe stehende Person Kindern Geschichten erzählt oder vorliest.

 Kerbl

Univ.-Prof. Dr. Reinhold Kerbl

© MAM Babyartikel GmbH/
APA-Fotoservice/Vogl

© Ubald Trnkoczy

Folke Tegetthoff

 
Kinder- und Jugendheilkunde 4. Oktober 2013

Geschichten vorlesen – Geschichten erzählen

„Jeder braucht Geschichten, weil sie es sind, mit deren Hilfe uns dieses völlig rätselhafte und unerklärliche Leben erklärt wird".

Kinder und Jugendliche von heute sind Meister der Kommunikation: Die meisten haben ein Handy, sie wissen, mit einem PC umzugehen, manche haben sogar einen eigenen PC; Social Media sind fest in den Händen von Kindern und Jugendlichen. – Können wir unsere "Kids" für das Hören von Geschichten bzw. für das Vorlesen und Erzählen begeistern?

Zuerst der Geschichtenerzähler ...


Pädiatrie & Pädologie: Herr Tegetthoff, Sie befassen sich damit, Geschichten zu erzählen. Welchen Stellenwert hat diese Form der Kommunikation heute?

Tegetthoff: Die Frage ist so gestellt, dass sie eine Antwort schon erahnen lässt: Das HEUTE ist falsch, weil ERZÄHLEN immer, und zwar seit Zehntausenden von Jahren, den gleichen Stellenwert hatte. Denn „Erzählen" bedeutet nichts anderes, als in seine Rede Persönliches einfließen zu lassen, im wahrsten Sinn des Wortes „Etwas von sich geben". ALLES, jede Form von Kommunikation ist auf das Erzählen einer Geschichte aufgebaut, und wir tun es auch ohne Unterbrechung und unaufhörlich - und zwar in jedem Bereich unseres Lebens! Wenn ich auf der Bühne erzähle, so ist dies nichts anderes als die Befriedigung einer Ursehnsucht: Zu hören und zu fühlen, was ein anderer zu sagen hat. Was ich tue, ist nichts anderes als ein Spiegelbild unseres Alltags: Einer erzählt, der andere hört zu. Und im nächsten Augenblick wechseln die Seiten.

An welches Publikum wenden sich Ihre Geschichten?

Tegetthoff: Meine Arbeit, das ist sicherlich das Außergewöhnliche daran, richtet sich an ALLE, und ich bin der lebendige Beweis für das, was ich oben bereits geschrieben habe: Ich beginne in der Volksschule und war an den wichtigsten Universitäten in der ganzen Welt. Ich stehe in einer Autowerkstätte nach Dienstschluss und vor mir, mitten zwischen den Hebebühnen, sitzen Mechaniker, Spengler, Lackierer. Und am nächsten Tag erzähle ich vor 100 Professoren an der Technischen Universität, Chemiker, Physiker, Architekten. Ich habe vor kurzem eine Serie in Krankenhäusern gemacht, wo von der Putzfrau bis zum Primar die Menschen vor mir gesessen sind.

Was ist eine Geschichte?

Tegetthoff: Alles ist eine Geschichte! Alles, was aus dem schwarzen Sack der Gewohnheit gerissen wird und dem wir Achtung und Aufmerksamkeit schenken, also alles, was wir wahrzunehmen bereit sind!

Was möchten Sie mit dem Erzählen bewirken?

Tegetthoff: Jedes Erzählen kennt nur ein Ziel: Das Gegenüber, wer immer es auch ist, zum Zuhören zu bringen! Es geht nicht um den Akt des Erzählens, es geht um das Zuhören! Etwas, das in unserer Gesellschaft und unserer Zeit leider völlig in den Hintergrund gedrängt ist: Da steht der Sprechende immer im Vordergrund, außer Acht lassend, dass jede Rede völlig umsonst, null und nichtig ist, wenn niemand da ist, der dieser Rede zuhört.

Können Menschen heute zuhören – war es früher anders?

Tegetthoff: Die stetig steigende Unfähigkeit zuzuhören - und zwar in JEDEM Bereich unseres Lebens - ist zu einem der größten Probleme unserer Zeit geworden! Wir stehen damit am (vorläufigen) Ende einer vor rund 500 Jahre begonnenen Entwicklung, die uns von einer akustischen zu einer völlig übervisualisierten Welt gebracht hat. Diese Unfähigkeit des Zuhören-Könnens hat sehr viele Ursachen: Angefangen vom Informationstsunami, bis dazu, dass es Ausdruck unseres Egoismus ist, von der völligen Unterbewertung unseres Hörsinns (und gleichzeitiger Überbewertung unseres Sehsinns) bis zum Faktor ZEIT - das ist nämlich die Grundvoraussetzung, um einander zuhören zu können!

Sind Kinder und Jugendliche die besseren Zuhörer?

Tegetthoff: Kinder sind sich der Sehnsucht danach mehr und intensiver bewusst und können dies auch direkter einfordern. Ich würde es also nicht „besser" nennen, denn jeder hat eine Sehnsucht nach Zuhören, es wird uns nur unglaublich schwer gemacht, diese Sehnsucht zu stillen, weil die Welt so unfassbar laut geworden ist.

Brauchen Kinder und Jugendliche Geschichten?

Tegetthoff: Jeder braucht Geschichten, weil sie es sind, mit deren Hilfe uns dieses völlig rätselhafte und unerklärliche Leben erklärt wird: Die Bibel, der Talmud, der Koran, das Tao sind eine Sammlung von Geschichten! Angesichts dieser Überlegung klingt die Frage geradezu absurd. Und was sind die Millionen von Youtube Videos denn anderes, als visuell aufbereitete Geschichten? Aber die direkteste Form ist immer noch die erzählte. Der Dalai Lama sagt „Der Planet braucht keine erfolgreichen Menschen mehr.... Der Planet braucht dringend Friedensstifter, Heiler, Erneuerer, Geschichtenerzähler und Liebende aller Arten!"

Welche Art der Zusammenarbeit können Sie sich mit Kinderärzten vorstellen?

Tegetthoff: Wir wollen eine groß angelegte, österreichweite Initiative starten, um Eltern davon zu überzeugen, wie wichtig der Akt des Vorlesens und Erzählens für die Gesamtentwicklung des Kindes ist; eine Tatsache, die völlig negiert wird und auf die Kinderärzte schon lange und immer wieder hinweisen, wenn sie Eltern erklären, wie wichtig es ist, bereits ab der Geburt mit dem Kind zu kommunizieren - in welcher Form auch immer.

... und dann der Kinderarzt


Herr Prof. Dr. Reinhold Kerbl, was sagt der Kinder- und Jugendarzt - kann man Kids von heute mit Geschichten erreichen?

Kerbl: Das Geschichtenerzählen hat eine uralte Tradition, wobei in der Antike das Geschichtenerzählen durchaus auch unter Erwachsenen seinen Platz hatte. Für Kinder (und hier sage ich bewusst „Kinder“ statt „Kids“) haben gute Geschichten nichts an Attraktivität verloren.

Welche Personen sollten idealerweise Geschichten vorlesen oder erzählen?

Kerbl:  Grundsätzlich kann jede(r) den Kindern Geschichten erzählen oder vorlesen. Ideal ist es natürlich, wenn eine nahe Beziehung zwischen Geschichtenerzähler und Zuhörer besteht, weil dies die Beziehung und das Naheverhältnis weiter stärkt. Dies ist in einer Zeit, in der Eltern leider oft sehr wenig Zeit haben für ihre Kinder, besonders wichtig.
Aus der Geschichte heraus können sich Fragen oder eine „Diskussion“ entwickeln. Diese zu führen ist wieder fördernd für die gesunde soziale Entwicklung von Kindern.

Welche Wirkungen hat das Geschichtenerzählen auf Kinder?

Kerbl: Neben der angesprochenen Stärkung von Beziehung und Vertrauen zum „Erzähler“ fördern gute Geschichten auch die Fantasie und damit die Ideenvielfalt. Und sie tragen natürlich auch zum Erlernen und verlässlichen Verwenden der eigenen Sprache bei. Auf diese Weise begegnet man auch der „Sprachlosigkeit“ von Kindern und Jugendlichen, mit der wir uns im Zeitalter der (sogenannten) sozialen Netzwerke leider immer öfter konfrontiert sehen.

Hat das Geschichtenerzählen auch eine Wirkung auf den Erzähler?

Kerbl: Ich denke schon. Auch der Erzähler profitiert von dieser gemeinsam mit seinem Kind verbrachten Zeit. Er/sie hat die Chance ein paar „ruhige Minuten“ mit dem Kind zu verbringen, dieses – z.B. auch aus den sich ergebenden Fragen – näher kennenzulernen, und so das Kind auch besser zu verstehen.

Was kann der Kinderarzt dazu tun, um das Geschichtenerzählen wieder in die Familien zu bringen?

Kerbl: Wir planen im Augenblick ein Projekt, in dem der Kinderarzt die Eltern zum Geschichtenerzählen und –vorlesen ermuntert. Indem er den Eltern aufzeigt, dass dies ein Beitrag zur sozialen Stärkung und intellektuellen Entwicklung des Kindes ist. Und indem er den Eltern Geschichten „schenkt“.

Bitte umreißen Sie das neue Projekt, das Sie gemeinsam mit Herrn Tegetthoff auf die Beine stellen möchten.

Kerbl: In unserem Projekt ist geplant, dass die Kinderärzte den Kindern beim Arztbesuch Wertkarten schenken. Mit diesen Wertkarten können die Eltern zuhause oder auch am Tablet PC Geschichten herunterladen, die sie dann ihren Kindern vorlesen können. Wobei das System erlaubt, die Geschichten auf das Alter und die zur Verfügung stehende Zeit abzustimmen. Denn auch eine 2-Minuten-Geschichte ist besser als gar keine!

Das Gespräch führte R. Höhl

Informationen: www.tegetthoff.at , www.docs4you.at

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