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Am seilernen Faden

Evidenzbasierter Algorithmus zur Unfallprävention und Kameradenrettung aus medizinischer Sicht.

Am Medienecho rund um die Evakuierung eines Forschers aus einer Höhle in Bayern ist erkennbar, wie stark uns Rettungsaktionen im alpinen Bereich faszinieren. Es war ein Mix aus Mut und Heilkunst, der unter widrigsten Bedingungen ein Wunder ermöglichte. Die Bergungen dieser Art sind auch deshalb möglich, weil die Analyse von Gletscherstürzen der letzten Jahre in einen Algorithmus gegossen wurde.

Ziel des Artikels „Der winterliche Sturz in Gletscherspalten“ (siehe Quelle am Ende des Artikels) war es, Fallberichte auszuwerten sowie medizinische Daten zur Identifikation von morbiditätsreduzierenden Faktoren bei Spaltenstürzen zu interpretieren und Empfehlungen abzuleiten. Als theoretische Optionen haben die Autoren angenommen, dass die Freiheitsgrade 1 bis 4 jeweils mit ja oder nein beantwortet werden können:

1. am Seil: ja/nein,

2. verletzt: ja/nein,

3. Kameraden-/behelfsmäßig rettungsmögliche Situation (Trauma, Umgebung, Auffindbarkeit): ja/nein,

4. Selbstaufstieg möglich: ja/nein

Der Freiheitsgrad 3 umfasst die Möglichkeit, dass der Gestürzte eingeklemmt ist, keine geeigneten Rettungsmittel zur Verfügung stehen bzw. diese nicht angewendet werden können, dass Traumata eine behelfsmäßige Rettung ausschließen oder dass der Gestürzte z. B. im Schnee nicht auffindbar ist. Sie umfasst auch die Variante eines kompletten Seilschaftsabsturzes, bei der keiner der Verunfallten in der Lage ist, aufzusteigen und die Rettung initial zu beginnen. Aus den Freiheitsgraden 1 bis 4 ergeben sich 24=16 Permutationen, die bei der Erstellung des Algorithmus auf in der Praxis „sinnvolle“ Unfallszenarien geprüft wurden. Die Szenarien I. bis IV. seien stellvertretend genannt.

I. Partner seilfrei in Spalte gestürzt, Kontakt ist möglich (z. B. Fraktur), Selbstaufstieg nicht möglich, hinabgelassenes Seil kann selbstständig eingehängt werden.

II. Partner seilfrei in Spalte, von Schneebrücke verschüttet, akut Asphyxie bedroht, nicht eingeklemmt.

III. Partner am Seil in Spalte gestürzt, Sturz konnte vom Seilpartner bzw. Seilknoten gehalten werden, der Verunglückte ist unverletzt.

IV. Partner seilfrei oder am Seil in Spalte gestürzt; etwa eine Beckenfraktur oder ein Schädelhirn-Trauma mit Somnolenz macht medizinische Hilfe notwendig, behelfsmäßige Rettung jedoch unmöglich.

Die Anzahl der auswertbaren Publikationen zu Spaltenstürzen ist mit vier relativ gering, dennoch repräsentieren diese gut 600 Sturzereignisse. Die mittlere Sturzhöhe aller ausgewerteten Stürze lag bei 16 Meter. Etwa 70 Prozent der Verunfallten weisen keine lebensbedrohlichen Verletzungsmuster gemäß des NACA-Schemas und ISS auf. Nur rund 15 Prozent der Spaltenstürze führen zu potenziell bzw. akut lebensgefährlichen Verletzungen (NACA 4/5) bzw. zu einem Herz-Kreislauf-Stillstand (NACA 6), die verbleibenden 15 Prozent enden letal (NACA 7). Häufige Verletzungen sind neben Thorax- insbesondere Kopf-/Schädelverletzungen. Circa 53 Prozent aller letalen Unfälle sind Asphyxie-bedingt.

Bedeutsam ist der Vergleich zwischen Gletscher- und Lawinenunfall. In beiden Fällen spielen bei den letalen Ursachen Asphyxie und Trauma eine wesentliche Rolle. Bei Lawinenunglücken sehr gut untersucht ist inzwischen der Verlauf der Überlebenswahrscheinlichkeit vs. der Verschüttungsdauer. Die Lawinenforschung unterscheidet mehrere Phasen der Letalität, beginnend mit der Überlebensphase und der folgenden Asphyxiephase. Innerhalb dieser sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit von 80–90 Prozent für die ersten 10–18 Minuten auf 0–25 Prozent nach 20–35 Minuten. Der dramatische asphyxiebedingte Einbruch in der Überlebenswahrscheinlichkeit stellt die Indikation zur schnellen Kameradenrettung.

Der winterliche Spaltensturz

Letale winterliche Gletscherspaltenunglücke sind durch Verschüttung im Schnee zu 75 Prozent asphyxiebedingt. Für sich betrachtet ist diese Ursache somit bereits traumabereinigt. Variationen in der Schneedichte sind auch bei Verschüttung im Rahmen des Spaltensturzes zu erwarten. Es erscheint konsequent, dass beim Ersticken von Schneebrücken, von einer vergleichbaren Situation in der Asphyxiephase auszugehen ist wie bei Lawinenunglücken mit unterschiedlicher Schneebeschaffenheit. Unbenommen ist die enorme Bandbreite der Überlebenskurven von 10 auf 18 Minuten als „initiales Fenster“ (Überlebensphase) für eine Kameradenrettung, ebenso wie die unterschiedlich hohe Wahrscheinlichkeit von 0 bzw. 25 Prozent, die Asphyxiephase zu überleben. Beides ist Gegenstand der Lawinenforschung. Für die Indikation zur schnellen Kameradenrettung ist dies unerheblich, denn selbst in rettungsseitig gut erschlossenem Gelände dauert das Eintreffen der Rettungsmannschaften ca. 17 (±7) Minuten.

Algorithmus zur Rettung

In Summe können 70 Prozent aller Spaltenstürze nicht ohne professionelle Rettung gelöst werden, obwohl bei 92 Prozent aller Rettungen kein schweres Gerät notwendig ist. Mangelnde Kenntnisse in der Anwendbarkeit bzw. fehlendes Beherrschen der Eigen- und Kameradenrettungstechnik, ein fehlender Seilstrang sowie ein Seilschaftsabsturz könnten Gründe für die hohe Anzahl der Gestürzten sein, die auf professionelle Rettung angewiesen sind.

Das Verhalten bei Eintreten des Unfalls lässt sich in drei Phasen untergliedern:

• Stabilisierung, um einer Verschlechterung entgegenzuwirken.

• Vorbereitung der Rettung inkl. Alarmierung und Kontaktaufnahme

• Die eigentliche Rettung.

Es werden zwei Handlungsstränge unterschieden: die Kameradenrettung und die Selbstrettung. Erstere ist zeitkritisch, komplex und bedarf der intensiven Übung. Zum Stabilisieren der Situation sollte, sofern Retter und Gestürzter am Seil verbunden sind, ein provisorischer Anker nach Standardmethoden errichtet werden. Hervorzuheben ist darüber hinaus die Verwendung einer Kombination aus Halbmastwurfsicherung und Blockierungs- bzw. Bergrettungsknotens, nur damit lässt sich später für einen einzelnen Retter ein Lastübertrag auf die finale Verankerung erreichen.

Nach Absetzen des Notrufs setzen weitere Rettungsschritte das Errichten eines finalen Standplatzes voraus. Die Markierung des Unfallareals ist vor dem Abseilen wichtig, ansonsten ist dieses vom Helikopter aus kaum auszumachen. Es folgen der seilgesicherte Gang bzw. das von Eisrettungen bekannte Kriechen zur Spalte und Kontaktaufnahme mit dem Gestürzten. Kann dieser nach Absprache selbst aufzusteigen, geschieht dies am gespannten bzw. abgelassenen Seil idealerweise mittels Rollen und Rollen-Rücklaufsperren. Diese Technik erfolgt alleinig mithilfe der oberen Extremitäten und bietet sich aus mechanischer Effizienz und insbesondere aufgrund der Frakturhäufigkeit der unteren Extremitäten von ca. 20 Prozent an. Ist der Gestürzte hierzu nicht in Lage und die Situation erlaubt eine Rettung von oben, erfolgt die Evakuierung mit Standardrettungs- bzw. Flaschenzugmethoden.

Kann mit dem Gestürzten am Spaltenrand kein Kontakt hergestellt werden bzw. ist dieser bei Kontakt nicht in der Lage, selbst aufzusteigen, folgt das Abseilen des Retters in die Spalte am Einzelseilstrang. Sind weitere Seilschaftsmitglieder vorhanden, bleiben diese an der Oberfläche. Jegliches Abseilen setzt bei entsprechender Seildehnung neben der persönlichen Überwindung auch die Kenntnisse wirksamer Brems-, Abstiegs- und Aufstiegsmethoden voraus und muss situativ unter Berücksichtigung des Eigenschutzes abgewogen werden. Dem Spaltenrand sollte man sich vorsichtig und gesichert, ggf. flach auf dem Bauch robbend, nähern.

Suche und Eigensicherung

Um später den eigenen Aufstieg sowie die Rettung zu erleichtern, sollte ein etwaiges Freipräparieren der überwechteten Spaltenlippe vorsichtig unter Beachtung eines Sicherheitsabstands zu Seil und dem Gestürzten erfolgen. Nach Abseilen des Retters werden elementare stabilisierende medizinische Maßnahmen (z. B. Airway-Management, CPR, Traumatastabilisierung) durchgeführt. Gelingt das Auffinden des Gestürzten in einer unter Eigenschutz vertretbaren Zeit bzw. räumlichen Suche nicht, steigt der Retter wieder auf. Ist nach elementaren medizinischen Maßnahmen eine behelfsmäßige Rettung bzw. Kameradenrettung aufgrund der Traumata oder der Situation (z. B. eingeklemmt) nicht möglich, steigt der Retter, sofern er alleine ist (Zweierseilschaft), aus Eigensicherungsgründen ebenfalls aus der Spalte. Sind weitere Retter außerhalb der Spalte vorhanden und eine Versorgung unter Abwägung der objektiven Gefährdung des Retters sinnvoll, so sollte dieser situativ geeignete medizinische Maßnahmen bis zum Eintreffen der organisierten Rettung fortführen.

Sofern der Gestürzte nach Versorgung oder Kontaktaufnahme selbst in der Lage ist aufzusteigen, ist dies der Rettung mit Flaschenzug aufgrund geringerer Ankerbelastung und Einfachheit vorzuziehen. Kann der Gestürzte dies nicht bewerkstelligen, erfolgt nach Aufsteigen des Retters, falls die Verletzungen, insbesondere die Thorax-, Wirbelsäulen- und Beckentraumata und die Sturzsituation es zulassen, die Kameradenrettung von der Oberfläche aus mittels Standard-Aufzugsmethoden. Dazu seien als mechanisch überlegene improvisierte Rettungstechniken, welche auch für einzelne Retter erfolgsversprechend durchführbar sind, auf den Schweizer Flaschenzug und dessen französische Modifikation, den Mouflage Mariner Double, verwiesen.

Der Artikel basiert auf der Veröffentlichung „Der winterliche Sturz in Gletscherspalten“ von Dr. Susanne Weber-Endress in der Zeitschrift Notfall + Rettungsmedizin 2/2014 (http://bit.ly/wintersturz) © Springer Verlag

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