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Pulmologie 23. Mai 2014

Unzufrieden, aber nicht um Ausreden verlegen

Angebote und nicht Verbote sollen den Ausstieg aus der Nikotinabhängigkeit erleichtern. Ein neues Springer-Buch zeigt, wie das gehen könnte.

Die Erfahrungen von Tausenden Beratungen im Nikotininstitut Wien finden sich nun in einem praxisbezogenen und auch unterhaltsamen Buch unter dem Titel „Rauchfrei in 5 Wochen“. Wichtige Erkenntnis: Der erste Schritt ist der halbe Erfolg. Und: Auf jede Ausrede gibt es eine passende Antwort.

Die wirksamste Maßnahme Rauchern – und auch potenziellen Rauchern – ihre Sucht zu verleiden ist der Preis. Das aber ist Sache der Politik, die vor wirksamen Maßnahmen dieser Art eher zurückschreckt. „Auch wenn wir in der Suchtprävention anscheinend versagen, in der medizinischen Therapie spielen wir in der ersten Liga“, stellt Sozialmediziner Prof. Dr. Michael Kunze fest.

Rauchen ist schädlich, teuer und hinterlässt geruchsintensive Verbraucher. All dies ist bekannt und viele Raucher geben es offen zu, an ihrem Vergnügen zu leiden. Und doch rücken sie nur wenige Augenblicke nach diesem Zugeständnis die Vorteile des Rauchens in den Fokus, etwa als Form der ritualisierten Stressverarbeitung, oder als elegante Kommunikationschance. Raucher sind, so hört man dann, besser vernetzt als andere Mitarbeiter einer Firma. Will man wissen, was innerhalb eines Betriebes passiert, so wende man sich bitteschön an einen Raucher.

Eigentlich sollte es ein wissenschaftliches Buch werden

Den „Gewinn“ des Rauchens für den Betroffenen zu reduzieren beziehungsweise in eine weniger gesundheitsschädliche Form zu bringen, gelingt im Allgemeinen nur, wenn der Wille dazu vorhanden ist. „Ein Drittel der Raucher ist mit ihrem Verhalten massiv unzufrieden und möchte etwas ändern“, berichtet Doz. Dr. Ernest Groman, gemeinsam mit Mag. Astrid Tröstl Autor von „Rauchfrei in 5 Wochen“. Diese unzufriedenen Raucher teilen sich wieder zu etwa je einem Drittel in solche, die ganz aufhören, jene, die weniger rauchen und jene, die Produkte modifizieren möchten. Denn, auch das ist ein wesentlicher Aspekt in der Rauchertherapie: das Ziel muss nicht unbedingt völlige Enthaltsamkeit sein. Allerdings, räumt Groman ein, ist für die Abstinenz weniger Disziplin vonnöten als für die Reduktion. Trotzdem greift man im Buch, das im Springer-Verlag erschienen ist, alle Facetten der Tabakvermeidung auf und legt vielerlei Strategien dar.

Bemerkenswert: „Rauchfrei in 5 Wochen“ sollte der Springer-Tradition folgend ursprünglich ein wissenschaftliches Werk sein. Im Zuge der Schreibarbeiten wurden jedoch vermehrt humorige Aspekte berücksichtigt, und die Autoren erkannten, dass sie im Begriff waren, eher einen Ratgeber für Betroffene zu verfassen. Der Verlag lenkte ein, so entstand ein Buch, dass den Rauchern weder mit dem erhobenen Zeigefinger droht, noch sie an der kurzen Leine hält, dessen Grundlagen aber auf streng wissenschaftlicher Basis recherchiert wurden, „und nicht Halbwahrheiten enthält, die irgendwo abgeschrieben wurden“, so Sozialmediziner Kunze.

Jedes Argument lässt sich irgendwie entkräften

Argumente, warum man nicht oder vielleicht gerade jetzt nicht mit dem Rauchen aufhören kann, gibt es viele. Gromann und Tröstl haben die 83 häufigsten, skurrilsten und originellsten gesammelt – und sie geben auf durchaus humorvolle Weise darauf die Gegenargumente. Zum Beispiel – die wohl gängigste Ausrede: „Ich kann aufhören, wenn ich will.“ Darauf laden die Autoren zum Nachdenken ein: „Warum machen Sie es nicht? Wer oder was hält Sie auf? Legen Sie Ihre Zigaretten weg, und wenn es so einfach ist, werfen Sie sie zusammen mit diesem Buch in den Müll! Es freut uns, dass wir so schnell helfen konnten. Vergessen Sie nicht, uns eine E-Mail zu schreiben. Wir freuen uns über Ihren Erfolg.“ Wenn es so einfach wäre!

Der rauchende Opi muss auch herhalten

Auch beliebt: „Mein 90-jähriger Bekannter ist topfit und raucht schon ewig.“ Die Antwort darauf: „Ja, wenn er den jahrzehntelangen Zigarettenkonsum nicht ausgehalten hätte, hätten Sie ihn nicht kennengelernt. Es verhält sich hier ähnlich wie bei Überlebenden von Kriegshandlungen. Wie viele Personen mit gleichem Rauchverhalten sind nicht so alt geworden? Auch hier sind Ihnen sicher Schicksale bekannt, wenn Sie genau nachdenken. Der Einzelfall lässt sich leider nicht generalisieren!“

Etwas weiter hergeholt: „Welchen Grund hätten wir sonst, die Wohnung zu renovieren?“ Dazu die Autoren mit einer plastischen Darstellung: „Stimmt, die rauchverfärbten Wände sind kein schöner Anblick. Spätestens beim Abhängen von Bildern wird die Misere sichtbar. Ein ekelhafter Anblick, oder? In Ihrer Lunge sieht es aber nicht besser aus. Sie inhalieren den Rauch hier sogar aktiv. Genau genommen haben Sie den Großteil des Rauches, der die Wände verfärbt, schon über Ihre Lunge vorgefiltert.“ Und auch das Argument, man wäre ja ohnedies dem Passivrauchen ausgesetzt („da kann ich gleich auch selbst paffen“), entkräften die Autoren: Das Risiko des Aktivrauchens übersteigt jenes des Passivrauchens um das 100- bis 1000-fache.

Das Auto ist sakrosankt, die Lunge ist es nicht

Rauchverbote – im öffentlichen Raum und im Gastronomiebereich – werden in Österreich nach wie vor nur halbherzig umgesetzt. Im privaten Bereich sind Veränderungen feststellbar. Daheim zu rauchen, ist heute lange nicht mehr so selbstverständlich wie noch vor 20 Jahren. „Sie würden sich wundern, wie viele Raucher sich weigern, in ihrem neuen Auto zu rauchen, um den Neuwagengeruch nicht zu verscheuchen. Eine Achtung, die der eigenen Lunge nicht entgegengebracht wird“, sagt Groman, ohne sich das Grinsen verkneifen zu können.

Angebote, nicht Verbote

Das Prinzip der Rauchertherapie ist es, Angebote zu machen, und nicht nur Verbote zu setzen. Die Motive für den Willen, mit dem Rauchen aufzuhören, sind vielfältig, das wichtigste ist die eigene Gesundheit, gefolgt von der Familie und Kosten. Für mehr als die Hälfte ist Stress der Grund für das Rauchen. Und fast die Hälfte der Entwöhnungswilligen, die im Nikotininstitut behandelt wurden, möchte Unterstützung durch Alternativprodukte, wobei das transdermale Nikotinpflaster das beliebteste ist, gefolgt von Inhalator und Kaugummi. Kritisch wird allerdings die nikotinhaltige E-Zigarette gesehen, die derzeit europaweit einen fulminanten Aufschwung erlebt, obwohl sie nur in Apotheken als Arzneimittel beziehungsweise Medizinprodukt erhältlich ist. Über Umwege, vor allem über das Internet, kommen auch Jugendliche an die vermeintlich gesunde Alternative, die in diesem Umfeld eher als Verführer denn als Mittel zum Ausstieg wirkt.

Gute Konzepte gibt es, Wunder nicht

Der Entwöhnungsprozess ist ansonsten höchst individuell. Selbst schwierige Fälle, die sehr viel rauchen, schaffen, so Tröstl, den Ausstieg. Aber auch wenn bei kontinuierlicher Betreuung und guter Kooperation des Betroffenen die Erfolgsquote bei 90 Prozent liegt: „Wunderheilungskonzepte haben wir leider nicht“, stellt die Pädagogin fest. Der Titel des neuen Buchs soll nicht irreführen: Man muss nicht in fünf Wochen aufhören. Jeder kann seinen eigenen Rhythmus finden. Das Buch will jedoch ein Betreuungsprogramm nicht ersetzen, sondern dabei unterstützen. Begleitend zum unterhaltsamen, professionellen Ratgeber bieten die Autoren auch eine Internetseite und Kommunikationsmöglichkeiten mit ihnen an. Der erste Test für das Buch ist ein Pilotprojekt im deutschsprachigen Teil des Springer-Verlags selbst. Dort will man das Buch als Basis hernehmen, um möglichst viele Mitarbeiter vom Rauchen loszueisen. Zumindest jene, die nicht meinen, dass man ja an irgendetwas sterben muss.

Raoul Mazhar und Verena Kienast, Ärzte Woche 22/2014

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