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© Michael Janousek

Sicher ist sicher: Prof. Dr. Mosgöller rät, Smartphones nicht zu nahe an sich heran zu lassen.

© Daniel Kalker/picture alliance

Ein Mann und sein Handy: Legionär telefoniert an Spanischer Treppe in Rom mit Smartphone.

 
Onkologie 14. Dezember 2015

VIDEO: Sprich mit George!

Insider George L. Carlo berät Kläger gegen die Mobilfunkindustrie. Stoff für eine Kinodoku.

Der Filmemacher Klaus Scheidsteger zeichnet ein düsteres Bild der PR-Lobby, die negative Forschungsergebnisse nicht zur Kenntnis nehme und unbotmäßige Wissenschaftler mundtot machen wolle.

Keine Gesundheitsgefahr durch Mobilfunk. So titelt eine Pressemeldung des Wissenschaftlichen Beirats Funk WBF von Anfang Dezember. An sich eine Nullmeldung. Gäbe es da nicht den Zusatz in der sechsten Zeile „aus heutiger Sicht“. Aus heutiger Sicht könne eine Gefährdung der menschlichen Gesundheit durch Mobilfunk bei Einhaltung der Grenzwerte ausgeschlossen werden. Klaus Scheideggers neue Kinodoku Thank you for calling baut auf diesem leichten Unsicherheitsgefühl auf, dass es da doch Wechselwirkungen gegen könnte. Vor allem elektrosensible Menschen werden aufhorchen: Denn der Film behandelt die nicht gerade zimperlichen Umgangsformen von Mobilfunkgiganten, die sich gegen mögliche Schadenersatzklagen in den USA absichern wollen.

Roter Faden Ungewissheit

Scheidsteger geht gleich zu Beginn seiner filmischen Anklage gegen die einstigen Hauptkonkurrenten auf dem Handymarkt, Motorola und Nokia, aufs Ganze. Er zitiert aus der Patentanmeldung für einen Handy-Strahlenschutzapparat der Firma Nokia. Diese Erfindung sei eine Reaktion auf die Handy-Antennenschutz von Motorola gewesen. Im Patenttext habe er u. a. diese Erklärung gefunden: „Es wurde darauf hingewiesen, dass Radiowellen Zellenwuchs im Nervensystem stimulieren, was im schlechtesten Fall zu einem malignen Tumor wie zum Beispiel einen Gehirntumor führen kann.“ Weiters heißt es in der zitierten Patentanmeldung: „Obwohl die Auswirkungen noch nicht wissenschaftlich bestätigt wurden, hat die Ungewissheit eine Wirkung, wie zum Beispiel die Reduzierung der Schnelligkeit des Wachstumsmarktes der Handys.“ Das nicht mehr ganz taufrische, aber im Film dennoch „hochexplosiv“ genannte Material stammt von Scheidstegers US-Informant, Bob. Scheidsteger, der sich nicht als Handygegner sieht, und Bob, der ursprünglich anonym bleiben wollte (Scheidstegers Stimme aus dem Off: „Er hatte Angst. Der Gegner sei unberechenbar, versicherte er mir.“), treffen einander in einem Hotel-Kasten in der US-Hafenstadt Baltimore.

Bob übergibt Scheidsteger dort ein geheimes Memo. Die Stimme aus dem Off sagt, etwas wichtigtuerisch, Insider würden das „War Game Memo“ nennen – Kriegsspielplan. „Es war natürlich vertraulich und stammte von einer der größten und umstrittensten PR-Agenturen der Welt, Burson Marsteller, die Meistermanipulierer werden sie gerne genannt“. Daniela Fischer und Raimund Bretterbauer unterlegen diese Szenen mit Klängen, die so düster sind wie die Gänge des Hotels in Baltimore. Grund für dieses Memo seien wissenschaftliche Erkenntnisse aus dem Jahr 1995, damals hätten US-Forscher erstmals durch Handy-Strahlen ausgelöste so genannte „DNA-Strangbrüche“ gefunden, die Vorstufe zu Krebs. „Dieses Forschungsergebnisse waren geschäftsschädigend, es mussten Gegenstrategien her.“ Die Grundlinien dieser Strategie, nämlich: Es gibt kein Handyproblem, seien bis heute gültig, kritisiert Scheidsteger:

• Wissenschaftler, die Probleme finden generell anzweifeln;

• Wissenschaftler als nicht kompetent diskreditieren;

• alle Studien müssen reproduziert werden;

• nur eigene Forschung finanzieren und kontrollieren;

• generell jedes Gesundheitsrisiko abstreiten.

Scheidsteger behauptet im Film nicht, dass Handy telefonieren Krebs verursacht. Er wehrt sich aber gegen ein Denkverbot in diese Richtung.

Da Mobilkommunikation eine junge Technologie ist und die Nutzer allfällige Auswirkungen erst in 20 bis 30 Jahren zu gewärtigen haben, rät Prof. Dr. Wilhelm Mosgöller von der MedUni Wien zu einem vorsichtigen Umgang mit den Endgeräten. Der eher unaufgeregte Spezialist für medizinische Zellbiologie tritt im Film mehrmals auf. Er wird im Verfahren um die Zulassung von Schadenersatzklagen in den USA als Experte gehört und begleitet den Regisseur zur Vorpremiere der Doku. „Unsere Forschung hat gezeigt, es (Mikrowellenstrahlung, Anm.) macht tatsächlich etwas. Man muss sich vor einem Risiko schützen.“ Es sei aber nicht so, „dass wir heute telefonieren und morgen alle tot umfallen“.

Die Gegenseite

Die Kino-Dokumentation Thank you for calling prangert die Mobilfunkindustrie und deren PR-Strategie an, die kanzerogene Wirkung von Handystrahlung zu leugnen. Dem tritt das Forum Mobilfunk mit einer eigenen Filmproduktion entgegen: Pick up the phone.

https://www.youtube.com/watch?v=eyWTN3CY7y4

Die Industrie vertusche nichts, doch die elektromagnetischen Felder seien, laut der Internationalen Agentur für Krebsforschung, auf einer Stufe mit Kaffee oder Kokosnussöl einzustufen. Elektrohypersensibilität sei keine diagnostizierbare Krankheit, das empfundene Unwohlsein werde vielmehr durch die Angst vor möglichen Folgen hervorgerufen als durch die Abstrahlung des Handys.  

Martin Burger, Ärzte Woche 51/52/2015

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