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Der Morgen des 6. August 1945 sollte die Welt verändern: Aus dem Bomber „Enola Gay“ der US-Luftwaffe wurde die Atombombe „Little Boy“ über der japanischen Stadt Hiroshima abgeworfen.
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Junge Japaner veranstalten ein „Die-in“ zum Gedenken an die Opfer der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki.

 
Onkologie 18. August 2015

70 Jahre sind ein Tag

Langzeituntersuchung über Krebsrisiko nach Atombombenabwürfen: Linearer Effekt der Strahlendosis festgestellt.

Kinder reagieren am empfindlichsten auf Radioaktivität. Bis zu 100-fach erhöht war die Leukämierate unter den jüngsten Atombomben-Überlebenden in Japan. Vererbt werden die Schäden wahrscheinlich nicht.

Schätzungsweise 210.000 Menschen starben vor 70 Jahren unmittelbar an den Folgen der beiden Atombombenexplosionen über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki. Wie viele in den folgenden Jahren an den Spätfolgen des ersten Kernwaffeneinsatzes umkamen, ist nach wie vor umstritten. Hinweise lassen sich am ehesten von der Life Span Study (LSS) ableiten, die fünf Jahre nach den Bombenabwürfen ins Leben gerufen wurde. An dieser großen, bis heute andauernden Kohortenstudie beteiligten sich rund 94.000 Überlebende, die sich zum Zeitpunkt der Detonation in einem Radius von 10 Kilometer um das Explosionszentrum befanden. Zudem nahmen 26.000 Personen teil, die sich während der Explosionen in keiner der beiden Städte aufhielten.

Rund 2.400 der Teilnehmer (2,8 %) waren Dosen von über 1 Gray (Gy) ausgesetzt, bei den allermeisten (79 %) lag die Dosis jedoch unter 100 mGy, bei 55 Prozent sogar unter 5 mGy. Die Studienteilnehmer wurden im Laufe eines Gesundheitsprogramms für Atombombenopfer regelmäßig untersucht, im Vergleich zur nichtexponierten Kontrollgruppe ließen sich auf diese Weise erhöhte Tumorrisiken ermitteln.

Der Zufall entscheidet

Für die meisten von ihnen (92 %) konnte die unmittelbar absorbierte Strahlendosis berechnet werden. Diese hing unter anderem davon ab, ob sie sich während der Explosion in einem schützenden Gebäude oder draußen befanden, berichten Onkologen um Professor Kenji Kamiya von der Universität in Hiroshima. So wurde im Freien eine Strahlendosis von 7 bis 10 Gy in einem Kilometer Entfernung vom Explosionsort erreicht, in 2,5 km Entfernung lag die Dosis nur noch bei 13 mGy (Hiroshima) und 23 mGy (Nagasaki). Bei Strahlendosen ab 6 Gy bestehen kaum Überlebenschancen, eine Strahlenkrankheit mit Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit und Durchfall ist bei einer Ganzkörperbestrahlung ab etwa 1 Gy zu erwarten.

Am auffallendsten waren in den ersten Jahren nach den Explosionen steigende Leukämieraten. Solche Tumoren wurden bereits drei Jahre nach den Abwürfen verstärkt bei denjenigen festgestellt, die sich sehr nahe am Ground Zero befanden. Die Leukämiewelle erreichte ihren Höhepunkt etwa sechs bis acht Jahre nach den Atombomben-Zündungen und betraf besonders die jungen Bewohner: Pro 1 Gy berechneten die Forscher ein etwa 70-fach erhöhtes Erkrankungsrisiko für Kinder, die im Alter von etwa zehn Jahren die Katastrophe erlebt hatten. Eine Dosis von 1,5 Gy würde danach das Leukämierisiko um mehr als das 100-Fache steigern. Überlebten Kinder die ersten Jahre ohne Leukämie, sank das Risiko wieder deutlich, zum Teil bis auf Normalwerte. Bei Erwachsenen fanden die Forscher pro 1 Gy nur ein verdoppeltes Leukämierisiko, dieses blieb lebenslang bestehen.

Dem damals 16-jährigen Schüler Goro Matsuyama, der vier Kilometer vom Zerstörungszentrum entfernt in einer Fabrik arbeitete, fielen zwar ein Monat nach der Explosion die Haare aus, aber er überlebte. Seine und die Geschichten anderer „hibakusha“ (Überlebende) hat Matsuyama in dem Band „That August Day“ zusammengefasst (siehe Zur Person auf dieser Seite).

Eine Häufung von soliden Tumoren ließ sich bei den Atombombenopfern etwa zehn Jahre nach der Strahlenexposition feststellen. Auch hier stieg die Rate linear mit der Strahlendosis an. Pro 1 Gy berechneten die japanischen Forscher ein 40 bis 50 Prozent erhöhtes Risiko, innerhalb von 40 Jahren an einem soliden Tumor zu erkranken und zu sterben – auf die Entwicklung solcher Tumoren hat die Strahlenexposition also einen deutlich geringen Einfluss als auf Leukämie. Kinder erkrankten wiederum deutlich häufiger als Erwachsene – für sie ermittelten die Forscher ein 50 bis 120 Prozent erhöhtes Risiko pro 1 Gy Strahlenbelastung.

Am stärksten scheint die strahlungsbezogene Risikoerhöhung für Blasentumoren zu sein (plus 120 % pro Gy) gefolgt von Wucherungen in Brust, Lunge, Gehirn, Eierstöcken, Schilddrüse, Magen-Darmtrakt und Haut. Kein signifikant erhöhtes Risiko ließ sich hingegen für Tumoren der Prostata, Bauchspeicheldrüse, Nieren oder des Uterus nachweisen.

Insgesamt stellten die Forscher der Studie zwar einen linearen Effekt der Strahlendosis fest – mit jeder Verdoppelung der Strahlendosis verdoppelt sich auch das Krebsrisiko. Ob das jedoch auch für Dosen unter 100 mGy gilt, sei unsicher, da hier statistische Fluktuationen und andere Krebsrisikofaktoren eine genau Berechnung erschweren, schreiben Kamiya und Mitarbeiter.

Nachkommen unbelastet

Nach den Atombombenexplosionen in Japan befürchteten viele Menschen, die Strahlenschäden würden auf die Nachkommen vererbt. In diesem Punkt können die Daten aus Japan beruhigen. Dort haben Ärzte auch 77.000 Kinder, die von Überlebenden nach den Explosionen gezeugt wurden, regelmäßig untersucht. Dabei gab es weder ein erhöhtes Risiko für Fehlgeburten, Missbildungen oder Chromosomenaberrationen, noch ließ sich bei den Nachkommen bislang ein erhöhtes Krebsrisiko nachweisen. Da diese Kohorte noch recht jung ist, müsse man aber noch einige Jahrzehnte warten, um das Krebsrisiko besser einschätzen zu können, schreiben Kamiya und Mitarbeiter.

Die Seele leidet

Neue Forschungsergebnisse zeigen: Atomkatastrophen wie in Tschernobyl oder Fukushima haben einer Studie zufolge für die Opfer gravierende, oft übersehene psychische Folgen. Zum 70. Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki fordern Forscher der Fukushima Medical University im Medizinjournal The Lancet, die betroffene Bevölkerung über die tatsächlichen Gesundheitsrisiken durch Atomunfälle besser aufzuklären. So sei die Rate an Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen noch 20 Jahre nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl hoch. Ähnliche Probleme gebe es nach dem Gau in Fukushima.

Demnach leiden 14,6 Prozent der erwachsenen Evakuierten von Fukushima an psychischen Problemen, das sind fast fünf Mal mehr als in der allgemeinen Bevölkerung (drei Prozent). Dies führen die Autoren auch darauf zurück, dass die Evakuierungen recht chaotisch abgelaufen sind und die Betroffenen nur unzureichend über Gesundheitsgefahren informiert worden sind. „Obwohl die Strahlenbelastung für die Menschen nach Fukushima relativ niedrig war und keine erkennbaren körperlichen Gesundheitsschäden erwartet werden, hatten psychische und soziale Probleme einen verheerenden Einfluss auf das Leben der Menschen“, wird Studienleiter Koichi Tanigawa zitiert.

Es gelte, Lehren aus Fukushima zu ziehen. Eine der wichtigsten Aufgaben der Gesundheitsdienste sei, „verlässlich zu kommunizieren, dass bei den meisten Atomunfällen nur sehr wenige Menschen einer lebensbedrohlichen Dosis von Radioaktivität ausgesetzt sind“, schreibt ein Team um Akira Ohtsuru von der Fukushima Medical University in einem zweiten Bericht.

Eine dritte Forschergruppe um Kenji Kamiya von der Hiroshima University schreibt, dass die Krebsgefahr im Falle moderater und hoher Strahlendosen deutlich steigt. Unklar bleibe dagegen das Risiko bei niedrigen Strahlenwerten von 0,1 Gray oder weniger. Forschung sei nicht nur wichtig, um die Auswirkungen auf die Gesundheit zu ermitteln, sondern auch, um Grenzwerte zu entwickeln.

Für weitere Nachrichten aus der Onkologie siehe auch www.springermedizin.at/memo---inoncology

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