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© VdÄ/Gregor Zeitler
Dr. Deddo Mörtl
 
Kardiologie 17. Oktober 2016

Dringend ans Herz gelegt

Die Mitgliedschaft in einem Patientenverband steht zwar nicht in den Guidelines, wird von Experten wie Deddo Mörtl aber mit Nachdruck empfohlen. Grund dafür: Neue medikamentöse Therapien erfordern besonders große Disziplin.

Was gibt es Neues? Die Ursachenforscher kennen heute mehr Wegbereiter für die Herzinsuffizienz denn je: Meist gehen Risikofaktoren wie Koronare Herzerkrankung, Herzinfarkt, Bluthochdruck, Diabetes, Rauchen und Bewegungsmangel einer Herzinsuffizienz voran, diese könne aber auch genetisch bedingt sein. .Über Infektionen und Chemotherapie aus Auslöser einer Herzinsuffizienz ist wenig bekannt. „Sie spielen eine Rolle“, sagt PD Dr. Deddo Mörtl, stv. Leiter der Arbeitsgruppe Herzinsuffizienz der Kardiologischen Gesellschaft, aber eine untergeordnete.

Was noch? Dr. Christoph Dachs, Präsident der heimischen Allgemeinmediziner-Gesellschaft ÖGAM, meint, dass ein striktes Alkoholverbot bei Herzinsuffizienz-Patienten nicht notwendig sei. Wenn jemand daran gewöhnt sei, ein Glas Wein oder Bier pro Tag zu trinken und man verbiete ihm diesen Konsum strikt, „drückt das die Lebensqualität“. Es gebe zudem keine Hinweise auf günstige oder ungünstige Auswirkungen.

Die beiden Experten treten gemeinsam an die Öffentlichkeit: Zum einen, um auf die steigende Zahl an Betroffenen hinzuweisen. Zum anderen sollte der Blick auf neue Hoffnungsträger in Form von medikamentösen Therapien gelenkt werden, die den Patienten allerdings „einiges an Disziplin und Durchhaltevermögen abverlange“, wie Franz Radl vom Wiener Herzverband meint. Mörtl: „Leider ist der Beitritt zu einer Patientenvereinigung noch nicht in den Behandlungsrichtlinien drin.“

80 Prozent der Herzinsuffizienz-Patienten sind über 65 Jahre alt, in dieser Altersgruppe sei Herzinsuffizienz mittlerweile die häufigste Ursache für Spitalsaufenthalte, erläutert Mörtl, stellvertretender Leiter der Arbeitsgruppe Herzinsuffizienz der Kardiologischen Gesellschaft (ÖKG). Und weiter: „Seit Mitte der 1980er-Jahre hat sich die Zahl der Personen, die mit der Diagnose Herzinsuffizienz aus dem Krankenhaus entlassen wurden, verdreifacht.“

Lebensverlängernde Medikamente

Von Herzinsuffizienz spreche man, wenn das Herz den Körper nicht mehr ausreichend mit Blut – und damit Sauerstoff – versorge könne, sagt Mörtl. Das könne daran liegen, dass das Herz zu steif ist, um sich ausreichend mit Blut zu füllen. Diese noch nicht erfolgreich therapierbare Form der Herzinsuffizienz betreffe rund die Hälfte der Patienten. Die andere Hälfte leide unter einer zu geringen Auswurfleistung des Herzens. Ihre Lebenserwartung und Leistungsfähigkeit könne eine adäquate Behandlung deutlich erhöhen.

Mörtl dazu: „Die Medikamente der vergangenen Jahrzehnte hatten keinen Einfluss auf die Prognose. Es folgten Substanzen, die Anpassungsvorgänge zur Aufrechterhaltung des Blutkreislaufs blockieren, welche zwar im Akutfall sinnvoll, bei chronischer Herzschwäche aber schädlich sind. Einen völlig neuen Ansatz verfolgt die jüngste Medikamenten-Generation, indem sie Vorgänge unterstützt, die zu einer Gefäßerweiterung führen, das Herz entlasten und den schädlichen Umbau des Herz-Bindegewebes verhindern.“

Therapietreue als Voraussetzung

„Alle diese Medikamente wirken jedoch nur bei regelmäßiger und konstanter Einnahme“, sagt Dachs. Daran hapere es aber oft, denn die Präparate basierten auf einer Senkung des Blutdrucks, die Patienten oft als belastend erleben. Mit den Nebenwirkungen, wie z. B. Schwindel und Erschöpfung, wenden sie sich an den Hausarzt, von dessen Überzeugungsarbeit dann oft die Therapietreue und damit der Behandlungserfolg abhängen. Beim Hausarzt erfolge aber meist auch die Früherkennung, die wegen der unspezifischen Symptome schwierig sei. „Betroffene selbst tun Atemnot bei leichter körperlicher Aktivität, geschwollene Beine oder Knöchel, Abgeschlagenheit, Schwindel etc. gern als normale Alterserscheinungen ab. Der Hausarzt muss hier hellhörig sein und für eine rasche Abklärung sorgen.“

Die Diagnose Herzinsuffizienz stelle meist auch eine psychische Belastung dar, erklärt Dachs: „Immerhin geht es oft um einen drastischen Abbau der körperlichen Fähigkeiten. Die modernen, das Herz entlastenden Medikamente können das Leben deutlich verlängern, führen anfangs allerdings dazu, dass sich die Leute erst recht in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt fühlen.“ Darüber hinaus fehle vielen betagten Patienten eine Person, die sie motiviert, die Medikamente zu nehmen, moderate, aber regelmäßige Bewegung in den Alltag einzubauen und auf einen gesunden Lebensstil zu achten. Eine wichtige Unterstützung für den Hausarzt seien hier Herzinsuffizienz-Schwestern, aber auch Selbsthilfegruppen.

Strukturierte Netzwerke

Damit also die Vorteile neuer Therapien wirklich beim Patienten „ankommen“, brauche es noch viel mehr gut strukturierte Netzwerke, in deren Rahmen sich alle an der Betreuung Beteiligten austauschen: vom Hausarzt über den niedergelassenen Internisten bis hin zur Spitalsambulanz und den Angehörigen bzw. mobilen Pflegekräften – darin waren sich sowohl ÖGAM-Präsident Dachs als auch der Kardiologe Mörtl einig.

Für den Herzverband in Wien spricht Franz Radl: „Es soll nichts schöngeredet werden: Herzinsuffizienz ist vor allem im fortgeschrittenen Stadium eine Erkrankung, die einem das Leben schwer macht. Im Herzverband sollen die Betroffenen aus den Erfahrungen anderer lernen und sich gegenseitig motivieren.“ Dabei gehe es ums „Durchhalten“ bzw. um Therapietreue– und um Fitnesstraining: „Unsere Turnwarte absolvieren regelmäßig Schulungen und arbeiten stets auf Basis neuester und gesicherter medizinischer Erkenntnisse.“

Bis in die 1980er-Jahre habe man HI-Patienten Schonung verordnet, erklärt Mörtl. Heute sei ein auf die individuelle Leistungsfähigkeit abgestimmtes Fitnesstraining Teil der Behandlung. „Das erhöht die Leistungsfähigkeit und es gibt Hinweise auf eine verbesserte Prognose.“ Radl appelliert an junge Menschen, nicht zuzuwarten, sondern einmal im Jahr einen Arztbesuch für einen Hypertonie-Check zu nutzen.

Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 42/2016

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