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Klinikum Wels-Grieskirchen

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Kardiologie 19. Juli 2016

Europäische Hypertensiologen tagten in Paris

Die Diskussionen bei der Jahrestagung der European Society for Hypertension (ESH) rankten sich hauptsächlich um die SPRINT-Studie. Doch dabei ging es nicht nur um die Blutdruckzielwerte, wie Priv. Doz. Dr. Thomas Weber betont.

Was waren die Highlights der diesjährigen ESH-Tagung?

Doz. Weber:Es gab zwar heuer nicht die großen Neuigkeiten im Sinne einer Erstpräsentation von Daten aus großen Studien. Dafür gab es genug Möglichkeiten sich mit den Ergebnissen der SPRINT-Studie, einem Meilenstein in der Behandlung der Hypertonie, auseinanderzusetzen. Es waren einige Autoren dieser US-amerikanischen Studie vor Ort, womit eine rege Diskussion vorprogrammiert war. Aus Sicht der europäischen Blutdruckexperten wurden die SPRINT-Daten ja eher mit Zurückhaltung aufgenommen. Zur Erinnerung: Die randomisierte SPRINT-Studie, in die 9361 Hochrisikopatienten eingeschlossen waren, ist wegen der Überlegenheit eines Therapiearms vorzeitig beendet worden. Teilnehmer, bei denen ein Blutdruckziel von < 120 mmHg systolisch angestrebt wurde, schnitten signifikant besser, als diejenigen, die dem derzeit empfohlenen Zielwert von < 140 mmHg zugeteilt waren. In der Gruppe mit dem Zielblutdruck von < 120 mmHg gab es fast ein Viertel weniger Todesfälle und fast ein Drittel weniger kardiovaskuläre Ereignisse als in der Zielblutdruckgruppe < 140 mmHg. Das ist schon ein beeindruckendes Ergebnis. Doch es gibt auch Kritikpunkte.

Welche Einwände wurden in Paris angeführt?

Doz. Weber: Vor allem wurde die Art der Blutdruckmessung diskutiert. In der SPRINT-Studie wurde der Blutdruck mittels „unattended automated blood pressure measurement“ gemessen. Das heißt: Den Patienten wurde ein automatisches Messgerät angelegt, mit dem sie in ein ‚stilles Kämmerlein‘ geschickt wurden. Dort wurden laut vorprogrammierten Intervallen nach 5 Minuten ruhigem Sitzen 3 Messungen im Abstand von einer Minute durchgeführt und daraus der Durchschnitt errechnet. Laut Untersuchungen des Kanadiers Martin Myers, der diese Methode entwickelt hat, ist dieser Wert vergleichbar mit dem Tagesdurchschnitt der 24-Stunden-Messung. Gerade das wird aber von vielen Experten bezweifelt. Fest steht jedenfalls, dass in den bisherigen großen Hypertonie-Studien diese Messmethode noch nie verwendet wurde, sodass ein Vergleich mit bisherigen Ergebnissen nicht wirklich sinnvoll ist. Martin Myers war bei der Tagung anwesend und erklärte im Detail die Vorteile der Methode.

Wie beurteilen Sie selbst die unbeobachtete automatische Blutdruckmessung?

Doz. Weber: Ich denke schon, dass diese Art der Blutdruckessung Zukunft hat. Sie gibt verlässlichere Auskunft über die Höhe des Blutdrucks als die klassische Arztmessung in der Ordination, weil der „white coat“ Effekt wegfällt. Auf eine Blutdruckmessung im Alltag des Patienten wird man aber auch mit dieser Methode nicht verzichten können, also 24-Stundenmessung und/oder Selbstmessung.

Wird die ESH die Zielwerte aufgrund der SPRINT-Ergebnisse in nächster Zeit senken?

Doz. Weber: Nach den Diskussionen beim Kongress glaube ich das eher nicht. Die letzte Aktualisierung der ESH-Guidelines stammt aus dem Jahr 2013. Darin wurden die Blutdruckziele vereinfacht, mit einer Empfehlung von 140/90 mmHg für fast alle Patienten. Das hat den ärztlichen Alltag erheblich erleichtert und die Empfehlung ist auch für die Patienten leichter verständlich. Man wird sehen, wie es weitergeht. Vor der nächsten Aktualisierung ist ein sogenanntes Reappraisal zu erwarten. Ich gehe davon aus, dass ein solcher Zwischenbericht demnächst kommen wird. Da wird sich schon abzeichnen, in welche Richtung die Blutdruckziele beim nächsten Guideline-Update gehen werden.

Welche anderen Themen der Tagung waren für Sie interessant?

Doz. Weber: Etliche Vorträge und Präsentationen beschäftigten sich mit dem Bereich Compliance und Adhärenz. Hier gibt es bekanntlich große Probleme, denen man besser als bisher beikommen möchte. Auch die renale Denervation war ein Thema. Die Bücher hierzu sind sicher noch nicht geschlossen. Nach der Ernüchterung, die sich nach der SIMPLICITY HTN 3-Studie breitgemacht hat, wird gerade ein neuer Anlauf genommen. Es sind internationale Studien angelaufen, an denen auch das Klinikum Wels-Grieskirchen beteiligt ist. Im Unterschied zu SIMPLICITY HTN 3 setzt man nun auf unbehandelte Patienten und auf neue, verbesserte Katheter. Aus früheren Studien hat man gelernt, dass eine medikamentöse Mehrfachtherapie, die Voraussetzung für die Studienteilnahme war, sehr fehleranfällig ist und das Ergebnis wahrscheinlich verfälscht hat. Auch hat man gelernt, dass man umfassender und konsequenter denervieren muss, um den gewünschten Erfolg zu erzielen.

Haben Sie selbst auch Daten in Paris präsentiert?

Doz. Weber: Ja, wir haben unser Pilot-Projekt vorgestellt, das seit Herbst 2015 in Wels läuft. Im Rahmen davon wird in Apotheken eine Messung der Pulswellengeschwindigkeit angeboten. Das Messergebnis wird in leicht verständlicher Form, mit dem Begriff Gefäßalter, angegeben und mit einem Ampel-System bewertet. Im Falle von ‚Rot‘ wird die Konsultation eines Arztes empfohlen. Apotheker, Allgemeinmediziner und Internisten, wurden in das Pilot-Projekt miteinbezogen. Die Daten der ersten tausend Patienten habe ich in Paris präsentiert. Der Begriff Gefäßalter ermöglicht einen neuen Zugang zum Patienten. Ich hoffe, wir können damit nicht nur die Awareness steigern, sondern auch die Therapieadhärenz verbessern. Wenn die Betroffenen sehen, dass sich das Gefäßalter durch den Einsatz geeigneter Medikamente langfristig wieder verbessern lässt, so könnte das vielleicht mehr bringen, als unsere bisherigen Argumente.

Gab es weitere Präsentation von Mitgliedern ihrer Arbeitsgruppe?

Doz. Weber: Ein Mitarbeiter von Dr. Wassertheurer vom Austrian Institute of Technology (AIT) in Wien hat Ergebnisse präsentiert, die zeigen, dass Parameter der Gefäßsteifigkeit, die man mit speziellen Blutdruckmanschetten heute schon ganz einfach messen kann, verlässliche Aussagen über die Prognose zulassen. Für die Zukunft könnte dies heißen, dass wir nicht mehr nur anhand der Werte therapeutische Entscheidungen treffen, sondern tatsächlich anhand des individuellen Risikos. Ein Schritt in diese Richtung sind Perzentilen für die Pulswellengeschwindigkeit, die wir anhand eines Kollektivs von 4000 Patienten erarbeitet haben. Solche Kurven könnten ein Ausgangspunkt dafür sein, die Entscheidungen in der antihypertensiven Therapie individueller zu treffen und für den Patienten besser nachvollziehbar zu machen.

 

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