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© Herz-Kreislauf-Zentrum Groß Gerungs
 
Kardiologie 23. März 2016

Der Herzinfarkt bei Frauen präsentiert sich häufig atypisch

Interview Beste Gesundheit-Betriebe

Frauen sterben nach der Menopause häufiger an kardiovaskulä-ren Erkrankungen als Männer im gleichen Alter, ein Grund dafür sind die eher unspezifischen Symptome bei der Frau. Speziell Allgemeinmediziner sollten daher bei Frauen dieses Alters häufiger gezielt nach atypischen Symptomen für kardiale Erkrankungen (Müdigkeit, Abgeschlagenheit, unklare Übelkeit) fragen, betont Doz. Dr. Sebastian Globits, Leiter des Herz-Kreislauf-Zentrums Groß Gerungs im Gespräch mit der Ärzte Woche.

Wer ist häufiger von kardiovaskulären Erkrankungen betroffen – Männer oder Frauen?

Globits: Die kardiovaskuläre Mortalität ist altersspezifisch: Männer haben einen früheren Sterblichkeitsgipfel als Frauen, deren Mortalitätsrate erst ab der Menopause ansteigt, wenn der hormonelle Schutz durch Östrogene wegfällt. Es stimmt allerdings auch, dass die absolute Mortalitätsrate aufgrund kardiovaskulärer Erkrankungen von Frauen höher ist: Laut aktuellen Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben in EU-Ländern 38 Prozent der Männer und 45 Prozent der Frauen an kardiovaskulären Erkrankungen. Das liegt vor allem an der Tatsache, dass die Lebenserwartung der Frau 8–10 Jahre über jener der Männer liegt.

Sind Herzinfarkte bei Frauen nach wie vor unterdiagnostiziert?

Globits:Ja. Das liegt aber nicht unbedingt am mangelnden Bewusstsein der Ärzte für diese Problematik, dank einiger Kampagnen zu diesem Thema hat sich die Wahrnehmung in diese Richtung sicherlich verbessert. Vielmehr spielen folgende Faktoren eine Rolle: Zum einen treten bei Männern zu 90 Prozent die bekannten typischen Symptome wie etwa anhaltender Vernichtungsbrustschmerz oder ausstrahlende Schmerzen in den linken Arm oder Kiefer auf. Frauen haben demgegenüber lediglich zu etwa 50 Prozent diese Symptome, die andere Hälfte leidet nur an atypischen Beschwerden wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit oder Übelkeit, in manchen Fällen treten gar keine Symptome auf. Zusätzlich spielt die Statistik eine Rolle. Frauen leben, wie erwähnt, im Schnitt acht Jahre länger, sie sind daher im höheren Alter vom Infarkt betroffen und zum Teil bereits verwittwet. Demnach sind ältere Frauen häufiger in der Nacht alleine zu Hause, also genau zu dem Zeitpunkt, zu dem Myokardinfarkte bevorzugt auftreten: typischerweise zwischen drei und fünf Uhr in der Früh, bei der Umstellung vom Vagotonus auf den Sympathikotonus. Dazu kommt, dass Frauen bei unspezifischen Symptomen nicht unbedingt sofort den Notarzt rufen oder den praktischen Arzt aufsuchen. Im Gegensatz dazu haben ältere Männer häufiger noch ihre Partnerinnen, die über den Gesundheitszustand ihres Gatten beunruhigt sind, und bei Auftreten geringster Symptome, vor allem in der Nacht, sofort ärztliche Hilfe rufen.

Das heißt, Ärzte haben oft gar keine Chance, die Herz-Kreislauf-Patientin rechtzeitig zu erkennen.

Globits:Das stimmt. Daher sind wir Ärzte gefordert, bei älteren Frauen – also nach der Menopause – auch bei Beschwerden, die primär nicht typisch für das Herz sind, an die Möglichkeit einer kardialen Erkrankung zu denken. Allgemeinmediziner könnten von sich aus ihre älteren Patientinnen daran erinnern, Beschwerden wie Übelkeit, Magenbeschwerden, allgemeine Missempfindungen, vor allem in der Nacht ernst zu nehmen und lieber früher, als zu spät Hilfe zu holen. Übrigens ist auch bekannt, dass bei Frauen der soziale, also der häusliche Stress ein starker Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen ist. Wenn man also weiß, dass im psychosozialen Umfeld einer älteren Patientin Probleme vorliegen, ist dies in die Einschätzung der kardiovaskulären Gesundheit dieser Patientinnen unbedingt einzubeziehen.

Wie sieht die Betreuung von Infarktpatienten im Herz-Kreislauf-Zentrum aus?

Globits: Primär behandeln wir die Patienten natürlich, mit den notwendigen Medikamenten, doch ebenso wichtig ist die Lebensstiländerung, was bei vielen Patienten hochgradig erforderlich ist: Die meisten haben einen zu hohen Blutdruck, Übergewicht, sie rauchen oder leiden an Diabetes. Bei uns lernen die Patienten eine gesunde Mischkost zu sich zu nehmen, die Kalorienzufuhr auf die für unseren Lebensstil erforderlichen 2.000 bis 2.400 Kalorien/Tag einzuschränken, da in Österreich im Schnitt etwa 1.000 Kalorien/Tag zu viel gegessen und getrunken (Limonaden!) werden. Auch die Bewegungstherapie stellt einen wichtigen Eckpfeiler der rehabilitativen Maßnahmen dar. Die Erfolge stellen sich dann relativ rasch ein, innerhalb weniger Wochen verbessern sich bei allen Patienten die relevanten Risikofaktoren. Die Herausforderung besteht darin, diese Maßnahmen auch zu Hause fortzuführen, denn sonst sind nach zwölf Monaten die gesundheitsfördernden Effekte der Rehabilitation wieder verschwunden.

Das Gespräch führte Dr. Lydia Unger-Hunt

Das Herz-Kreislauf-Zentrum Groß Gerungs

Das Herz-Kreislauf-Zentrum Groß Gerungs im Waldviertel ist sowohl auf die Rehabilitation nach akutmedizinischen kardiovaskulären Eingriffen als auch auf Präventionsmaßnahmen spezialisiert. Nach einer umfassenden Diagnostik, bei der die relevanten prognostischen Parameter (Herzmuskelleistung, körperliche Leistungsfähigkeit)erhoben werden, wird ein individualisiertes Bewegungsprogramm zusammengestellt. Ernährungstherapeutische Maßnahmen, psychologische Betreuung und Optimierung der Medikation ergänzen den multimodalen Ansatz der stationären Rehabilitation, um einen nachhaltigen Behandlungserfolg zu gewährleisten!

Weitere Informationen:

Tel: +43 (0) 2812/86 81-0

www.herz-kreislauf.at

Vertragspartner der

Österreichischen Sozialversicherung

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