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Kardiologie 3. Juli 2015

Gibt es eine optimale Herzfrequenz?

Zu schnell oder zu langsam? Beides ist in Bezug auf die Herzfrequenz von Patienten mit koronarer Herzkrankheit zu vermeiden.

Definitionsgemäß wird für den erwachsenen Menschen in den meisten Lehrbüchern eine Herzfrequenz (HF) in Ruhe im Bereich zwischen 50 und 100 Schlägen pro Minute als „normal“ definiert. Unberücksichtigt bleiben häufig die Bestimmungsmethode (v.a. in der Art der korrekten Messung in der täglichen Praxis), tageszeitliche Schwankungen (mit oder ohne Korrelation zum Blutdruck?), der individuelle Trainingszustand, Begleitmedikation, etc. Zudem stellt sich die Frage nach einer „optimalen“ HF“ für gesunde Menschen bzw. Patienten mit kardiovaskulären, endokrinologischen oder infektiösen Erkrankungen.

In der Natur gilt: langsamer Herzschlag – langes Leben

Im Vergleich unterschiedlicher Spezies (ohne Winterstarre, Winterschlaf oder Winterruhe) wurde eine inverse Korrelation zwischen Lebenserwartung und HF diskutiert und als Extrembeispiele die Lebenserwartung der syrischen Springmaus von 1 – 2 Wochen bei einer HF von über 1000/min der Lebenserwartung der Riesenschildkröte von über 100 Jahren bei einer HF von 5 – 15/min gegenübergestellt.

Für den Menschen zeigen Langzeitdaten über 30 Jahre der Framingham-Studie eine mit dem Lebensalter zunehmende, signifikante Korrelation zwischen Ruhe-HF und Mortalität (Am. Heart J. 1987;113:1489). Werden Patienten mit Ruhepulsen von < 60/min jenen > 70-75/min gegenübergestellt verdoppelt sich das Risiko z.B. für den plötzlichen Tod (NEJM 2005;352:1951).

Die Reduktion der HF bedingt neben der Energieoptimierung eine Verlängerung der Diastole und somit primär der Zeit für die Koronardurchblutung und die Füllung der Herzkammern.

Unabhängig von der Medikation mit Betablockern, Verapamil, Diltiazem oder Ivabradin hat eine Bradykardisierung bei Patienten mit KHK die Abnahme ischämischer Episoden und eine Verlängerung der Belastbarkeit bis zum Auftreten von Angina pectoris und ischämietypischer ST-Senkungen im EKG zur Folge (Circ. 1990;82:1962, Circ. 1993;88:92, EHJ 2009;30:540). Plaquerupturen treten bei HF > 80/min signifikant häufiger auf als bei niedrigeren Frequenzen (Circ.2001;104:1477). Bei Patienten mit KHK ist zudem die HF in einem Bereich zwischen < 62/min und > 83/min als unabhängiger Prädiktor für die Gesamt- und kardiovaskuläre Mortalität dokumentiert (EHJ 2005;26:867). Bei PatientInnen mit eingeschränkter Pumpleistung geht der Bowditch-Effekt verloren (Zunahme der Kontraktilität parallel zur HF unter Belastung) und Füllungszeit sowie ATP-Verbrauch gewinnen besondere Bedeutung. In der Beautiful-Studie an einem Kollektiv mit ischämischer CMP wurde in der Kontrollgruppe bei einer Ausgangs-HF < 70/min versus > 70/min ein signifikanter Mortalitätsunterschied beobachtet (Lancet 2008; 327:807).

Die Ergebnisse unterschiedlichster medikamentöser Studien, vornehmlich zur Behandlung der systolischen Herzinsuffizienz, zeigen eine eindrucksvolle Prognoseverbesserung in Korrelation zur erzielten HF-Senkung (EHJ 1999 Suppl. H64). Stellt sich die Frage: Wie tief soll bei kardiologischen Patienten die HF gesenkt werden? In der Signify-Studie wurde bei Patienten mit KHK aufgrund der z. T. zitierten Voruntersuchungen die HF maximal medikamentös gesenkt. Die Ergebnisse zeigen eine U-Kurve für den Ruhepuls: Während eine HF > 80-90/min in Einklang mit früheren Daten mit einer erhöhten Morbidität und Mortalität verbunden sind, führt eine Senkung der HF unter 45/min zu symptomatischen Bradykardien und vermehrten Studienabbrüchen. Bei einer koronaren Herzkrankheit (KHK Klasse CCS 2) verschlechterte sich sogar die Prognose.

Aufgrund der derzeit vorliegenden Daten soll somit bei Patienten mit KHK und/oder systolischer Herzinsuffizienz eine Ruhe-HF von 60 – 70/min angestrebt werden.

Univ.-Prof. Dr. Thomas Stefenelli, Vorstand der 1. Medizinischen Abteilung, Donauspital Wien

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