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© Kjersti Jorgensen/Panthermedia
 
Infektiologie 3. Jänner 2017

Anhaltende Keimbelastung

Fernreisen. Vor allem von Reisen in Länder Südasiens bringen Urlauber häufig resistente Bakterien mit. Betroffene können eine Gefahr für Immungeschwächte in ihrem Umfeld sein.

red/ÄZ/p.l./eis. Fernreisen sind vor allem in der europäischen Wintersaison besonders beliebt. Die hygienische Situation, aber auch ungewohntes Essen und Hitze können das Immunsystem beeinträchtigen und den Organismus daher für hartnäckige Keime empfänglicher machen. Infektionen als Urlaubsmitbringsel von Reisen in weniger entwickelte Länder sind nicht selten. Das gilt auch für ESBL (Extended-Spektrum β-Laktamase)-bildende Enterobakterien. Jeder dritte zuvor nicht Infizierte brachte diese resistenten Keime von seiner Reise mit, wie eine aktuelle Studie zeigt.

Um die Häufigkeit solcher Infektionen nach der Rückkehr sowie Risikofaktoren genauer zu untersuchen, führten Infektiologen um Dr. Maris S. Arcilla vom Erasmus University Medical Centre in Rotterdam zwischen November 2012 und 2013 die prospektive Studie COMBAT durch (Lancet Infect Dis 2016; online 14. Oktober). 2001 zurückgekehrte Reisende nahmen daran teil, die weltweit in unterschiedlichen Ländern unterwegs gewesen waren. Zudem wurden 215 Teilnehmer untersucht, die mit einem der Reisenden im selben Haushalt lebten, aber in dem Untersuchungszeitraum selbst keine Reise unternommen hatten.

Jeder Dritte bringt resistente Keime von seiner Fernreise mit

Vor der Reise, sofort sowie einen Monat, drei, sechs und zwölf Monate nach der Rückkehr mussten die Teilnehmer Stuhlproben abgeben und unter anderem Fragen zum Reiseziel und zu Erkrankungen beantworten. Die Stuhlproben wurden auf ESBL-Keime untersucht. Die nach der Rückkehr isolierten Keime wurden auf das Vorhandensein der Enzymgruppen TEM, SHV und CTX-M gentechnisch analysiert. Darüber hinaus suchten die Wissenschaftler mithilfe einer Modellrechnung nach prädiktiven Faktoren, die für Infektionen mit solchen Keimen empfänglich machen, und berechneten die Übertragungsrate im häuslichen Umfeld. Wie Arcilla und Kollegen berichten, hatte jeder dritte zuvor nicht infizierte Studienteilnehmer (34,3 %) die resistenten Keime von seiner Reise mitgebracht. Die höchste Rate wurde mit 75 Prozent bei denen festgestellt, deren Reiseziel in einem Land im Süden Asiens lag. Der Anteil der Infizierten mit Reiseziel Zentral- und Ostasien lag bei knapp 49 Prozent und mit Ziel Westasien oder Nordafrika bei jeweils etwa 42 Prozent. Das Risiko, sich in Südafrika, Nordamerika, Europa oder Ozeanien mit resistenten Keimen zu infizieren, war bei einem Anteil von knapp sechs Prozent am geringsten.

Anhand der Ergebnisse ihrer Modellrechnung errechneten die Wissenschaftler, dass sich durch den Gebrauch von Antibiotika während der Reise die Wahrscheinlichkeit einer Infektion mit ESBL-bildenden Keimen fast verdreifacht (adjustierte Odds Ratio [OR]: 2,69). Bei der Berechnung wurden unter anderem das Reiseziel, Händehygiene und Verzehr von Nahrungsmitteln, die von Straßenhändlern gekauft wurden, berücksichtigt. Die OR lag bei 2,31 für den Fall, dass die Teilnehmer Reisedurchfall während des Aufenthaltes oder kurz nach der Rückkehr hatten. Auch bei vorbestehenden chronischen Darmerkrankungen wie Colon irritabile oder chronisch-entzündlicher Darmerkrankung war die Wahrscheinlichkeit für Infektionen mit ESBL-positiven Keimen signifikant erhöht (OR: 2,10). Die resistenten Keime ließen sich im Median bis zu einem Monat nach Rückkehr von der Auslandsreise nachweisen. Bei immerhin mehr als elf Prozent war das allerdings auch noch nach einem Jahr möglich.

Keime der ESBL-Gruppe CTM-X 9 entpuppten sich dabei als besonders hartnäckig, wie bereits in früheren Studien beobachtet worden ist. In der aktuellen Studie hielten sich diese im Darm im Median 75 Tage. Auch diejenigen, mit denen sich die Reisenden einen gemeinsamen Haushalt teilten, waren vor einer Infektion mit den resistenten Keimen nicht geschützt. Die Wahrscheinlichkeit der Übertragung der Bakterien lag bei zwölf Prozent. In der Studie hatten sich 13 von 168 Mitbewohnern angesteckt.

Mehr Bewusstsein für die Problematik auf allen Seiten

„Wir brauchen bei Ärzten und Reisenden mehr Bewusstsein für die Problematik der auf Fernreisen erworbenen und hierzulande weiterverbreiteten multiresistenten Erreger“, kommentierte Prof. Tomas Jelinek, Wissenschaftlicher Leiter des CRM Centrums für Reisemedizin in Düsseldorf die Studie. International Reisende sollten etwa während und nach der Reise auf besonders sorgfältige Hygiene achten. „Regelmäßiges und gründliches Händewaschen schützt gefährdete Personen im Umfeld bis zu einem gewissen Grad“, so Jelinek. Aber auch die Vermeidung von Reisedurchfall durch sorgfältige Lebensmittelhygiene sei wichtig.

Reiserückkehrer sollten die Ärzte darauf hinweisen, dass und wann sie im Ausland waren, die aktive Nachfrage kann ebenfalls mögliche Ursachen besser und schneller erkennen lassen.

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