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© Quelle: healthmap.org / eLIFE
Verbreitung von „Aedes aegypti“ (Ägyptische Gelbfiebermücke).
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Verbreitung von „Aedes albopictus“ (Asiatische Tigermücke).

 
Infektiologie 6. Juni 2016

Sie nannten sie Mücke

Die Olympischen Spiele von Rio de Janeiro werden trotz der grassierenden Zika-Epidemie stattfinden.

Die Diskussion um die Gefahren durch das Zika-Virus im Olympia-Austragungsort Rio de Janeiro hat sich durch einen offenen Brief von mehr als 150 Gesundheitsexperten verschärft. Die Fachleute plädierten darin für die räumliche oder zeitliche Verschiebung der Olympischen Spiele. Sogar eine Absage schließen sie nicht aus.

In dem Schreiben an die WHO in Genf warnten die Experten vor globalen Gesundheitsrisiken. Eine halbe Million Besucher der Spiele könnten in Rio angesteckt werden und die Krankheit mit in ihre Heimatländer bringen, hieß es darin. Die Spiele wie geplant ab Anfang August in Rio de Janeiro abzuhalten, sei „unverantwortlich“.

Zu den Unterzeichnern gehören 151 Experten von Universitäten und Gesundheitszentren in 29 Ländern. Verfasst wurde der Brief von Amir Attaran von der Universität Ottawa, Arthur Caplan und Lee Igel von der Universität New York und Christopher Gaffney von der Uni Zürich.

Die Weltgesundheitsorganisation wies die Bedenken zurück: Es bestehe keine Gefährdung der öffentlichen Gesundheit, die die Vertagung oder Absage der Olympischen Spiele rechtfertige, teilte die WHO mit. Auch würde eine solche Entscheidung „die internationale Ausbreitung des Zika-Virus nicht signifikant“ beeinflussen, schließlich sei Brasilien nur eines von fast 60 Ländern und Gebieten, aus denen Übertragungsfälle durch Moskitos gemeldet würden – und zwischen denen reger Reiseverkehr herrsche.

Weiters empfiehlt sie allen Reisenden, sich mithilfe von Mückenschutzmitteln und möglichst heller, langer Kleidung vor den Moskitos zu schützen, die das Virus übertragen. Beim Geschlechtsverkehr sollten immer Kondome verwendet werden – oder es sollte gänzlich auf Sex verzichtet werden. Das gilt auch noch mindestens vier Wochen nach der Rückkehr aus Südamerika. Denn das Virus kann durch Geschlechtsverkehr weitergegeben werden.

In Deutschland gilt seit einem Monat eine amtliche Meldepflicht für das Zika-Virus, seitdem wurden zwölf Krankheitsfälle registriert. „Wir gehen davon aus, dass sich alle Erkrankten auf Reisen angesteckt haben“, sagte eine Sprecherin des Robert-Koch-Instituts (RKI). Seit Oktober sei damit die Zahl der behördlich erfassten Zika-Erkrankungen in Deutschland auf 56 gestiegen. „Es dürfte eine nicht unerhebliche Dunkelziffer geben, da die Krankheit in der Regel mild verläuft und Betroffene gar nicht erst zum Arzt gehen“, hieß es vom RKI.

In 80 Prozent der Fälle verlaufe die Infektion symptomlos, erläutert der Wiener Virologe Norbert Nowotny (siehe Interview auf dieser Seite). In klinischen Fällen werden - wie auch bei anderen Flavivirusinfektionen– häufig unspezifische Symptome wie Fieber und Hautausschlag beobachtet. Es gebe aber auch Hinweise, dass das Zika-Virus das Nervenleiden Guillain-Barré auslöse auslöse (siehe eine kürzliche Veröffentlichung des französischen Epidemiologen Arnaud Fontanet im Journal The Lancet, bit.ly/1TiD2Sr ), aber dieses trete zu selten auf, um die Absage einer großen Veranstaltung zu rechtfertigen. Wegen der realen Gefahr einer schwerwiegenden Schädigung des Fötus („Mikrozephalie“) durch Zika-Viren sollten jedoch Schwangere (und Frauen die in nächster Zeit eine Schwangerschaft planen) eine Reise in die Zika-Epidemiegebiete in Süd- und Mittelamerika verschieben.

Für die Euro in Frankreich geben die Experten überhaupt Entwarnung. Begründung: Der wichtigste Überträger, Aedes aegypti, komme in Europa nicht vor. Für Mitteleuropa sei das mit Zika verwandte West-Nil-Virus bedrohlicher, da es sich – auch im Osten Österreichs – immer weiter ausbreitet. Die Hauptüberträger des West-Nil-Virus sind Stechmücken der Gattung Culex, die in Europa bis in den hohen Norden weit verbreitet und in großer Zahl vorkommen.

Bei Olympia wird jedenfalls mit großflächigem Einsatz von Insektiziden, auch unter Einsatz des Militärs, gerechnet. Trotz des offiziellen Ziels „Zero Zika“ der brasilianischen Regierung konnte die Ausbreitung bislang nicht eingedämmt werden. Eher im Gegenteil. Kein Wunder. Denn: „Ein Virus, das durch Stechmücken übertragen wird, ist extrem schwer in den Griff zu bekommen“, sagt Nowotny.

Zika-Vorkommen sind aber nicht so weit weg, dass man sich gar keine Sorgen machen müsste. Die WHO warnte bereits im vergangenen Mai vor einer Ausbreitung des Virus. Gefährdet seien vor allem die Insel Madeira und die Schwarzmeerküste in Georgien und Russland. Dort komme die Gelbfiebermücke Aedes aegypti, auch bekannt als Ägyptische Tigermücke, durch die das Virus vor allem übertragen werde, vor. Ein mäßiges Risiko bestehe in Mittelmeerstaaten wie Frankreich, Italien, Spanien, Kroatien, Griechenland und der Türkei, wo die Asiatische Tigermücke das Virus weitergeben könne. Von Reisen in Mittelmeerländer riet die Weltgesundheitsorganisation aber nicht ab. Gegen Mücken sollten sich Urlauber und Einheimische mit langärmliger Kleidung schützen.

Impfstofftests im November an Affen und Mäusen

Unterdessen kommen Brasilien und die USA bei der Entwicklung eines Impfstoffes voran. Im November sollen die ersten Tests an Affen und Mäusen starten. Im Februar war vereinbart worden, dass die Universität Texas und das Institut Evandro Chagas im Bundesstaat Para gemeinsam einen Impfstoff gegen das primär von Mücken übertragene Virus entwickeln. Der Impfstoff soll nach derzeitiger Planung als einmalige Dosis verabreicht werden und spätestens bis 2018 zur Verfügung stehen. Das brasilianische Gesundheitsministerium unterstützt die Entwicklung mit zehn Millionen Reais (2,5 Mio. Euro). In Brasilien gab es seit Oktober 1.384 bestätigte Fälle von Schädelfehlbildungen (Mikrozephalie) bei Babys - in 207 Fällen davon konnte eine Zika-Infektion nachgewiesen werden.

Fakten

Zika ist bisher in etwa 60 Ländern nachgewiesen worden. Besonders betroffen sind Mittel- und Südamerika. Inzwischen ist erwiesen, dass Zika Fehlbildungen bei Ungeborenen auslösen kann. Zika wird v. a. durch Mückenstiche verbreitet. Die WHO weist aber darauf hin, dass Zika auch sexuell übertragbar sei. Touristen aus Zika-Gebieten rät die WHO, nach ihrer Heimreise mindestens acht Wochen auf ungeschützten Sex zu verzichten. Das Virus ist im Sperma wesentlich länger nachweisbar als im Blut.

Martin Burger, Ärzte Woche 23/2016

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