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© Daniel Gonzalez Acuna/dpa
Eine Mitarbeiterin der von einer EHEC-Fehlmeldung betroffenen Firma Frunet in Algarrobo (Spanien) reinigt Paradeiser vor dem Verpacken mit einem Pinsel.
© Malte Christians / dpa
 
Infektiologie 17. Mai 2016

Das Jahr, in dem wir Ehec fürchteten

Dem aggressiven Darmkeim fielen 2011 mehr als 50 Menschen zum Opfer, Gemüse-Firmen mussten massiv Stellen streichen.

Vor fünf Jahren waren die Ambulanzen voll, Menschen litten an blutigen Durchfällen und Nierenversagen. Der aggressive Darmkeim Ehec machte über Nacht aus gesunden Menschen sterbenskranke Patienten.

„Durchschnittlich gibt es in Österreich pro Jahr rund 80 EHEC-Fälle. Im vergangenen Jahr waren es 129, das waren deutlich mehr, wenn auch kein einziger Fall – bis auf fünf ‚eingeschleppte‘ Erkrankungen – auf die in Deutschland für den Krankheitsausbruch verantwortlichen Ehec O104:H4 zurückzuführen war.“

Das sagte PD Dr. Pamela Rendi-Wagner ein Jahr nach dem Ausbruch der Ehec-Epidemie in Deutschland. Österreich sei somit gut davon gekommen. Die Agentur für Lebensmittelsicherheit riet damals Konsumenten dringend davon ab, rohe Sprossen und Keimlinge zu essen oder Sprossen selbst zu ziehen. Und heute? Heute ist EHEC längst aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden, abgelöst von anderen Bedrohungen. Was nicht bedeutet, dass die Krankheit weg ist.

Die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) warnte im vergangenen Jänner etwa vor dem Verzehr des Erzeugnisses „Hauswürstel nach Kärntner Art“. Das Produkt der Klagenfurter Karnerta GmbH sei mit Ehec-Bakterien verunreinigt, hieß es. Die Würsteln wurden in Hofer-Filialen in Kärnten, Osttirol sowie Teilen Salzburgs und der Steiermark verkauft.

In einer Probe des Produktes „Gutessa Hauswürstel nach Kärntner Art, 275g“ mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum 22.01.2016, Charge L5472, wurden Ehec-Bakterien nachgewiesen. Hofer und Karnerta haben den Artikel zurückgerufen.

2011 waren die Ambulanzen voll, vor allem in Norddeutschland (siehe Zusatzbericht auf dieser Seite), Menschen litten an blutigen Durchfällen und Nierenversagen, der aggressive Darmkeim machte über Nacht aus gesunden Menschen sterbenskranke Patienten.

Eine einfache Antwort auf die Frage „Sind unsere Lebensmittel heute sicherer?“ gibt es nicht. Die Tatsache, dass man unterschätze, wie viele Menschen aufgrund von Chemikalien in der Lebensmittelkette sowie durch weitverbreitete Mi-kroorganismen wie Salmonella und Campylobacter erkrankten, sollte an vielen Stellen, die in der Lebensmittelkette tätig sind, die Alarmglocken läuten lassen.

„Ein Fehler in der Lebensmittelsicherheit in auch nur einem Glied dieser Kette – von der Umwelt über Primärproduktion, Verarbeitung, Transport, Handel und Gastronomie bis zum Konsum zuhause – kann erhebliche gesundheitliche und ökonomische Auswirkungen haben,“ betont Zsuzsanna Jakab, die WHO-Regionaldirektorin für Europa.

Die Probleme im Bereich der Lebensmittelsicherheit seien durch vielfältige Faktoren bedingt. So gebe es aufgrund der Nachfrage der Verbraucher einen verbesserten Zugang zu einem breiteren Angebot an Lebensmitteln, die außerhalb der normalen Saison produziert, über Kontinente hinweg transportiert, verarbeitet und außerhalb des Haushalts konsumiert werden.

Eine Verseuchung aus einer einzigen Quelle kann sich ausbreiten und beträchtliche gesundheitliche und ökonomische Konsequenzen nach sich ziehen.

Ehec zerstörte anno 2011 auch wirtschaftliche Existenzen. „An jenem Tag hat uns der Blitz getroffen“, sagt Antonio Lavao. Der spanische Unternehmer und Gemüse-Exporteur denkt ungern an jenen 26. Mai zurück. Behörden und Forscher suchen nach verseuchtem Gemüse als Quelle. Ende Mai nennen die Behörden in Hamburg dann den Namen seines Unternehmens: Auf Gurken, die die Firma Frunet geliefert hatte, seien Ehec-Erreger gefunden worden. Das Kürzel steht für „enterohämorrhagische Escherichia coli“. Wenige Tage später sollte sich die Schuldzuweisung als falsch herausstellen. Für Lavaos Betrieb kommt der entlastende Befund zu spät. „Wir waren tot“, sagt Vertriebschef Richard Soepenberg.

Um 17 Uhr habe der erste Kunde angerufen, um seine Bestellung zu stornieren. „Um 20 Uhr hatten wir keine Kunden mehr“, erinnert sich der Niederländer. Rund 50 Arbeitsplätze, fast die Hälfte der Stellen, wurden gestrichen.

Heute verkauft Lavao wieder Gurken nach Nordeuropa, auch nach Deutschland, „unglaublich, nicht wahr?“

Eine Patientin erzählt

Die schrecklichen Erinnerungen an ihre EHEC-Erkrankung lassen die Hamburgerin Monika Pankowska auch zwei Jahre danach nicht los. „Die Bilder gehen einfach nicht weg“, sagt die 34-Jährige. Bauchkrämpfe, akutes Nierenversagen, kiloschwere Wassereinlagerungen, neurologische Störungen – drei Wochen lang wurde die Gastronomin im Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) behandelt, weil bei ihr die schwere EHEC-Verlaufsform hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS) diagnostiziert wurde. „Mir geht es inzwischen wieder gut“, sagt die Frau heute. Doch ab und zu spüre sie noch Spätfolgen.

Den Beginn des Ausbruchs datiert das Robert Koch Institut (RKI) in Berlin auf den 8. Mai in Friesland. Über die Ursache wurde lange gerätselt, aus Ägypten importierte Bockshornklee-Samen gelten als Quelle für die Infektionen.

Der jüngste bekannt gewordene Fall betraf eine 10-jährige deutsche Schülerin. Das Kind litt im vergangenen Juni unter der schweren Verlaufsform, dem hämolytisch-urämischen Syndrom.

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