zur Navigation zum Inhalt
 
Infektiologie 18. Mai 2015

Wie wandlungsfähig ist der Ebola-Erreger?

Neue Erkenntnisse zur Mutationsfreudigkeit des Virus wurden nun in „Nature“ publiziert.

Noch vor wenigen Monaten berichteten Wissenschaftler, dass das Ebola-Virus anscheinend beängstigend rasch mutiert. Nun zeigt eine Studie, dass dies nur die halbe Wahrheit ist, denn innerhalb einer Epidemie scheint das Genom relativ konstant zu bleiben.

Um den Ursprung des Virus der aktuell grassierenden Epidemie in Westafrika festzustellen und wie es sich von den altbekannten Stämmen unterscheidet, hatte ein internationales Team um Stephen Gire von der Harvard University die DNA des Virenstammes detailliert analysiert. Die Wissenschaftler sequenzierten Virenproben von 78 Patienten der ersten Stunde in Sierra Leone. Das Ergebnis, das im Fachmagazin Science publiziert wurde, war beängstigend: Das Ebola-Virus schien sehr schnell zu mutieren: „Wir haben mehr als 300 genetische Veränderungen entdeckt, die das Virus dieses Ausbruchs von jenen vorhergehender unterscheiden“, sagte Gire. Und: Von den Mutationen sind gerade jene Genregionen betroffen, die für die Genauigkeit diagnostischer Tests wichtig sind. Gires Untersuchungen unterstützen übrigens die Vermutungen, dass das Ebola-Virus der aktuellen Epidemie wahrscheinlich im Jahr 2004 aus Zentralafrika nach Westafrika kam.

Scheinbarer Widerspruch

Eine Untersuchung, die rezent in Nature von Tong et al. publiziert wurde, scheint der Studie aus Science zunächst zu widersprechen. Nach einer Analyse der genetischen Sequenzdaten (die Proben wurden von September bis November 2014 von einem Diagnoselabor der chinesischen Regierung im Einsatz gesammelt) wird die dramatische Mutationsrate nun etwas relativiert. Die Wissenschaftler rund um Yi-Gang Tong und Wu Chun-Cao, beide Epidemiologen der State Key Laboratory of Pathogen and Biosecurity in Beijing, weisen darauf hin, dass das Virus im Verlauf der letzten Epidemie in Westafrika weder tödlicher noch virulenter geworden ist.

Mutation zwischen Ausbrüchen

Tong et al. ergänzten die eigenen Erhebungen mit den Proben von Stephen Gires, der seine Daten wiederum im Mai und Juni 2014 gesammelt hatte. Die kombinierten Daten erlaubten Tong und seinen Kollegen genau zu verfolgen, wie sich das Virus während seiner Ausbreitung durch Sierra Leone von Ost nach West veränderte, bis es im Juli 2014 die Hauptstadt Freetown erreichte. Das Ergebnis: Das Virus veränderte sich genetisch nicht schneller als in den zurückliegenden Ausbrüchen, in denen es weniger Menschen infizierte und sich auch flächenmäßig nicht so ausbreitete. Will man nun ein Resümee aus der Gire- und der Tong-Untersuchung ziehen, so kann man feststellen, dass das Ebola-Virus zwischen den Ausbrüchen stärker mutiert, während es innerhalb einer Epidemie jedoch relativ konstant bleibt. Insgesamt erfasste das Team rund um Tong & Caos 440 neue Mutationen, die vor allem die Glykoprotein-Gene betrafen. Diese kodierten jene Oberflächenproteine, die für den Eintritt des Virus in die menschlichen Zellen unerlässlich sind. Daraus schließen die Forscher, dass die humane Immunantwort die Evolution des Virus antreibt.

Originalpublikationen: Tong, Y. et al, Genetic diversity and evolutionary dynamics of Ebola virus in Sierra Leone, Nature, doi:10.1038, 2015

Gire, S. K. et al., Genomic surveillance elucidates Ebola virus origin and transmission during the 2014 outbreak, Science, 2014; doi: 0.1126/science.1259657

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 21/2015

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben