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© Getty Images/Ingram Publishing
Ansteigende Infektionsraten werden vor allem bei jungen Erwachsenen beobachtet.
 
Infektiologie 21. Februar 2014

Schutz wird vernachlässigt

Chlamydien, Tripper und Syphilis feiern Comeback.

Neuinfektionen bei Geschlechtskrankheiten steigen an. Mögliche Restriktionen für Prostituierte, wie sie derzeit diskutiert werden, könnten das Problem noch verschärfen, warnt die Deutsche Gesellschaft für sexuell übertragbare Krankheiten (DSTIG).

Chlamydien, Tripper oder Syphilis – in Europa nehmen Infektionen mit Geschlechtskrankheiten zu. „Es sind immer die sexuelle Aktivität und das Fehlen von Schutzmaßnahmen, die das Infektionsrisiko steigen lassen“, betonte Prof. Dr. Norbert H. Brockmeyer, Präsident der DSTIG, gegenüber der Nachrichtenagentur dpa anlässlich des „Fachtags zur Sexarbeit und zur STI-Forschung“ im November in Köln. Brockmeyer ist Experte für Geschlechtskrankheiten am St. Josef-Spital, Universitätsklinikum Bochum.

Zwangsmaßnahmen verschlimmern die Situation

Zahlreiche Prominente hatten kürzlich einen „Appell gegen Prostitution“ von Frauenrechtlerin Alice Schwarzer unterzeichnet. Die Unterstützer fordern eine Änderung des Prostitutionsgesetzes von 2002. Deutschland sei zur „europäischen Drehscheibe für Frauenhandel und zum Paradies der Sextouristen aus den Nachbarländern“ verkommen, hieß es in dem Aufruf, der langfristig die Abschaffung der Prostitution verlangt. In dieser Debatte um Prostitution warnt Brockmeyer vor Restriktionen für Sexarbeiterinnen und vor Strafverfolgung von Freiern – trotz der steigenden Infektionszahlen: „Alles, was gegen Liberalisierung im Bereich der Prostitution arbeitet, wird die Situation deutlich verschlechtern. Damit schicken sie die Leute in den Untergrund.“

Brockmeyer appelliert für eine vorurteilsfreie und nicht stigmatisierende Beschäftigung mit der Sexualität und sexuell übertragbaren Infektionen. „Wenn wir von unserem Vorgehen bei der HIV-Infektion lernen wollen, dann sehen wir, dass alle Staaten, die versucht haben, über Zwangsmaßnahmen die HIV-Epidemiologie einzudämmen, dramatische Zuwächse an Infektionen hatten.“ Ähnliche Effekte seien wahrscheinlich, wenn Sexarbeiterinnen und Freier Strafen oder noch stärkere Stigmatisierungen zu befürchten hätten.

Syphilis häufig bei homosexuellen Männern

In ganz Europa steige die Zahl der Neuinfektionen mit Geschlechtskrankheiten. Geschätzt werden in Deutschland laut DSTIG 80.000 Infektionen mit humanen Papillomviren (HPV) pro Jahr. Diese können Gebärmutterhalskrebs verursachen. Meist junge Männer oder Frauen infizierten sich mit den Erregern.

100.000 bakterielle Infektionen durch Chlamydien, die bei Frauen und Männern Unfruchtbarkeit auslösen können, seien ebenso Anlass zur Sorge. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts kommen auch Syphilis-Erkrankungen wieder häufiger vor. So stieg in Deutschland bundesweit die Zahl der gemeldeten Fälle 2012 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 19 Prozent auf 4.410 Erkrankungen. Allerdings werden laut RKI vier von fünf der gemeldeten Fälle über sexuelle Kontakte zwischen Männern übertragen.

Die Zahl der Infektionen, bei denen Kontakte zu Prostituierten als Quelle angegeben werden, bleibt dagegen konstant. „Auch hier müssen wir das Risikoverhalten betrachten und keine Scheindebatte über Prostitution führen“, meint Brockmeyer. So würden Syphilis-Ausbrüche auch bei Besuchern von Swingerclubs beobachtet.

Ansteigende Infektionsraten seien vor allem bei jungen Erwachsenen in der sexuellen Findungsphase zu beobachten. Brockmeyer: „Hier müssen wir viel mehr Aufklärungsarbeit leisten.“

Nach einem Rückgang der sexuell übertragbaren Krankheiten nach der HIV-Epidemie in den 1980er Jahren spricht die DSTIG inzwischen von einem Comeback der Geschlechtskrankheiten. Zwar bleiben die Neuinfektionen mit HIV in Deutschland mit etwa 3.000 Fällen pro Jahr seit Jahren konstant und sind die niedrigsten in der Welt. In den letzten zehn Jahren treten andere Infektionen jedoch wieder gehäuft auf.

springermedizin.de/CL, Ärzte Woche 9/2014

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