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Infektiologie 1. Oktober 2010

Drei Jahre Blauzungenkrankheit in Mitteleuropa mit besonderer Berücksichtigung Deutschlands: welche Lehren sind zu ziehen?

Mit wenigen Ausnahmen fanden Vektor-assoziierte Erkrankungen in Mittel- und Nordeuropa lange Zeit wenig Beachtung. Seit den Ausbrüchen der Blauzungenkrankheit (BTD) 2006 im westlichen Mitteleuropa und des Chikungunya-Fiebers 2007 in Italien hat sich diese Einstellung geändert. Eher als Folge der fortschreitenden Globalisierung als aufgrund von Klimaveränderungen ist mittlerweile auch Mittel- und Nordeuropa dem Risiko der Einschleppung und Etablierung von neuartigen Krankheitserregern und -überträgern ausgesetzt. Die BTD trat als erste 'exotische' Krankheit auf: sie breitete sich nicht langsam von Endemiegebieten her aus, sondern kam plötzlich über eine unbekannte Eintrittspforte. Obwohl einheimische Gnitzenarten schon zuvor in Südeuropa als Vektoren des Blauzungenvirus (BTV) verdächtigt wurden, hatte in Europa niemand ernsthaft mit einem Ausbruch der BTD nördlich der Verbreitungsgrenze von C. imicola gerechnet. Als die Seuche ausbrach, waren die zuständigen Behörden völlig unvorbereitet, zumal weder Daten über die mutmaßlichen Vektoren, noch Gnitzenspezialisten verfügbar waren. Nachdem im primären Ausbruchsgebiet Ende 2006 ca. 2000 Viehhaltungsbetriebe befallen waren, gelang es dem Virus offenbar zu überwintern und sich 2007 in alle Richtungen auszubreiten, was bis Frühjahr 2008 zu fast 60000 Ausbrüchen (betroffenen Betrieben) in zehn europäischen Staaten führte. Dann beginnende Impfkampagnen gegen den Virusserotyp 8 führten in der dritten Übertragungsperiode (Mai 2008 bis April 2009) zu einem signifikanten Rückgang in der Anzahl der betroffenen Bauernhöfe. Ab Mai 2009 wurden nur noch vergleichsweise wenige BTV-8-Fälle aus insgesamt sechs europäischen Ländern gemeldet. Während das weitere Schicksal von BTV-8 in Europa abzuwarten bleibt, scheint der Serotyp 1 nach Norden zu wandern. Im Jahr 2008 wurden Infektionen in etwa 4900 Betrieben Frankreichs festgestellt. Aus verschiedenen entomologischen Monitoring-Programmen inzwischen vorliegende Daten deuten auf Arten der C. obsoletus- und C. pulicaris-Komplexe sowie einige andere Ceratopogoniden-Arten als wahrscheinliche Vektoren des BTV in Mitteleuropa hin. Die aus der BTD-Epidemie zu ziehende Lehre ist einmal mehr, dass prophylaktische Maßnahmen langfristig besser sind als pure Reaktion, da jene die Reaktion beträchtlich unterstützen und erleichtern können: essenzielle Voraussetzungen für einen Schutz vor neu auftretenden Vektor-assoziierten Krankheiten bzw. den adäquaten Umgang mit ihnen sind die Überwachung der einheimischen Fauna hämatophager Arthropoden, die Identifizierung potenzieller Vektoren und Kenntnisse zu ihrer Biologie, die Ausbildung von medizinischen Entomologen und Vektorbiologen sowie eine bessere Kontrolle importierter Güter und Tiere auf Krankheitserreger und Überträgerarthropoden.

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