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© Martin Burger
Bastls Büro: Die Steinhofgründe weisen verschiedene Wiesentypen auf, daher ist die Gräservielfalt höher als anderswo.
 
Immunologie 19. April 2016

Fräulein Bastls Gespür für Pollen

Lokalaugenschein: Die Heuschnupfensaison hat begonnen, die ersten Wiesengräser blühen bereits.

Eine Mitarbeiterin des Pollenwarndienstes sucht die Wiesen der Wiener Steinhofgründe nach früh blühenden Gräsern ab. Regelmäßige Geländebegehungen sind unverzichtbarer Teil der Pollen-Prognosen des Instituts.

Gräser sind angeblich gar nicht so schwer zu bestimmen. Man braucht sich nur Blattschnitt, Form des Blatthäutchens, die Länge der Grannen, die Form und Farbe der Ährchen usw. einprägen. Das sagen natürlich jene Botaniker, die sich in diese Pflanzenfamilie „eingeschaut“ haben, für den Laien schaut ein Ruchgras aber aus wie ein Fuchsschwanzgras, noch dazu wenn beide direkt nebeneinander wachsen wie auf den Wiener Steinhofgründen. Das Besondere: Diese Grasarten blühen bereits Anfang April, die violett überlaufenen schlaff heraushängenden Staubblätter von Alopecurus pratensis (Wiesen-Fuchsschwanz) zeigen quasi den Beginn der Heuschnupfen-Saison an. Die Ährchen der hohen Wiesengräser wie Knäuelgras, Aufrecht-Trespe oder Glatthafer sind noch geschlossen.

Man sollte sich selbst vor Ort ein Bild von der Vegetation machen

Dr. Katharina Bastl wandert ohne Taschentuch, aber mit Sonnenbrille adjustiert, zwischen den blühenden Gräsern umher. Die Ausrüstung wird in den kommenden Wochen komplettiert, wenn die Gräserblüte voll einsetzt und mit ihm der Heuschnupfen. Die Mitarbeiterin des Pollenwarndienstes der MedUni Wien ist häufig unterwegs, um sich selbst ein Bild von der Entwicklung der allergenen Pflanzen im Wald, auf der Wiese und in den Parks der Stadt zu machen. Als Faustregel gilt: Je unspektakulärer die Blüte, desto gefährlicher ist sie für Allergiker. Die unscheinbaren Kätzchen der Birke, der Erle oder der Hasel machen ihr mehr Sorgen als der gelb blühende Hahnenfuß, die Apfelblüte oder die Löwenzähne ringsum.

Die studierte Paläobiologin rupft ein paar Gräser aus. „Damit habe ich die Pollenbelastung reduziert“, meint sie mit einem breiten Grinsen in ihrem Gesicht. Bastl macht gern Führungen im Gelände, sogar mit Reportern. „Ich werde das morgen in meiner Pollenprognose erwähnen, man sieht schon, dass die ersten Gräser anfangen zu blühen.“ Mitte April sei gar nicht so früh, erfährt man von Bastl, 2015 habe die Blüte bereits eine Woche früher eingesetzt. Die Pollen-App des Pollenwarndienstes ist für Betroffene ein Frühwarnsystem.

Die Folgen des Gräserpollenflugs können für Allergiker fatal sein. Denn was seit Langem vermutet wurde, ist jetzt wissenschaftlich bewiesen: Der Gräserpollenflug hat einen Einfluss auf Neurodermitis, Betroffene zeigen ein deutlich verschlechtertes Krankheitsbild. Das berichtet „weiter.vorn“, das Fraunhofer-Magazin 2/16.

„Im Sommer befinden sich in einem Kubikmeter Luft mehrere Tausend Pollenkörner. Diese Dosis muten wir unseren Testpersonen zu“, sagt Prof. Dr. Norbert Krug, ärztlicher Leiter des Fraunhofer-Instituts für Toxikologie und Experimentelle Medizin, ITEM. Das ITEM verfügt als eine der wenigen Einrichtungen weltweit über einen so genannten „Pollenprovokationsraum“.

Der klimatisierte Raum ist mit Edelstahl ausgekleidet und besitzt an der Decke eine Düse zum Einleiten von Pollen oder anderen Partikeln. „So können wir simulieren, was ein Allergiker im Sommer auf einer Wiese einatmen würde“, sagt Krug. Einziger Unterschied: Während der Blütenstaub draußen je nach Jahreszeit von vielerlei Bäumen oder Gräsern stammt, bekommen es die Probanden nur mit den Pollen vom Wiesenknäuelgras (Dactylis glomerata) zu tun. Sie lösen bei fast allen Patienten, die allergisch auf Gräserpollen sind, Reaktionen aus und stehen daher stellvertretend für alle Süßgräser.

Nun wurden erstmals Neurodermitis-Patienten zum Test gebeten. Teilnehmen sollten nur Freiwillige mit einer mäßig ausgeprägten Haut- erkrankung, die keinerlei Symptome von Heuschnupfen zeigten. Zudem war bei allen Probanden eine erhöhte Allergiebereitschaft im Prick-Test nachgewiesen worden: Ihre Haut hatte bei Kontakt mit diversen Allergenen Quaddeln gebildet.

Die Testpersonen mussten sich an zwei aufeinander folgenden Tagen jeweils vier Stunden lang im Pollenraum aufhalten. Die Hälfte von ihnen bekam dort saubere Luft zum Atmen, die andere wurde mit Gräserpollen konfrontiert. Ergebnis: Wer den Pollen ausgesetzt war, zeigte binnen Stunden ein deutlich verschlechtertes Hautbild; außerdem mehrten sich in seinem Blut verschiedene Entzündungsmarker. Offenbar ist die erkrankte Haut von Neurodermitis-Patienten durchlässig für Pollenkörner und andere allergene Partikel, Milben oder Katzenhaare. Die Fremdkörper dringen ins Gewebe ein und rufen eine überzogene Abwehrreaktion hervor. Bei manchen Menschen verschlimmern sich die Hautekzeme, andere hingegen bekommen Heuschnupfen oder Asthma.

Zu den wichtigsten Akteuren in diesem Immungeschehen zählen demnach die T-Helferzellen. Sie scheiden spezielle Botenstoffe, die Zytokine, aus und heizen damit die allergische Reaktion weiter an.

Mit einem neuartigen Wirkstoff könnte es gelingen, diesen Teufelskreis zu unterbrechen. Er enthält ein DNAzym, ein künstliches DNA-Molekül mit den Eigenschaften eines Enzyms. Es drosselt die Produktion von Zytokinen in den T-Helferzellen. Dazu blockiert und vernichtet es gezielt ein Biomolekül namens GATA 3, das für diesen Herstellungsprozess unverzichtbar ist.

Offen ist in der Forschung, wo die Reizschwelle bei der Pollenbelastung liegt, ab wie vielen Pollenkörnern pro Kubikmeter Luft die Probleme beginnen. Es kommt auf die Population und die Art der Allergene an. „Die Österreicher haben eine andere Schwelle als Deutsche oder Ungarn.“ Zum Beispiel reagiert man hierzulande, vereinfacht gesagt, bei Ragweed sensibler als in Ungarn.

Eins ist sicher: Die Birken auf den Steinhofgründen werden Fräulein Bastl heuer nicht mehr gefährlich. Ihr geschultes Auge erkennt den abgeblühten Zustand schon von weiten. „Dafür bekommt man ein Gefühl.“

Martin Burger, Ärzte Woche 16/2016

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