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Immunologie 26. Mai 2015

Der Kabelbrand in den Nerven

Multiple Sklerose hat viele verschiedene Subtypen, die letztlich immer zu einem Myelinschaden führen.

Beim Entzündungsprozess der Multiplen Sklerose spielen vor allem T-Zellen, aber auch B-Zellen und Antikörper eine Rolle. Vor allem die Identifizierung der Antikörper steht im Mittelpunkt der Forschung. Je nach Mitwirkung dieser Proteinkomplexe entwickeln sich bei den Patienten verschiedene Krankheitsbilder, die auch unterschiedliche Therapien benötigen. Neue Erkenntnisse lassen das Ziel einer kausalen und individuellen Behandlung wieder ein Stück näher rücken.

„Wir wissen heute, dass es mehrere Formen der entzündlichen Entmarkungserkrankung aus dem Formenkreis der Multiplen Sklerose (MS) gibt. Unterschiedliche immunologische und klinische Mechanismen führen zu unterschiedlichen Krankheitsbildern. Daher ist die Identifizierung von Biomarkern für die Diagnose, Prognose und Therapie des Patienten ungemein wichtig“, betont Prof. Dr. Hans Lassmann, Zentrum für Hirnforschung, Abteilung für Neuroimmunologie, Medizinische Universität Wien. Das kann dem Patienten, der diese Diagnose erhält, auch mehr Zuversicht geben, denn daraus ergibt sich auch die Möglichkeit einer gezielten, individuellen Therapie. Bei den verschiedenen Formen der MS handelt es sich jedoch immer um einen pathogenen Entzündungsprozess, der zu einem Myelinschaden, dem sogenannten „Kabelbrand“ in den Nerven führt. Dabei spielen vor allem T-Zellen, aber auch B-Zellen und verschiedene Antikörper eine Rolle, deren Identifizierung und Target im Mittelpunkt der Forschung steht. Je nach Mitwirkung dieser Antikörper entwickeln sich verschiedene Krankheitsbilder, man spricht auch von Subtypen der MS, die auch verschiedene Patientengruppen betreffen“, erklärt Lassmann die Vielschichtigkeit der Krankheit.

Attacke auf Wasserkanäle der Zellen

Als einen aufsehenerregenden Forschungserfolg wird die Entdeckung pathogener Antikörper gegen Aquaporin 4 (AOP4) bezeichnet. Wie schon der Namen andeutet, betrifft es Wasserkanäle für die Kommunikation der Zellen, die dadurch gestört wird. Davon ist die Patientengruppe mit Neuromyelitis Oeptica betroffen, eine Erkrankung, die vorwiegend den Sehnerv und das Rückenmark betrifft. Diese Patienten sprechen auf die üblichen MSTherapien mit Interferonen, Natalizumab oder Fingolimod schlecht an. Gegenwärtig erfolgt die Therapie daher mit globaler Immunsuppression oder mit einem Antikörper, der B-Lymphozyten depletiert (Rituximab).

Bei einer weiteren Gruppe von Patienten, vor allem bei Kindern, wurden Antikörper gegen Myelin Oeligodenduoglia Glykoprotein (MOG) identifiziert, die ebenfalls unterschiedliche Krankheitsbilder im Vergleich zur klassischen MS hervorrufen. Die optimale Behandlung für diese Patienten kennt man gegenwärtig noch nicht. Die Patienten dürften jedoch auf ähnliche Therapien wie jene mit Neuromyelitis Optica ansprechen.

Geschädigter Kaliumkanal beeinflusst die Wasserbalance

Bei einer weiteren Gruppe von Patienten entdeckte man neue Antikörper gegen den Kaliumkanal KIR4.1 (Filippi M et al. Lancet Neurol. 2014 Aug;13(8):753–5). Dadurch wird die Wasserbalance und die Homeostase der Zellen gestört. KIR4.1 ist nicht nur in Zellen des zentralen Nervensystems vorhanden, sondern auch in der Retina, in den Nieren und im Magenepithel. Diese Patienten klagen mitunter auch über gastrointestinale Beschwerden. Mithilfe eines ELISA-Tests wurden Serum-Antikörper gegen KIR4.1 in 47 Prozent von 397 Patienten mit MS gefunden. Wenn diese Antikörper bei MS-Patienten vorhanden sind, muss man damit rechnen, dass sie ihre Targetzellen erkennen und auch zerstören.

„Diese Arbeiten konnten bislang noch nicht von anderen Forschergruppen bestätigt werden. Geringe Unterschiede in den Nachweismethoden könnten diese Diskrepanz erklären“, meint Lassmann dazu. Alle angeführten Antikörper lassen sich bereits in einem frühen Stadium der MS nachweisen. Um so wichtiger ist daher eine möglichst frühe Diagnose und Therapie. Mehrere Gruppen von Wissenschaftlern befassen sich derzeit mit dem vermehrten Auftreten dieser Antikörper.

Kriterien für eine differenzierte Diagnose verbessert

„Es ist leichter, ein Problem zu identifizieren, als es zu lösen“, umreißt Lassmann den derzeitigen Stand der Forschungen über MS. „Die Kriterien für eine differenzierte Diagnose und die Klassifizierung von Subtypen haben sich sehr gebessert, damit auch die Möglichkeiten für eine verbesserte Therapie und eine Prognose der Krankheit. Weitere Forschungen könnten noch Überraschungen bringen, denn viele Fragen sind noch unbeantwortet. Es ist durchaus zu erwarten, dass weitere Antikörper entdeckt und damit die Patienten zielgerechter behandelt werden können.

Quelle: Gesellschaft der Ärzte Wien – Billrothhaus; Vortrag von Prof. Dr. Hans Lassmann „KIRA4.1 another misleading expectation in multiple scerosis?

Gerta Niebauer, Ärzte Woche 22/2015

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